Ramallah (dpa) - Die Palästinenserin Hanan Al-Hrub ist an einem der tristesten Orte der Welt groß geworden. "Ich wurde in einer Umgebung voller Gewalt aufgezogen und hatte eigentlich nie die Chance, eine richtige Kindheit zu erleben", sagt die 43-Jährige zu ihrer Jugend im Flüchtlingslager Daheische in Bethlehem.

Umso erstaunlicher ist es, dass Al-Hrub jetzt mit dem "Weltlehrerpreis" ausgezeichnet wurde - für ihren spielerischen Ansatz zur Gewaltlosigkeit. Auslöser für ihren Wunsch, Lehrerin zu werden, war ein persönliches Trauma. "Mein Mann und meine Kinder kamen eines Tages von der Schule heim, als israelische Soldaten auf sie schossen", erzählt Al-Hrub, die heute in der Nähe von Ramallah Grundschüler unterrichtet. "Die Kinder waren furchtbar schockiert, vor allem, als sie ihren verletzten Vater sahen."

"Ich dachte sofort, was kann ich tun, um meinen Kindern dabei zu helfen, diesen Albtraum zu verarbeiten?", erzählt die fünffache Mutter. "Ich beschloss, ihnen durchs Spielen zu helfen - und es hat geklappt." Danach habe sie die Methode - beschrieben in dem Buch "Wir spielen und lernen" - auch verwendet, um ihren Schülern mit schwierigen Erfahrungen zu helfen.

Angesichts der täglichen Gewalt in den Palästinensergebieten haben viele Kinder Verhaltensstörungen und sind sehr aggressiv, teilweise auch gewalttätig. "Durch das Spiel konnte ich sie aber davon abhalten, die Gewalt um sie herum zu kopieren", sagt die lebhafte Frau, die viel lächelt.

Al-Hrub, die selbst zwei blutige Palästinenseraufstände miterlebt hat, verwandelte ihre Klasse in einen großen Spielplatz. An der Wand hängen bunte Bilder und die Tische stehen so, dass die Zweitklässler leicht miteinander und der Lehrerin spielen können.

Für ihre erfolgreiche Methode wurde sie in diesem Monat in Dubai mit dem "Weltlehrerpreis" ausgezeichnet - dotiert mit einer Million Dollar. Der Preis gilt als "Nobelpreis für Erziehung". Laudator Papst Franziskus sagte in einer Videobotschaft, die Palästinenserin habe sie "wegen der Wichtigkeit, die sie der Rolle des Spielens in der Erziehung eines Kindes beimisst", bekommen. Ausgewählt für den renommierten Preis wurde Al-Hrub unter mehr als 8000 Anwärtern aus 148 Ländern.

"Wir Palästinenser sind gezwungen, in einer gewalttätigen Umgebung zu leben", sagt sie zu ihren Lebensumständen unter fortwährender israelischer Besatzung. "Aber wir wollen leben, wir wollen in Frieden leben." Ihr Slogan "Nein zur Gewalt" ist besonders aktuell angesichts der jüngsten Anschlagswelle vieler junger Palästinenser auf Israelis.

Laut einer neuen Umfrage ist weiterhin eine Mehrheit der Palästinenser für die Messerattacken, die oft von Jugendlichen oder sogar Kindern verübt werden. Zwar sinkt die Zahl der Befürworter, 58 Prozent der Befragten hielten die Anschläge jedoch weiterhin für gut. 65 Prozent glauben laut der Studie in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung, dass ein bewaffneter Aufstand den Interessen der Palästinenser dienen könnte. Damit schwimmt Al-Hrub mit ihren Forderungen nach Gewaltlosigkeit durchaus gegen den Strom.

Dennoch sind viele Palästinenser sehr stolz auf ihre "weltbeste Lehrerin". Nach ihrer Rückkehr aus Dubai wurde Al-Hrub im Westjordanland als Heldin gefeiert. In den Straßen hängen Plakate mit ihrem Bild und ihren Worten bei der Preisverleihung in Dubai: "Bildung ist ein Menschenrecht und unsere Kinder haben ein Recht auf eine Kindheit in Frieden."© dpa