Furtwangen (dpa) - Die Ausstellung im Schwarzwald hat die Zeichen der Zeit erkannt. Und ein Jubiläum ausfindig gemacht, das auf den ersten Blick überrascht. Seit 100 Jahren gibt es die Sommerzeit.

Bereits im Jahr 1916 begann die staatlich verordnete Zeitumstellung, Deutschland war damals weltweiter Vorreiter. Umstritten war das Drehen an der Uhr zum Beginn des Sommers schon damals - und ist es auch heute. Die Schau im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen im Schwarzwald zeigt nicht nur geschichtliche Daten, sondern vor allem den Streit, den es um die Zeitumstellung seit einem Jahrhundert gibt.

Die Zeit läuft: In der Nacht zum Sonntag (27. März) werden wieder zum Beginn der diesjährigen Sommerzeit die Uhren um eine Stunde von 2.00 Uhr auf 3.00 Uhr vorgestellt, die Winterzeit endet. "Es ist Routine, ein eingespieltes Verfahren", sagt eine Sprecherin der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig. Sie ist für das jährliche Zeitumstellen in Deutschland verantwortlich. Technisch läuft beim Uhrenumstellen seit Jahren alles rund.

Dennoch gibt es Debatten. "Es ist ein Thema, das jeden betrifft, zu dem jeder eine Meinung hat und das von Beginn an äußerst kontrovers und emotional diskutiert wird", sagt Johannes Graf vom Deutschen Uhrenmuseum. Er hat die Sonderausstellung "100 Jahre Sommerzeit" gemeinsam mit seiner Kollegin Claire Hölig konzipiert. Sie zeigt anschaulich, wie Befürworter für die Idee werben und wie Gegner mobil machen - in den Anfangsjahren mit handgezeichneten Plakaten und Postkarten, später dann mit Schallplatten, Werbebroschüren oder auf Bierdeckeln. So ist die Schau ein Spiegelbild der jeweiligen Zeit.

"Es ist eine Ausstellung mit Aha-Effekt", sagt ein Besucher: "Ich dachte immer, die Sommerzeit wurde nach der Ölkrise in den 70er Jahren eingeführt." Doch weit gefehlt: Bereits 1916, in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai, wurden die Uhren in Deutschland erstmals weltweit eine Stunde vorgestellt, es war die Geburtsstunde der mitteleuropäischen Sommerzeit (MESZ). Pläne hierzu hatte es schon Jahrzehnte zuvor gegeben, doch umgesetzt wurden sie bis dahin nicht.

"Deutschland war damals, 1916, mitten im Ersten Weltkrieg", sagt Graf: "Die vom Deutschen Kaiserreich angeordnete Zeitumstellung sollte helfen, Energie zu sparen und war zugleich eine Machtdemonstration." Deutschland wollte anderen eine neue Zeit aufdrängen, "die Welt wecken", wie Graf sagt. Doch es gab Widerstand, von der Bevölkerung und der Landwirtschaft sowie im Reichstag. Das belegen Dokumente von damals. Die Sommerzeit war umstritten - und wurde 1919 in der frühen Weimarer Republik wieder eingestellt.

1940, im Zweiten Weltkrieg, wiederholte sich das Ganze. Der Staat drehte am Zeiger, die Uhren wurden zum Sommer wieder umgestellt - mit ähnlichen Argumenten wie zu Beginn. Auch nach Kriegende war das so. 1947 gab es sogar eine doppelte Sommerzeit, die Uhren wurden zwei Mal und somit insgesamt zwei Stunden vorgestellt. Das Tageslicht sollte ausgenutzt und so Energie gespart werden. Nach sieben Wochen war damit aber Schluss. Und zwei Jahre später war dann komplett Aus mit dem Uhrenverstellen. Der Protest der Bevölkerung war zu groß.

Drei Jahrzehnte später, in Zeiten der Ölkrise, belebte 1976 Frankreich die Idee wieder, die Sowjetunion folgte 1979, die beiden deutschen Staaten dann 1980. Seither gilt das Verschieben der Zeit in Deutschland - und seit diesem Jahr stellen fast alle europäischen Staaten die Uhren zur Sommerzeit um, seit 1981 auch die Schweiz. Seit genau 20 Jahren ist sie europaweit einheitlich geregelt. Die Europäische Union dreht seit 1996 für alle verbindlich am Zeiger: Zum Sommer geht es eine Stunde vor, zum Winter wieder eine Stunde zurück.

"Die Vorteile, die man sich von der Sommerzeit erhofft hat, sind nie eingetreten", sagt Ausstellungsmacherin Hölig: "Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zu den Vorzügen, die Energieeinsparung ist im geringen Promillebereich." Darauf haben auch Untersuchungen immer wieder hingewiesen.

Der Bundestag hat inzwischen ein Gutachten erstellen lassen, von dem sich Kritiker der Zeitumstellung bestätigt sehen. Und in der Ausstellung im Schwarzwald kann jeder Besucher an einer Pinnwand seine Meinung sagen: Die Gegner des Uhrendrehens sind schon nach wenigen Ausstellungstagen deutlich in der Überzahl.© dpa