Schortens (dpa) - Was tun, wenn der Hund nicht mehr richtig laufen kann? Rollwagen können das Gassi gehen erleichtern. In Friesland bauen Spezialisten Maßanfertigungen für Vierbeiner.

Joy zögert. Anja Gottspenn lockt ihre Hündin mit einem Leckerli. Das zieht: Die Mischlingshündin läuft los - samt Rollwagen. Seit zwei Wochen schnallt Anja Gottspenn Joy auf Spaziergängen das Gestell mit Rädern um. Es hilft dem Tier, vorwärts zu kommen. Die elfjährige Hündin hat eine Nervenkrankheit, ihre Hinterläufe knicken deshalb beim Laufen immer wieder zur Seite. "Mit dem Rollwagen kriegt Joy wieder ein relativ gutes Tempo drauf", freut sich ihr Frauchen.

Einfach nur das Revier markieren? Das ist diesem Hund viel zu langweilig.

Das Tier einschläfern, das kam für die Lehrerin nicht infrage. "Im Kopf ist Joy noch total fit. Man merkt, dass sie leben will", sagt die Bremerin. Als die Gehbehinderung der Hündin immer schlimmer wurde, brachten sie andere Hundebesitzer auf die Idee mit dem Rollwagen. So kam sie zu "Tante Emma", einem Rehatechnik-Fachgeschäft für Tiere in Schortens im Kreis Friesland. Inhaber Katrin Ausmeier und Gundolf Spang bauen seit vielen Jahren Rollstühle für Hunde. "Die Akzeptanz für solche Hilfsmittel ist in den letzten Jahren gestiegen", sagt Orthopädiemechanik-Meister Spang.

Katrin Ausmeier weiß das aus eigener Erfahrung. Sie baute 1999 ihren ersten Hunderolli. Ihr Dackel Emma war nach einem Autounfall teilgelähmt, mit dem Wagen konnte das Tier wieder flitzen. Damals war sie noch als Kinderkrankenschwester tätig. Doch als sie merkte, dass auch von anderen Hundebesitzern Interesse für die Rollwagen vorhanden war, gründete sie "Tante Emma". Seitdem hat sie schon Hunderte von Rollis gebaut. "Die meisten Hunde kommen gut damit klar", sagt sie.

Diese Erfahrung hat auch Hundetrainer Dirk Grünberg aus Michendorf bei Potsdam gemacht, der im Internet Tipps zur Hundeerziehung gibt. "Die Anpassungsfähigkeit von Hunden ist für mich immer wieder erstaunlich." Solange ein Hund keine Schmerzen habe und sich nicht quäle, spreche nichts dagegen, körperliche Unzulänglichkeiten auszugleichen. Joys Physiotherapeutin Daniela Schütte weiß aber auch, dass ein Rolli nicht für alle Hunde geeignet ist. "Manche empfinden ihn als störend", sagt sie. Joy aber mache sich gut. "Der Rollwagen gibt ihr mehr Lebensqualität. Sie schnuppert wieder gerne."

Der Bremer Tierarzt Andreas Koppe sieht die Vorteile des Geräts, sagt aber auch: "Ob man es nutzt, ist eine Einstellungssache." Auf keinen Fall seien Rollwagen Quälerei, denn sie seien unter tierschutzrechtlichen Gesichtspunkten entwickelt worden.

Wer seinem Hund so einen Wagen kauft, der muss zwischen 250 und 550 Euro auf den Tisch legen - und er sollte sich ein dickes Fell zulegen, denn die Besitzer müssen sich oftmals Sprüche von anderen Spaziergängern anhören, die wenig Verständnis dafür haben, kranke Hunde nicht einschläfern zu lassen. Auch Anja Gottspenn musste sich schon viele solcher Kommentare anhören, wenn sie mit Joy unterwegs ist. Sie lässt sich davon aber nicht beirren: "Auch Hunde haben das Recht, in Würde altern zu können."© dpa