Nakhon Pathom (dpa) - Einige brüllen wie Tiger, andere kreischen wie Affen beim "Magic Tattoo Festival": Zehntausende Menschen haben am Wochenende in Thailand an einem traditionellen Fest teilgenommen, bei dem Tätowierte nach altem Glauben ihre als heilig geltenden Hautzeichnungen mit neuer Kraft versehen.

Bei der Zeremonie auf dem Platz vor dem Bang-Phra-Tempel in Nakhon Pathom, rund 50 Kilometer westlich von Bangkok, zollen die Teilnehmer einem verstorbenen Abt und berühmten Tattoo-Meister Tribut. Stundenlang sitzen die Anwesenden in sengender Hitze auf dem Boden, meditieren und warten auf den Segen der buddhistischen Mönche.

Immer wieder geraten Teilnehmer dabei in Trance und ahmen die Wesen nach, die sie sich in ihre Haut haben stechen lassen. "Die Magie in den Tätowierungen wird durch den Meister erweckt", erklärt Autor Joe Cummings, der ein Buch zum Thema schrieb ("Sacred Tattoos of Thailand"). "Wenn sie ihr Tattoo stechen lassen, geraten die Leute in Trance. Das wiederholt sich, wenn die Tätowierung aufgeladen wird."

Die Tätowierten werden mit heiligem Wasser besprüht. Einige geraten dabei in Trance.

Auch Pongsakorn Yodchumpong bäumt sich plötzlich auf und fängt am ganzen Körper an zu zittern. Mehrmals versucht er, durch die Menschenmasse nach vorne zu stürmen. Als er wieder zu sich kommt, sind seine Augen gerötet und tränen. "Ich habe keine Ahnung, wodurch es ausgelöst wird", sagt er, während seine Freundin ihm zur Beruhigung die Ohren massiert. "Ich saß da und hörte dem Sprecher zu, dann kam es langsam über mich. Ich komme jedes Jahr, und es passiert jedes Mal", ergänzt der 30-Jährige, dessen Körper mit mystischen Zeichen überzogen ist.

Auf 108 Tätowierungen an Armen, Brust und Rücken, gestochen von den Tempelmönchen, bringt es Frank Kruppa. "Meine Familie in Deutschland denkt, ich bin verrückt", erzählt der Berliner, der nach eigenen Angaben seit zehn Jahren in Bangkok lebt. "Aber die Tätowierungen haben mir sehr geholfen, sie sind sehr stark."

Die traditionellen thailändischen Tattoos, "Sak Yant" genannt, sollen Glück, Wohlstand und Kraft bringen, aber auch vor allem Bösen schützen. In den vergangenen Jahren sind sie immer beliebter geworden - dazu beigetragen hat auch Hollywood-Star Angelina Jolie, die sich 2003 ein "Ha Taew" (Fünf Linien) in das linke Schulterblatt ritzen ließ. Später kehrte sie zurück, um sich einen thailändischen Tiger auf den Rücken tätowieren zu lassen.

Das Interesse ist inzwischen so groß, dass ein Bangkoker Nobel-Hotel ein Tattoo-Studio für seine Gäste eröffnet hat - ein Meister aus Bang Phra greift dort zur Nadel. "Wir haben schon Schauspielerin Michelle Rodriguez und einige NBA-Stars tätowiert", erzählt Ex-Hotelmanager Jason Friedman, der für die Initiative verantwortlich ist.

Mit einigen Hotelgästen ist er auch zu der Zeremonie gekommen. "Bei den Gesängen spüre ich ein Kribbeln", sagt Friedman und zeigt stolz seine Tätowierungen an Armen und Schulter. "Aber in Trance bin ich noch nie geraten."© dpa