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15.01.2012, 16:55 Uhr

"Filmmusik muss die Tür für Emotionen öffnen!"

Oscar-Preisträger Hans Zimmer (54) ist ein Titan der Filmmusik: "Der König der Löwen", "Madagascar", "Gladiator", "Inception" oder aktuell "Sherlock Holmes" - die musikalische Untermalung dieser Hollywood-Blockbuster stammt aus seiner Feder. Bis April tourt die Orchestershow "Fluch der Karibik Live" mit der Musik seiner Soundtracks durch Deutschland. Im Interview erzählt der Frankfurter Erfolgskomponist von seiner Arbeit mit Sherlock Holmes, Batman und Co. - und er erklärt, warum er die Musik für die Abenteuer von Jack Sparrow eigentlich gar nicht schreiben wollte.

Von Katja Schwemmers

teleschau: Herr Zimmer, können Sie eigentlich mehrere Soundtracks gleichzeitig komponieren?

Hans Zimmer: Nein, eigentlich nicht. Aber wenn ich es doch muss, versuche ich einen so gut wie fertigzumachen, zur Seite zu legen und mich dem nächsten zu widmen. Im letzten halben Jahr war ich halb Sherlock Holmes und halb Batman! Manchmal gibt es eine kleine Krise zwischen den beiden.

Das sind beides Film-Fortsetzungen. Ist das dann leichter?

Im Gegenteil! Ein musikalisches Thema zu wiederholen, liegt mir nicht. Und wenn dann erst am Schluss, so wie alte Freunde, die einen besuchen kommen und nicht zu lange bleiben sollen.

Sie fangen also ganz von vorne an?

Genau. Für "Madagaskar 3" habe ich jetzt erstmal alles rausgeschmissen, was vorher da war und noch mal bei Null begonnen. Und so mache ich es meistens. Deshalb war "The Dark Knight" auch ganz anders als "Batman Begins". Mit "The Dark Knight Rises" habe ich auch wieder ganz von vorne angefangen.

Es heißt, bei "The Dark Knight Rises", der im Sommer in die Kinos kommen soll, wollen Sie Fans in die Musik involvieren. Langweilen Sie sich so sehr, dass Sie Leute von außen integrieren müssen?

Nein. Bei "Inception" fanden wir es einfach schade, dass wir einen Film für ein großes Publikum machen, aber bei der Premiere dann nur die normalen Hollywood-Leute rein dürfen. Wir fragten uns, was wir anstellen könnten, damit unsere Premieren zu den Leuten nach Hause kommen. Und da haben wir ein Konzert in Los Angeles veranstaltet und es übers Internet live gestreamt. Bei "The Dark Knight Rises" wird es einen Chant, einen Sprechchor von Fans geben.

Eine nette Idee!

Nun, die Aufgabe des Kinos ist doch, Leute zusammenzubringen. Und ich wollte, dass wir das schon hinbekommen, bevor der Film ins Kino kommt. Wir haben also übers Internet dazu eingeladen, und schon in der ersten Minute hatten wir jede Sekunde 10.000 Klicks. Der Server ist zusammengebrochen! Aber natürlich geht es mir als Komponist darum, dass es dabei ein interessanter Sound entsteht. Ich wollte mal hören, wie das klingt, wenn jede Stimme in einer anderen Akustik aufgenommen ist. Denn die Einsender sitzen vermutlich zu Hause vor ihrem Computer oder ihren Mobiltelefonen, um ihren Gesang festzuhalten.

Wie sind Sie bei "Sherlock Holmes 2" vorgegangen, der derzeit in den Kinos läuft?

Ich habe viele neue Themen dafür geschrieben und auch massenweise Experimente gemacht. Beim ersten Film war für mich wichtig, dass die Violine sehr zigeunerisch klingt. Und diesmal sagte ich zu Regisseur Guy Ritchie, dass wir es jetzt richtig machen müssen. Wir reisten also in Zigeuner-Ghettos in der Slowakei.

Was macht man denn dort?

