Das Verletzungspech hat die deutschen Handballer ordentlich erwischt. Bekannte Gesichter sind in der Nationalmannschaft kaum noch zu finden. Bei der Europameisterschaft in Polen kommt es nun vorwiegend auf die jungen Talente an. Ihre Unberechenbarkeit soll die große Stärke sein.

Einfach waren die vergangenen Wochen für Dagur Sigurdsson sicherlich nicht. Der Bundestrainer musste eine Hiobsbotschaft nach der anderen verkraften.

Erst erlitt Kreisläufer und Abwehr-Hüne Patrick Wiencek einen Kreuzbandriss. Dann folgte der Muskelfaserriss von Uwe Gensheimer, der als einer der besten Linksaußen der Welt gilt.

Wenige Tage später, beim Spitzenspiel der Rhein-Neckar Löwen gegen den THW Kiel, zog sich der treffsichere Rechtsaußen Patrick Groetzki bei einem Sprungwurf einen Wadenbeinbruch zu.

Drei der wichtigsten Leistungsträger fehlen der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) somit bei der bevorstehenden Europameisterschaft in Polen.

Um das einmal in den Fußball zu übersetzen: Das ist etwa so, als müsste Bundestrainer Joachim Löw im Sommer ohne Thomas Müller, Jerome Boateng und Bastian Schweinsteiger zur Europameisterschaft nach Frankreich reisen.

Dennoch blicken die Handballer dem bevorstehenden Turnier optimistisch entgegen.

"Deutschland ist die beste Nation, um solche Verletzungen zu kompensieren. Wir haben eine sehr gute Breite", sagte Sigurdsson dem Sport Informations-Dienst: "Ich sehe keinen Grund, warum wir keinen guten Handball spielen könnten."

Die Unberechenbarkeit soll die neue Stärke der Nationalmannschaft sein. "Wir haben in jedem Testspiel andere Stärken gezeigt. Immer spielen sich andere Leute in den Vordergrund", erklärte Rune Dahmke im aktuellen Sportstudio des ZDF.

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Zwei Hoffnungsträger aus Kiel

Pessimisten könnten die DHB-Auswahl als eine Truppe der Gesichtslosen bezeichnen. Optimisten sprechen von einer Mannschaft mit aufstrebenden Talenten.

Ausgerechnet der Rekordmeister THW Kiel, der die vergangenen Jahre nur selten auf deutsche Nachwuchsspieler setzte, schickt zwei der größten Hoffnungsträger zur Europameisterschaft: Den Linksaußen Dahmke und Rückraumspieler Christian Dissinger.

Der 22-jährige Dahmke debütierte zwar erst im November bei der Nationalmannschaft, hat aber in der Champions League längst seine internationale Bewährungsprobe bestanden.

Der 24-jährige Dissinger kam im Sommer nach Kiel, nachdem seine bisherige Karriere vom Verletzungspech geprägt war.

Überraschend schnell entwickelte er sich zum Leistungsträger, der auch in entscheidenden Spielsituationen Verantwortung übernimmt. Diese Rolle könnte er auch bei der Nationalmannschaft ausfüllen.

Ganz ohne erfahrene Kräfte muss die DHB-Auswahl glücklicherweise nicht auskommen. Spielmacher Martin Strobel ist praktisch der Taktgeber der Mannschaft und geht bereits in sein sechstes Großturnier - allerdings war er als Führungsspieler nie so gefordert wie jetzt.

Eher schon gewohnt ist dies Steffen Weinhold vom THW Kiel, der mit seinem starken linken Wurfarm ein Torgarant ist.

Der 29-Jährige ist praktisch der einzige Deutsche bei der EM, der sich als internationaler Handball-Star bezeichnen lässt.

Zumal der renommierte Torwart Silvio Heinevetter, der nicht zuletzt wegen seiner Beziehung mit der Tatort-Schauspielerin Simone Thomalla der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, aufgrund schwankender Leistungen zu Hause bleiben musste.

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Schwerer Auftakt gegen Spanien

Die Aufgaben bei der Europameisterschaft haben es in sich. Gleich zum Auftakt am Samstag wartet mit Spanien eine echte Mammut-Aufgabe.

Die Südeuropäer gewannen 2013 die Weltmeisterschaft, wurden 2014 EM-Dritter und 2015 WM-Vierter.

Dahmke sieht den schweren Auftakt positiv: "So können wir gleich zeigen, wie gut wir drauf sind. Wenn wir das Spiel gewinnen, wäre das ein wichtiger Schritt."

Aufgrund mangelnder Erfahrung dürfte es kaum möglich sein, eine international erprobte Mannschaft wie Spanien im Angriff auseinanderzunehmen.

Die Taktik dürfte vielmehr lauten, sicher in der Abwehr zu stehen und mit Kontern (sogenannten Gegenstößen) zu Torerfolgen zu kommen.

Weitere Vorrundengegner sind der Rekord-Europameister Schweden (18. Januar) und Slowenien (20. Januar).

Lediglich gegen Letztere hat Deutschland mit 16 Siegen und 5 Niederlagen eine positive Bilanz.

Chancen auf Weiterkommen nicht schlecht

Immerhin: Die ersten drei Mannschaften der Gruppe ziehen in die Hauptrunde ein, sodass die Chancen auf ein Weiterkommen nicht schlecht stehen.

Die Hauptrunde ist praktisch eine zweite Gruppenphase, in der man sich für das Halbfinale qualifizieren kann.

Deutschland ist weit davon entfernt, die Runde der besten Vier als Ziel auszugeben. Der Druck auf die junge Mannschaft soll nicht zu groß sein.

"Ich glaube, dass man nicht nur nach dem Tabellenplatz schauen sollte, sondern auch auf die Art und Weise, wie die Mannschaft auftritt", sagt Sigurdsson.

Der DHB-Sportdirektor Wolfgang Sommerfeld bringt die Situation auf den Punkt: "Wir sind nicht Weltmeister der besten 16 Spieler, aber Weltmeister der besten 50 Spieler, weil wir so einen ausgeglichenen Kader haben."

Zwar darf Sigurdsson nur 16 Spieler mit zur EM nehmen. Doch es bleibt die Hoffnung, dass diese über sich hinauswachsen.