Islamabad (dpa) - Vor Jahrzehnten hat der unbekannte deutsche Besitzer seinen VW-Bus Gertrude genannt. Er hat aus grünem Plastik ein kleines Rechteck ausgeschnitten, den Namen eingestanzt und das Etikett dann aufs Armaturenbrett geklebt.

Dann hat er sich mit ihr auf den Weg nach Afghanistan oder Pakistan gemacht - vielleicht entlang des "Hippie-Pfades", der in den 70er Jahren Tausende von Touristen ins Land der traumhaften Berge und billigen Drogen brachte.

Jahrzehnte später, während einer anderen Ausfahrt ins pakistanische Gebirge, klebt Gertrude da immer noch. Wieso ihr Besitzer sie in Pakistan zurückließ, weiß man nicht, sagt der neue Besitzer, Mahmood Jilani, Manager einer großen Entwicklungshilfeorganisation. Aber er hat gut auf sie aufgepasst. Die orange-grün karierten Sitzbezüge des 1976er Westfalia-Campers sind noch da, die alten Moskitonetze, die Vorhänge, das berühmte hochklappbare Dach aus Glasfaserkunststoff.

Mahmood Jilani (r), der Besitzer des deutschen VW-Busses Gertrude, und sein Sohn.

Durch Haarnadelkurven klettert Gertrude in die fichtenbestandenen Berge. 25 Volkswagen, die meisten Käfer in allen Regenbogenfarben, aber auch Busse und ein Karmann Ghia fahren vor und hinter ihr, in einer Lärmwolke aus ratterndem Röhren - dem Sound alter VW-Motoren. Männer, die am Straßenrand auf eine Mitfahrgelegenheit warten, johlen und winken. Kinder hängen sich aus entgegenkommenden Autos und kreischen "Zindabad!" Das heißt soviel wie "Hoch lebe".

Dies ist der Volkswagenklub von Pakistan, 230 Mitglieder in Islamabad und Karachi, vom Studenten bis zum Medizinprofessor. Rund 250 Volkswagen lieben, pflegen und fahren sie. Die meisten sind Käfer. Foxys heißen sie in Pakistan. Von der liebevollen Abkürzung Volksis kommt das vermutlich.

Gegründet hat den Klub Nasir Sheikh (52), ein Mann mit blauen Augen und grauem Bart, der eigentlich zu groß ist für die kleinen Autos, die er so mag. Nasir ist wohl der beste Käferkenner des Landes. Fast 60 Stück und noch ein paar Bullis hat er in 25 Jahren restauriert - aus Spaß. Sein Geld verdient er als Personalmanager. Er ist auch derjenige, den alle Mitglieder anrufen, wenn mal wieder was zusammenbricht. Denn die meisten Klub-Käfer sind Oldtimer. Der älteste stammt aus dem Jahr 1957.

In einem Land wie diesem, in dem mehr als 50 Prozent der Bevölkerung weniger als zwei Dollar am Tag verdienen, werden Autos nicht verschrottet. Sie werden immer und immer wieder repariert.

Um die 1000 Käfer führen noch herum in Pakistan, sagt Nasir. Wie viele einst hineinkamen ins Land, lässt sich aber nur annäherungsweise herausfinden. Viele kamen mit Missionaren oder Hippies oder wurden von im Ausland stationierten Beamten wieder heimgefahren. Aber von Juni 1953 bis Mitte der 70er wurden sie auch von einer großen Autohandelskette, "Modern Motors", importiert. Das Volkswagen-Archiv in Wolfsburg hat ein Foto von Modern-Motors-Chef "Mr. NA. Chaudri" ausgegraben, wie er 1967 den 10 000. Volkswagen - einen weißen Käfer - für Pakistan in Deutschland abholt.

Nasir Sheikh ist der Gründer des VW-Klubs in Pakistan.

Der beste Kunde des Herrn Chaudri war der 1947 gegründete pakistanische Staat. Er machte den Käfer zum Polizeiauto - mit Sonnendach, damit die Polizisten sich bei Verfolgungsjagden oben raushängen und schießen konnten. "Es war das perfekte Auto für die Gründerjahre eines solchen wilden Landes", sagt Nasir. Man konnte es sich leisten. Und die schlechten Straßen machten ihm nichts aus.

Käfer-Menschen sind auch in Pakistan Nostalgiker. Als die Kolonne bei ihrer Sonntagsausfahrt am Berghof ankommt, laufen die Fahrer von Käfer zu Bulli und tauschen Tipps und Geschichten aus. Amad Shadab, ein Medizinprofessor, erinnert sich an den VW-Bus seines Vaters, eines Händlers von Tee und Düngemitteln. In den 50ern fuhr er damit über Land und zeigte in den Dörfern auf einer an der Flanke aufgespannten Leinwand Filme über die Kunst des Landbaus. Die Familie hatte auch einen Käfer. Er und seine damalige Freundin, heute Ehefrau, seien darin ausgefahren und... Er verstummt und läuft rot an. Seine Frau lacht. Als ein Nachbar vor zehn Jahren seinen Käfer aus dem Jahr 1967 verkaufen wollte, haben sie gleich zugeschlagen.

Viele umringen einen dünnen, schüchtern wirkenden Mann um die 60. Das ist Khaled, der Mechaniker, der alles weiß. Er ist einer der Letzten, die das Handwerk noch bei "Modern Motors" gelernt haben.

Eine Woche später, beim Besuch von Khaleds kleiner Freiluftwerkstatt im Gewusel der Millionenstadt Rawalpindi, zeigt er seine "Projekte". Dutzende alter Käfer stehen hier. Es schüttet wie aus Eimern, aber Khaled wischt sich das Wasser von den Brillengläsern und geht von Käfer zu Käfer. Wagen, die in Deutschland mehr als 10 000 Euro wert wären, kosten hier 2000 bis 5000 Euro. Für eine Mechanikerstunde nimmt Khaled vier Euro. Das ist nicht schlecht für Pakistan.

Ersatzteile werden allerdings so allmählich zum Problem. Viele der Wracks zum Ausschlachten sind schon ins Auto-Nirwana hinübergerostet. Aber was Khaled nicht findet, besorgt dann Nasir. Der Klub lässt keinen Käfer sterben.

Daheim hat der Klubchef den Flur zum Ersatzteillager umfunktioniert. Lenkräder aus den 50ern, bauchige Radkappen aus den 60ern, Bücher mit Rezepturen für historische Lackierungen: Das meiste bekommt Nasir aus den USA, ein riesiger ehemaliger Absatzmarkt für Käfer. "Leider kann ich nur wenig aus Deutschland bestellen", sagt Nasir. Dort sei fast alles zu teuer. Ihn schmerzt das ein wenig. "Ersatzteile aus Deutschland - das ist doch, wie der Herr es eigentlich will."© dpa