New York (dpa) - Jeden Morgen gibt es in New York das gleiche Bild: Wie an einer Schnur gezogen fahren alle parkenden Autos einer Straße in Manhattan gleichzeitig aus der Parklücke, bleiben mitten auf der Spur stehen und fahren nach ein paar Sekunden wieder rein.

Die Fahrer bleiben dann noch sitzen; lesen, schlafen, essen, rauchen oder unterhalten sich, für genau 90 Minuten. Dann gehen alle getrennte Wege und die parkenden Autos in der Straße sind einfach nur parkende Autos in einer Straße - bis es wieder von vorn losgeht.

Park- oder Autoballett nennen die New Yorker das. Parkraum in Manhattan ist teuer und ein Platz in einer Großgarage kann leicht 1000 Dollar im Monat kosten. Will man kaufen, kann eine Million Dollar auf der Rechnung stehen - das Vierfache des durchschnittlichen Preises für ein Wohnhaus in den USA.

Also bleibt die Alternative der Straßenparkplätze, von denen es in New York, der Metropole mit acht Millionen Einwohnern, 102 000 gibt. Auf denen darf gratis geparkt werden - nur zweimal die Woche für 90 Minuten nicht. Weil die Straßenkehrmaschine kommen könnte, muss für eineinhalb Stunden der Parkplatz geräumt werden. Dabei wird auch akzeptiert, wenn man im Auto wartet, um notfalls kurz rausfahren zu können. Das Ergebnis ist eine kleine Welt von Menschen, die sich oft seit Jahren kennen - ausschließlich vom Straßenparken.

"Ich mache das jetzt seit sechs Jahren", sagt Oliver Saks. Sein Mercedes ist betagt, doch der Krankenpfleger ist stolz auf die E-Klasse. "Aber in New York kann ich mir nur entweder ein Auto oder einen Parkplatz leisten, beides zusammen nicht." Er plaudert mit Rudi Scalia, der seinen Toyota seit Wochen am selben Platz hat. "So oft brauche ich den Wagen nicht, eigentlich nur am Wochenende für die Familie." In seinem Wohnturm kostet der Garagenplatz mehr als 800 Dollar. "Da mache ich lieber Straßenparken und sitze zweimal die Woche hier und arbeite vom Auto aus. Oder plaudere mit Oli!"

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"Oli" Saks erzählt, dass sich so Freundschaften entwickeln können. "Vor ein paar Jahren saß hier immer einer in einem Ford, dem seine Frau jedes Mal ein Küchlein mitgab. Irgendwann hatte er auch eines für mich dabei und dann jedes Mal. Und dann noch für einen dritten." Die ganze Zeit standen die drei Männer zusammen und plauderten über ihre Familien, Sport und Politik, erzählt Saks und seine Stimme klingt fast schwärmerisch. Und dann wird er melancholisch. "Irgendwann zog er weg, da war es vorbei mit dem Plaudern. Und den Küchlein."

Nicht selten wird es laut. Gerade kommt die Kehrmaschine und in ihrem Windschatten ein Honda. Die Fahrerin drängt sich in die Parklücke, die gerade ein Wagen für die Straßenfeger kurz freigemacht hat. Die Fahrerin grinst den anderen an. "Verpiss dich aus meiner Parklücke!", schreit der, doch die erwidert: "Steht hier Dein Name dran?" Als er ein Foto von ihrem Kennzeichen macht, holt sie ihr Telefon raus und spricht hinein: "Ich, schwarz, wurde gerade von einem weißen Mann belästigt. Hier stehen zwei weitere Weiße. Und sie unternehmen nichts, um mir zu helfen!" Die Umstehenden gucken sich verdutzt an. Keiner hatte etwas gemacht oder gesagt.

Im Streit um Parkplätze werden manchmal sogar Waffen gezückt. Und Lindsay Lohans Bruder wurde gerade festgenommen, weil er einen Parkausweis der Polizei gefälscht hatte. Kein Wunder, dass selbst bizarre Lösungen angeboten werden. Etwa ein Dienst, der die Wagen abholt, in Vororten parkt und auf Anforderung per Telefon-App wieder abliefert, auf Wunsch sogar gewaschen und vollgetankt. Kosten: Etwa 500 Dollar im Monat. Für Victor Hemsh, der zweimal in der Woche den Wagen für seine Tochter parkt, keine Alternative. "Dann", sagt der Rentner, "würde ich ja alle diese interessanten Kontakte verpassen".© dpa