Hamburg (dpa) - Weder Thomas Tuchel noch Huub Stevens oder Felix Magath - der Hamburger SV setzt bei der Suche nach einem Weg aus seiner Dauerkrise mit Josef Zinnbauer auf eine kleine Lösung.

Einen Tag nach der Entlassung von Mirko Slomka präsentiert HSV-Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer den bisherigen U-23-Trainer als neuen Cheftrainer - allerdings mit dem Zusatz "bis auf Weiteres". Der 44-jährige Zinnbauer, der mit seinem Team in der Regionalliga Nord die bisherigen acht Saisonpartien allesamt gewonnen hat, soll sich als fünfter Cheftrainer in dreieinhalb Jahren auf dem HSV-Schleudersitz versuchen.

"Große Lösung, kleine Lösung - wir brauchen eine passende Lösung. Wir glauben, dass Joe das sein kann. Er hat alle Mittel dazu. Er besitzt alle Grundvoraussetzungen, die Mannschaft zu begeistern", sagte Beiersdorfer auf einer Pressekonferenz in Hamburg und ergänzte: "Von Joe versprechen wir uns, dass er mit seiner Emotionalität, seinem Auftreten, seinem Wirken die Mannschaft greifen kann." An Zinnbauers Seite wird der Nachwuchschef Patrick Rahmen als Co-Trainer arbeiten, Stefan Wächter übernimmt den Posten des Torwarttrainers.

Beiersdorfer hatte am Montagabend Slomka das Aus nach nur sieben Monaten verkündet. "Wir haben zum Schluss den Glauben in eine positive Entwicklung der Mannschaft verloren", gestand Beiersdorfer, der jetzt auf Kontinuität auf dem Trainerposten hofft. Bei Slomkas Vorgänger Bert van Marwijk war schon nach fünf Monaten Endstation. Dagegen muten die knapp zwei Jahre zuvor von Thorsten Fink wie eine Ewigkeit an. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen: Beim HSV gibt es eine Drehtür zum Trainerzimmer, die im Dauerbetrieb kreiselt. Acht Trainer und fünf Interims-Übungsleiter in den vergangenen sieben Jahren sind reif fürs Guinnessbuch.

Slomkas HSV-Bilanz ist erschütternd: 16 Punktspiele saß er auf der Bank, herausgesprungen sind zehn Niederlagen, drei Siege und drei Unentschieden. Mit Ach und Krach entkam der Verein vor wenigen Monaten seinem ersten Abstieg aus der Eliteliga. Die Punkteausbeute weist Slomka hinter Michael Oenning als erfolglosesten Trainer der HSV-Geschichte aus. In den vergangenen zehn Partien gelang dem ehemaligen Coach von Hannover 96 und Schalke 04 kein Sieg. In dieser Saison gab es nicht einmal ein Tor. Selbst mit einer zuletzt auf sieben Positionen runderneuerten Mannschaft konnte er am vergangenen Sonntag beim 0:2 in Hannover keine Fortschritte nachweisen.

Obwohl das Heuern und Feuern im Volkspark seit Jahren anhält, besteht leise Hoffnung auf Besserung. Grund: Die Strukturen beim Bundesligisten sind grundlegend andere geworden, die verantwortlichen Personen wurden ausgetauscht. Durch die ausgegliederte Profi-Abteilung, die auf Aktienbasis neue Finanzquellen erschließen will, ist eine andere Entwicklung des mittelständischen Unternehmens HSV möglich, als das in Form eines eingetragenen Vereins mit Mitgliedervetorecht bisher der Fall war. Größter Hoffnungsträger für eine Umwälzung beim HSV ist dabei Beiersdorfer. Der 50 Jahre alte Vorstandsvorsitzende gilt als seriöser und emsiger Arbeiter, der im Gegensatz zu vielen anderen nicht das Bad in der Menge sucht und sich lieber die Zunge abbeißt, bevor er Interna ausplaudert.

Was beim HSV aber an frühere Zeiten erinnert: Leute wie HSV-Edelfan und Investor Klaus-Michael Kühne mischen sich ins operative Geschäft ein und torpedieren damit Beiersdorfers Kurs. "Es stecken null Prozent Kühne in der Entlassung von Slomka", verteidigte sich Beiersdorfer. Milliardär Kühne, der dem HSV bislang 25 Millionen Euro zu einem erklecklichen Zinssatz geliehen hat, posaunt seine Vorstellungen von guten und schlechten Trainern und eben solchen Spielern heraus. Slomka mochte er nie. Thomas Tuchel, so hört man, soll er super finden. Doch der frühere Mainzer Coach hat dem HSV bereits einen Korb gegeben haben, wie Radiosender NDR 90,3 herausfand.

Ob Tuchel ein Thema bleibt, falls die Lösung mit Zinnbauer nicht greift, ist offen. Wäre der frühere Mainzer Coach, der sich eine Auszeit gönnt und bis Saisonende beim FSV unter Vertrag steht, nach Hamburg gekommen, wäre eine Ablösesumme an Mainz fällig gewesen. Die Hamburger müssen aber schon jetzt tüchtig bluten für die verkorkste Vergangenheit: Fink, van Marwijk und Slomka sowie Ex-Sportchef Oliver Kreuzer kosten stattliche Abfindungen. Ein Fass ohne Boden.

Am Dienstag hatten nahezu im Sekundentakt Trainernamen die Runde gemacht. Felix Magath war dabei, der beim englischen Zweitligisten FC Fulham am Tabellenende angekommen ist; Thomas von Heesen, Markus Babbel, Bernd Schuster, Stefan Effenberg, Thomas Doll und Huub Stevens wurden genannt. Stattdessen jetzt Zinnbauer. Der dynamische Coach, der am Mittwoch sein erstes Profitraining leitet, hat zum Auftakt einen nahezu unüberwindbaren Brocken vorgesetzt bekommen: Am Samstag erwartet der HSV den Double-Gewinner Bayern München.© dpa