Die Kernfrage um die WM 2006 bleibt ungeklärt. Auch die vom DFB beauftragten Ermittler können nicht beweisen, ob vor dem Zuschlag für das Sommermärchen bestochen wurde. Die Rolle von Franz Beckenbauer wirft neue Fragen auf. Geld floss auch nach Katar.

Kein vollständige Aufklärung der Affäre, dafür neue Spuren zu Franz Beckenbauer: Der mit Spannung erwartete Freshfields-Bericht zu möglicher Korruption rund um das Sommermärchen rückt wieder die Rolle des deutschen WM-Machers in den Fokus.

Neuer Bericht belastet den "Kaiser" in der WM-Affäre schwer.

Die Untersuchungen bringen den damaligen Organisationschef der Fußball-WM 2006 in Zusammenhang mit dubiosen Zahlungen, die am Ende beim skandalumwitterten Mohamed bin Hammam in Katar gelandet sein sollen.

Die wesentlichen Fragen konnte auch der am Freitag vorgestellte Report der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer nicht klären.

Wie der Deutsche Fußball-Bund DFB bekanntgab, hätten die Wirtschaftsexperten keinen Beleg für einen Stimmenkauf für den Zuschlag für die WM 2006 nachweisen können.

Bestechung sei aber auch nicht grundsätzlich auszuschließen, hieß es in dem Bericht.

Neue Fragen zu Beckenbauers Rolle

"Es ist ein völliges Versagen der internen DFB-Kontrollgremien", sagte DFB-Interimspräsident Rainer Koch bilanzierend zu den Vorgängen. "Das darf sich auf keinen Umständen wiederholen."

Neue Fragen werfen die Untersuchungen zur Rolle Beckenbauers auf. So sollen zwischen Mai und Juli 2002, also nach dem WM-Zuschlag für Deutschland, in vier Tranchen sechs Millionen Schweizer Franken über ein Konto von Beckenbauer und seines damaligen Beraters Robert Schwan an das Schweizer Advokatbüro Gabriel & Müller geflossen sein.

Dieser Betrag soll weiter an das Konto einer Gesellschaft in Katar gegangen sein, deren einziger Anteilseigner der mittlerweile lebenslang gesperrte Ex-FIFA-Funktionär bin Hammam war.

Im August 2002 streckte dann der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus offensichtlich dem WM-OK ebenso wie Beckenbauer Geld vor und überwies zehn Millionen Franken auf das Konto der Juristen Gabriel & Müller.

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Von dort gingen sechs Millionen auf das Beckenbauer-Konto zurück und vier weitere Millionen nach Katar. Bin Hammam bestreitet laut Freshfields das Geld bekommen zu haben.

Nach Auskunft seines Anwalts war Beckenbauer überrascht "über die gewonnenen Erkenntnisse, die aber seine bisherige Erinnerung durchaus zutreffend ergänzen."

6,7 Millionen Euro mit falschem Verwendungszweck

Bin Hammam steht unter Verdacht, die finanziellen Zuwendungen an asiatische WM-Wahlmänner des Fußball-Weltverbandes FIFA weitergereicht zu haben. Andere ebenso nicht bewiesene Vermutungen besagen, dass das Geld für den Präsidentschaftswahlkampf von FIFA-Boss Joseph Blatter im betreffenden Jahr 2002 verwendet worden sein könnte. Dies wird von den Beschuldigten bestritten.

Laut Freshfields-Bericht zahlte der Verband am 27. April 2005 6,7 Millionen Euro mit dem falschen Verwendungszweck "Kostenbeteiligung OK an FIFA Football Gala" an den Weltverband. Von dort ging es weiter an Louis-Dreyfus zurück. Es sei ein Zahlungsvorgang, der "zehn Jahre verheimlicht, zehn Monate beschönigt" und eigentlich in "zehn Sekunden zu erklären" gewesen sei, erklärte Koch. "Der DFB hat zehn Millionen Schweizer Franken an eine dem Einflussbereich Mohamed bin Hammams zuzurechnende Firma in Doha gezahlt."

Niersbach nicht weiter belastet

Ex-DFB-Chef Wolfgang Niersbach wurde am Freitag nicht noch weiter belastet, laut Freshfields sei ihm keine Kenntnis der Vorgänge vor 2015 nachzuweisen gewesen.

Der im Zuge des Skandals zurückgetretene Präsident habe bereits im Juli 2015 "Kenntnis von Unregelmäßigkeiten" gehabt, das Präsidium sei aber erst Mitte Oktober durch die erste Veröffentlichung des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" einbezogen worden.

Niersbach vertritt den DFB weiter in den Exekutivkomitees der FIFA und Europäischen Fußball-Union UEFA. Es sei noch nicht der Zeitpunkt über personelle Konsequenzen zu reden, sagte Interimschef Koch.

Insgesamt befragte die Kanzlei 31 Beteiligte. "Wir konnten nicht alle Personen sprechen, die wir sprechen wollten", sagte Christian Duve von Freshfields. So habe sich etwa der frühere FIFA-Chef Joseph Blatter nicht geäußert.

Auch seien nicht alle Akten verfügbar gewesen. Duve stellte die Fragen, "ob es unangemessen Ehrgeiz gegeben" habe, eine "ausgeprägte Neigung zum Wegschauen" oder "fehlende Transparenz".

Die Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer stellte die Ergebnisse ihrer monatelangen Ermittlungen am Freitag zunächst dem 45-köpfigen DFB-Vorstand vor. Der Verband hatte durch den Skandal großen Schaden genommen, Niersbach trat im November zurück.© dpa