New York (dpa) - Hinter einem Tisch voller bunter Stoffponys steht der 27-jährige Vinnie. Vollbart, graue Strickmütze, unter dem hellblauen T-Shirt mit aufgedrucktem Pony spannen sich Muskeln.

"Unter der Woche arbeite ich als Nuklear-Ingenieur, auch wenn das jetzt wahrscheinlich gerade nicht so aussieht", sagt er und grinst. "Aber in meiner Freizeit dreht sich alles um kleine bunte Ponys." Vinnie und sein Freund Mike, der neben ihm an dem Verkaufsstand steht bezeichnen sich selbst als "Bronys" (auch "Bronies" geschrieben).

Das Kunstwort aus "Brother" (Bruder) und "Pony" steht für Männer, die sich für die Zeichentrickabenteuer rund um "Mein kleines Pony" (Original: "My Little Pony") begeistern. Die bunten Kunststofffiguren und ihre Zeichentrick-Abenteuer richten sich eigentlich an kleine Mädchen, aber immer mehr erwachsene Männer outen sich als Fans und sprengen damit alle Geschlechtergrenzen.

"Zum ersten Mal habe ich die Serie bei Freunden gesehen, deren kleine Tochter sie angeschaut hat", erzählt Vinnie, der in Chicago lebt. "Ich hatte große Vorurteile dagegen, aber dann fand ich es überraschenderweise super. Es geht hauptsächlich um Freundschaft und damit können sich alle Altersgruppen und Geschlechter identifizieren." Fast alle seine Freunde seien inzwischen auch Bronys, sagt Vinnie. "Ein paar finden es natürlich auch komisch, dass ich mich dafür interessiere. Sie ziehen mich manchmal damit auf, aber meistens ignorieren wir das Thema dann einfach."

Gemeinsam mit Mike reist Vinnie an vielen Wochenenden zu Brony-Treffen. Dort verkaufen sie dann Stoff-Ponys, genäht von Mikes Freundin. Die rund 130 verschiedenen Pony-Versionen kosten bis zu 115 Dollar (etwa 105 Euro).

"Am Anfang haben wir nur ein paar Dutzend verkauft, aber inzwischen sind es so viele, dass sich die Reisen lohnen, auch wenn wir bis an die Westküste fliegen", sagt der im Bundesstaat Delaware lebende Mike, der unter der Woche in einem Kostümladen arbeitet. Ganz so viele Ponys wie an dem Verkaufsstand hätten er und seine Freundin nicht bei sich zu Hause. "Aber schon einige - und natürlich Poster."

Vor kurzem sind Vinnie und Mike zur "PonyCon" nach New York gereist, wie Hunderte andere Fans auch. Neben dem Stand der beiden Bronys fanden sich Dutzende weitere, die Schmuck, Kleidungsstücke, Poster und Kunst rund um die kleinen bunten Ponys verkauften.

Eine Band sang unter großem Jubel Pony-Lieder, auf einer Bühne wurden vor Dutzenden Zuschauern Themen rund um die Welt der Ponys diskutiert, Synchronsprecher und Drehbuchautoren der Serie gaben unter großem Andrang Autogramme und Pony-Computerspiele standen bereit. Auch für die eigentliche Zielgruppe war gesorgt: In einer Ecke wurden kleine Mädchen bunt geschminkt und malten mit Glitzer.

Die Bronys haben sich in den vergangenen Jahren von einer kleinen Internet-Gemeinde zum Trendphänomen entwickelt. Jüngst zeigte sich sogar der Sohn von Schauspielerin Susan Sarandon, Miles Robbins, im Brony-Outfit auf einem roten Teppich. Fast 10 000 Bronys kommen jedes Jahr im Sommer zum größten Fantreffen, der "BronyCon" in Baltimore.

Neben einem eigenen Dokumentarfilm, gibt es auch schon mehrere Forscher, die das Phänomen untersuchen. Der Spielwarenhersteller Hasbro, der die Kunststoffponys einst in den 80er Jahren in die Kinderzimmer der Welt brachte, hat längst eine eigene - teurere - Linie für Erwachsene auf den Markt gebracht, die sich nach seinen Angaben blendend verkauft. Und der Trend hat sich von den USA aus weiterverbreitet. Das deutsche Online-Forum "bronies.de" hat eigenen Angaben zufolge mehr als 11 000 Mitglieder.

Die Bronys suchten nach Sicherheit und Geborgenheit in einer Welt voller Sorgen über Terror und Aggression, sagt die Wissenschaftlerin Marsha Redden, die gemeinsam mit drei Kollegen zum Thema forscht. "Einen sicheren Ort im Fan-Dasein zu haben ist wie ein Rückzug an einen glücklicheren Platz, wo es darum geht, mit anderen gut auszukommen." Bronys seien statistisch im Vergleich mit der Durchschnittsbevölkerung ansonsten nicht außergewöhnlich. Entgegen aller Vorurteile und Klischees seien sie auch nicht alle homosexuell.© dpa