Rottendorf (dpa) - Daniel Gerlach ist ein Künstler. Ein ungewöhnlicher Künstler. Farbe und Leinwand sind dem 27-Jährigen Milchschaum und Kaffee; Staffelei und Palette Kaffeemühle und -maschine.

Gerlach ist deutscher Latte-Art-Meister. Er malt Bilder in den Milchschaum von Cappuccini, die andere nicht mal auf den Zeichenblock hinkriegen. Vom 29. März bis 1. April tritt er für Deutschland bei der Weltmeisterschaft in Shanghai an.

Tulpen, Herzen, Schwäne - wenige Handbewegungen und Gerlach macht aus einem Kaffee ein Gemälde. Erst schwenkt er Tasse und Kännchen, dann lässt er den Milchschaum zügig in den frischen Espresso laufen, macht kleine Kreisbewegungen, senkt das Kännchen, bebt kurz mit der Hand als spielte er ein Vibrato. Anfangs versinkt der Milchschaum im Kaffee - die Grundierung des Gemäldes. Dann einige Tupfer und ein langgezogener Strich. Et voilà: eine ausladende Tulpe, deren Blüte ein kleines Herz ist.

Daniel Gerlach macht aus Kaffee Kunst.

Latte-Art ist eine Kunst, die gut passt in diese Zeit. Inszenierung und Individualisierung spielen auch bei Speisen eine immer größere Rolle, wie Stefanie Heckel, Sprecherin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, sagt. Offene Küchen im Restaurant, individuell zusammenstellbare Gerichte oder eben Latte-Art - so versuchen Gastronomen sich vom Durchschnitt abzusetzen.

Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Deutschen. 162 Liter hat jeder Bundesbürger laut Ernährungsministerium 2014 im Schnitt getrunken. Sieben Jahre zuvor waren es 14 Liter weniger. Gleichzeitig stellen die Deutschen immer höhere Ansprüche. "Kaffee war früher ein Heißgetränk, heute ist Kaffee Lifestyle und Genuss", meint Holger Preibisch, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Kaffeeverbands.

Echte Gourmets wollen nicht mehr nur Omas Filterkaffee mit einem Schuss Milch. Das Interesse an Barista-Kursen habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen, sagt Gerlach, der die Kurse für einen Kaffeeautomaten-Händler in Rottendorf bei Würzburg leitet. Kosten für den drei- bis vierstündigen Grundkurs: 139 Euro.

Gerlach hat die längste Zeit seines Lebens gar keinen Kaffee getrunken, heute mag er nicht mehr verzichten: "Ohne Kaffeetrinken geht der Motor nicht an." Gerlach trinkt Filterkaffee. Wenn er ihn zubereitet, erinnert das an einen Chemiker. Vokabeln wie Wassertemperatur, Härtegrad und Grammzahl des Kaffees fallen. Der fertige Kaffee erinnert an Tee, ist braun-wässrig und riecht nach Kräutern.

Mit 18 beendete Gerlach seine Ausbildung zum Koch in Würzburg, arbeitete dann ein Jahr in einem Schweizer Restaurant. Dort entdeckte er in Form von Desserts seine Leidenschaft fürs Süße - und für Kaffee. Zurück in Würzburg arbeitete er als Barista. "Da habe ich gemerkt: Man kann mit zwei einfachen Lebensmitteln etwas Schönes machen." Kaffee und Milch.

Sein erstes Motiv war das Herz, ehe er drei Jahre lang den Schwan übte. Im Herbst ist er mit dem sich spiegelnden Schwan Latte-Art-Meister geworden. Sein Spitzname: der Schwanenkönig. Natürlich kommt der doppelte Schwan auch in Shanghai zum Einsatz.

Dort treten mehr als 32 Latte-Künstler aus der ganzen Welt an; die besten sechs kommen ins Finale. Da will auch Gerlach hin, "dann bin ich zufrieden". Dafür trainiert er mehrere Stunden täglich - an einer Siebträgermaschine, die mehr als 12 000 Euro kostet, also an einer professionellen Espressomaschine. Allein während der ersten zwei Trainingswochen hat er 150 Liter Milch verbraucht.

In Shanghai kommt es nicht nur auf die Bilder an, sondern auch auf die Technik. Wie sauber arbeitet Gerlach? Wie spricht er mit den Juroren? Und hält er den Zeitplan ein? Latte-Art ist eine Kunst - aber eben auch ein Handwerk.© dpa