Zimmer: Wir haben uns mit Musikern unterhalten, ihrer Musik gelauscht und sie ins Studio nach Wien eingeladen - damit am Ende alles ein bisschen interessanter und gefährlicher klingt. Auf die Weise konnten wir etwas zurückgeben. Das hat denen auch viel Freude gemacht. Und die alte Weisheit, dass Musik die internationale Sprache ist, hat sich wirklich als richtig erwiesen: Anfangs mussten wir noch über Dolmetscher kommunizieren. Dann haben wir uns hingesetzt und angefangen, Musik zu spielen. Da brauchten wir vier Stunden lang keine Dolmetscher mehr.

Wie fangen Sie an, wenn Sie mit einem neuen Film beauftragt werden?

Der erste Schritt ist, mit dem Regisseur zum Abendessen zu gehen. Es ist quasi Gesetz, dass erst mal über alles Mögliche geredet wird - aber nicht über die Arbeit! Das ist vergleichbar mit der Angst des Torwarts vorm Elfmeter! Irgendwann schaue ich mir die Bilder an, die der Regisseur ausgewählt hat für seine eigene Inspiration. Ich vermeide es, Drehbücher zu lesen. Ich lasse mir vom Regisseur die Story erzählen, dadurch erkennt man, was ihm wichtig ist.

Wie wichtig ist Filmmusik überhaupt für einen Film?

Ich war schon jahrelang im Filmgeschäft und wusste immer noch nicht, wie Filmmusik eigentlich funktionieren muss: Sie muss die Tür für Emotionen öffnen, sie muss die Möglichkeit geben, zu fühlen. Aber sie darf euch nicht sagen, wie ihr fühlen sollt!

Haben Sie Vorbilder?

Zimmer: Erstens: Ennio Morricone. Zweitens: Ennio Morricone. Drittens: John Williams. Und Letzterer nicht mal wegen "Star Wars", sondern wegen "Die unheimliche Begegnung der dritten Art". Ich finde, dass diese Musik ein echtes Klang-Gedicht des 22. Jahrhunderts ist. Ich mag auch Giorgio Moroder - der Anfang von "12 Uhr nachts - Midnight Express" ist so mutig! Ich bin immer noch ein Fan von all diesen Komponisten.

Haben Sie Morricone mal getroffen?

Das habe ich! Einer meiner besten Tage war, als sowohl ich als auch Ennio Morricone zu Besuch im Bonner Beethoven-Haus waren. Ich glaube, wir beide haben uns noch nie so klein gefühlt wie an diesem Ort!

Viele der großen Filmkomponisten sind in den letzten Jahren verstorben: Jerry Goldsmith und John Barry zum Beispiel. Fühlen Sie sich in der Verantwortung?

Schon. Man kann über Hollywood viel Schlechtes sagen, aber wir sind die Letzten, die tagtäglich neue Orchestermusik schreiben und somit die Orchester am Leben erhalten! Das ist mir sehr wichtig! Jerry Goldsmith war übrigens einer der Ersten, der mich mit offenen Armen empfing, als ich nach Hollywood kam. Genauso wie Elmer Bernstein! Natürlich haben wir von ihnen gelernt und uns vieles abgeguckt. Wissen Sie, was mich richtig glücklich macht?

Nein, was?

Ich habe den Eindruck, dass Filmmusik in den letzten Jahren wieder wichtiger geworden ist. Die Menschen haben entdeckt, wie schön Orchestermusik ist. Und die Musik von "Fluch der Karibik" hat das mitausgelöst.

War Ihnen klar, dass Sie mit "Fluch der Karibik" etwas Großes produzieren?

Nein, überhaupt nicht. Manchmal ist es ja auch absurd, wie man an solche Aufträge kommt. Bei "Fluch der Karibik" war das sehr untypisch: Ich hatte mit dem Regisseur Gore Verbinski, der ein Freund von mir ist, an "Ring" gearbeitet. Ich fragte ihn irgendwann, was er als Nächstes machen würde. Und er sagte, einen Piratenfilm für Disney. Und ich habe gedacht: So etwas Doofes - das wird nie was! Ich sagte ihm, dass ich nicht daran interessiert sei.

