Tel Aviv (dpa) - Die Geschichte von Aschenputtel erzählt von einem hübschen Mädchen: In Armut geboren, schafft sie es schließlich an den Hof des Königs. In Israel hat sich nun eine Geschichte zugetragen, die sich wie ein modernes Cinderella-Stück liest. Mit einem Unterschied. Was bei Aschenputtel der Palast des Prinzen war, ist in diesem modernen Märchen das Modehaus Christian Dior.

Die Protagonistin dieser Cinderella-Story stammt aus Israel und heißt Sofia Mechetner. Sie wohnt in Holon, einem Städtchen südlich von Tel Aviv. Vor rund einem Monat tauchte Mechetner plötzlich auf den Fernsehbildschirmen und Modezeitschriften der Welt auf. Der Grund: Die bis dahin unbekannte Mechetner war als Model bei der Pariser Modewoche gelaufen. Als erstes und damit wichtigstes Model hatte sie die Schau von Dior angeführt.

Israel hat nur wenige Bürger von internationaler Prominenz zu bieten. Eine ist das Supermodel Bar Refaeli (30). Die Aussicht, eine zweite Schönheit internationaler Klasse im Land zu haben, ließ israelische Medien aufjubeln.

"Israels aufstrebendes Supermodel" titelte die "Jerusalem Post" nach Mechetners Auftritt in Paris. Der Ruhm schwappte bis in die USA: Auch die Washington Post griff Mechetners Geschichte auf.

Denn Mechetners Weg von Holon auf den Pariser Laufsteg liest sich wie ein wahr gewordenes Märchen. Mechetner stammt aus ärmlichen Verhältnissen: Die Mutter, Immigrantin aus Russland, hielt die Familie mit Gelegenheitsjobs als Putzfrau und Näherin über Wasser. Sofia Mechetner kümmerte sich tagsüber um ihre Geschwister, kochte Essen, machte die Betten und wusch Wäsche. In der Nacht teilte sie sich mit ihren Geschwistern ein Zimmer. Aus Platzmangel schlief Mechetner auf einer Matratze auf dem Boden. So haben es das junge Model und ihre Mutter dem Fernsehsender Channel 2 erzählt.

Doch immer wieder wurde Mechetner auf ihre Größe und Schönheit angesprochen. Daraufhin meldete die Mutter sie bei einer Modelagentur in Tel Aviv an. Den entscheidenden Karriereschub brachte allerdings der Zufall. Als Mechetner für einen von ihrer Agentur vermittelten Besuch in Paris war, traf sie in einem Dior-Laden Raf Simons, den Chefdesigner der Marke. Dieser buchte Mechetner daraufhin als Model für seine Schau.

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Wirklich außergewöhnliche Models

Supermodel trotz Hautkrankheit: Winnie Harlow bereitete in der vergangenen Folge die Nachwuchsmodels von GNTM mit viel zu kleinen und viel zu großen High Heels auf echte Fashion-Shows vor. Models wie Harlow zeigen, dass auch außergewöhnliche Menschen im Modegeschäft gefragt sind.

In die vielen Berichte über Mechetners Erfolg mischt sich zuweilen auch Empörung. Denn das neue Star-Model ist gerade einmal 14 Jahre alt. Im Mode-Business nicht ganz ungewöhnlich.

Mechetner sei viel zu jung, um Haute Couture zu tragen, sagen Kritiker. Viele stören sich an dem Kleid, das sie bei der Dior-Schau trug: Die lange, weiße Tunika ist zwar hochgeschlossen - aber beinahe durchsichtig.

In anderen Ländern hatte es bereits ähnliche Fälle gegeben. So wurde vor einigen Jahren ein 14-jähriges polnisches Model von der Modewoche in Australien ausgeladen, nachdem es einen Aufschrei der Empörung und Vorwürfe wegen Kindesmissbrauchs gegeben hatte. Die Organisatoren in Sydney legten das Mindestalter daraufhin auf 16 fest. Wenig später zog auch die Londoner Fashion Week mit einer ähnlichen Regelung nach.


Roberto Ben Schoschan, Gründer der israelischen Modelagentur, die Mechetner vertritt, musste sich nach dem Auftritt im israelischen Fernsehen rechtfertigen. Mechetner werde gut betreut, sagte Ben Schoschan, bei Auslandsreisen begleite sie eine Mitarbeiterin. "Glauben Sie nicht, dass es für eine 14-Jährige zu viel sein könnte?", fragte die Moderatorin. Dass der Druck, die fremden Blicke ihr schaden könnten? "Vielleicht", erwiderte Ben Schoschan. "Vielleicht aber auch nicht."

Das ungute Gefühl, das viele Israelis haben, wird dadurch verstärkt, dass eine Pariser Agentur Mechetner zunächst abgelehnt hatte: ihres Alters wegen.

Mechetner selbst hat offenbar kein Problem mit der Arbeit als Model - oder mit dem durchsichtigen Kleid. Laszive Mode sei eine Art von Kunst, sagte sie der Zeitung "Jerusalem Post". Das israelische Fernsehen wollte wissen, was sie, das Mädchen aus Holon, denn nun mit ihrem Dior-Honorar anfangen werde. "Ich denke, dass wir in eine größere Wohnung ziehen werden", sagte Mechetner. Sie freue sich auf ein eigenes Zimmer.© dpa