Aber das haben Sie später bedauert!

Durchaus. Als ich ihn einige Wochen später fragte, wer da mitspielen würde, meinte er: Johnny Depp! Da habe ich dann nur noch so getan, als wäre ich nicht interessiert. Als er mich dann an einem Sonntag anrief und mir sagte, er hätte da ein paar Probleme mit der Musik, fuhr ich zu ihm. Er zeigte mir den fertigen Film - das war gerade mal fünf Wochen vor der Uraufführung! Der Film war so lustig und fantasievoll! Ich war glücklich, dass ich mir zuvor hatte nicht vorstellen können, was er da gemacht hatte.

Und dann haben Sie doch noch Hand angelegt!

Genau! Abends um 19 Uhr habe ich mich hingesetzt und bis 5 Uhr morgens waren alle Themen geschrieben. Der Komponist, der zuerst an dem Film dran war, hatte die Musik zu sehr auf das Bild choreografiert. Ich habe die Tempi erhöht. Lustig ist, dass die Musik ganz wach anfängt und am Ende wird's dann immer dünner, weil die Finger nicht mehr so ganz funktionierten. Einiges hört mitten im Takt auf, einfach deshalb, weil ich so müde war.

Das ist Ihnen nicht aufgefallen?

Wir wussten ja damals gar nicht, ob überhaupt jemand sich den Film ansehen würde! Man hat ja nicht geahnt, dass das noch diverse Filme so weitergeht. Es war kein Druck da. Der Soundtrack ist einfach aus Spaß heraus geschrieben worden.

Tauscht man sich auch mal mit Johnny Depp über den Soundtrack aus, der ja auch Musiker ist?

Natürlich! Wir haben ja jetzt schon vier Filme zusammen gemacht! Wir waren uns einig, dass die Piraten eigentlich die Rock'n'Roller ihrer Zeit waren. Es ist auch kein Zufall, dass Keith Richards und Johnny Depp Freunde sind und das den Film ein bisschen zusammenhält. Man erkennt die Parallelen, wenn man mal Keith Richards im Konzert gesehen hat und seine Gebärden mit denen von Johnny Depp als Pirat auf der Leinwand vergleicht.

Wie fühlt es sich als Komponist an, wenn die Münchner Symphoniker oder das Deutsche Filmorchester Babelsberg Ihren "Fluch der Karibik"-Soundtrack zum Leben erwecken?

Anfangs bangt man mit. Denn die Schwierigkeit an dem "Fluch der Karibik"-Score ist, dass es ein Actionfilm ist, der über zwei Stunden läuft und keine Pausen erlaubt. Ich liebe an dieser ganzen Idee, dass es auf einmal wieder gefährlich wird. Da spielt Nervosität und Lampenfieber der Musiker mit rein, was dem Soundtrack noch eine zusätzliche Emotionalität gibt. Außerdem sind die Musiker die Schauspieler, die man normalerweise nicht sieht, sondern nur hört. Das Auge hört mit! Eine Komposition klingt einfach zehnmal so gut, wenn man die Musiker sieht, wie sie spielen.

"Fluch der Karibik live" auf Deutschland-Tournee:

  • 04.02., Stuttgart, Liederhalle
  • 05.02., Stuttgart, Liederhalle
  • 11.02., Hamburg, Congress Center Saal 1
  • 12.02., Hamburg, Congress Center Saal 1
  • 18.02., München, Philharmonie
  • 19.02., München, Philharmonie, 15 Uhr
  • 19.02., München, Philharmonie, 20 Uhr
  • 20.02., München, Philharmonie
  • 24.03., Hannover, Kuppelsaal
  • 25.03., Hannover, Kuppelsaal
  • 07.04., Frankfurt, Alte Oper
  • 08.04., Frankfurt, Alte Oper
  • 10.04., Köln, Philharmonie
  • 11.04., Köln, Philharmonie

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