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21.01.2012, 08:32 Uhr

Nada Surf: Melancholie pur

Man kann eine Menge lernen von Nada Surf. Sänger Matthew Caws erklärt in klaren Worten den Begriff "Logik" innerhalb eines Bandgefüges. Und macht deutlich, wie sich dadurch der Sound ihres neuen Albums "The Stars Are Indifferent To Astronomy" (VÖ: 27.01.) verschoben hat.

Von Claudia Nitsche

Den Sternen ist die Astronomie egal, einer von vielen schönen Sätzen, die die Indie-Institution aus New York in den vergangenen 20 Jahren verfasst hat. Sie waren nie spektakulär und sie werden keinen Rockolymp mehr erleben. Aber sie sind immer noch da, bieten eine musikalische Heimat für Zweifler und Melancholiker, für alle, die eine schrammelige Gitarre, eine freundliche Stimme und manchmal vorwärts preschende Drums brauchen.

In der Theorie haben der Sänger Matthew Caws, Bassist Daniel Lorca und Schlagzeuger Ira Elliot schon ganz schön viel von den Mechanismen des Lebens verstanden. Was nicht heißt, dass man dieses Wissen immer umsetzen kann, wie Caws im Interview erklärt.

"The Stars Are Indifferent To Astronomy" ist das erste Album, das Sie seit 1996 wieder in New York aufgenommen haben und klingt auch nach einem Ritt zurück in Ihre lautere Vergangenheit.

Matthew Caws: "Wir wollten weg vom Verhaltenen, weil wir die Situation schon oft erlebt haben: Es gab eine Komposition, und wenn wir ins Studio gingen, hielten wir uns beim Aufnehmen zurück. Auf Tour spielten wir dann wieder die ursprüngliche Version. "

Sie haben sich also einen Weg eingespart ...

Caws: "Statt sich live wieder vom Album zu entfernen, macht es doch mehr Sinn, von Anfang an so viel Selbstsicherheit an den Tag zu legen, dass man die Songs in ihrer ursprünglichen Form lässt."

Live sind Sie nicht in Ihrer ursprünglichen Form, Sie haben einen zusätzlichen Gitarristen dabei.

Caws: "Wir sind jetzt mit Doug Gillard einer mehr und das ist großartig. Wie ein neuer Wagen!"

Ira Elliot (lacht): "Ein neues Auto?"

Caws: Die Musik hat so viel mehr Kraft, meine ich. Wir klingen besser, und das ist eine Investition in die Zukunft.

Dieser Satz beinhaltet, dass Nada Surf eine Zukunft haben. Dabei erklärten Sie schon vor vier Jahren, wie lächerlich es ist, mit Mitte 40 in einer Band zu spielen.

Elliot: "Diese Absurdität verspüre ich immer noch, sie ist mein täglich Brot. Als Teenager und mit Mitte 20 ist es normal, Musiker zu sein ... Okay, ich bin wie der Typ im Film, der immer sagt "Ich bin zu alt für den Scheiß". Aber ehrlich, was soll ich jetzt noch machen (lacht)? "

Immerhin halten Sie die Fahne hoch, damit Nada Surf immer noch als Band aus New York gelten.

Elliot: "Matthew lebt in Cambridge, Daniel ist jetzt weniger in Wien und mehr auf Ibiza, während ich noch in Brooklyn bin und mich einem Umzug verweigere. Ich rede oft mit meiner Frau darüber, ob wir wegziehen sollen, aber ich mag es dort und wüsste nicht, wo ich hin wollte. Aber, da ich ahne, wo die Frage hingeht: Es war nie ein Problem, dass wir so verstreut sind."

Haben Sie diesen Songwriting-Urlaub auf Ibiza letztes Jahr gemacht - oder war das nur ein Witz?

Caws: "Wir haben es gemacht, und es war ein Witz (lacht)."

Elliot: "Weil es so nicht funktioniert. Ich kann Matthew nicht anbrüllen: "Song jetzt!" Er arbeitet am besten, wenn er alleine ist. Wenn er das macht, dann brauchen wir nicht viel Zeit, um aus diesen Ideen in meist nicht mehr als sechs Wochen Songs zu produzieren."

Stimmt das, brauchen Sie nur sich selbst?

Caws: "Neulich habe ich mich mit Freunden, anderen Songwritern, darüber unterhalten. Wir wissen, es sind nur zehn Minuten nötig, die Frage ist nur, wann die kommen. Das kann Monate dauern und hängt damit zusammen, was du in den Wochen zuvor erlebt hast, ob du dir was zutraust oder dich anzweifelst."

Die verrinnende Zeit ist oft Thema auf dem Album.

Caws: "Es wäre aber nicht richtig zu behaupten, dass wir deswegen melancholisch geworden sind. Ich war auch ein 25-Jähriger, der wehmütig zurückblickte, warum er mit 16 nicht anders war. Die Songs entstanden nicht aus einem bedauernden Blickwinkel heraus. Ich will auch kein Teenager mehr sein, aber den Optimismus eines Teenagers hätte ich gerne. Alles ist möglich."

Aber das war es doch gar nicht.

Caws: "Aber erinnern Sie sich an die Sommerferien. Es war Juni, und man musste bis September nicht mehr in die Schule, das war eine Ewigkeit. Heute weiß ich, dass eine Jahreszeit einfach mit einem Fingerschnippen vorbeigeht, wenn ich nicht aufmerksam bin. Ich denke nie in nationalen Kategorien, aber es gibt eine Sache, bei der ich einen deutlichen Unterschied zwischen den Menschen in den USA und in Europa spüre."

Welche ist das?

Caws: "In Europa meint man, sein Leben zu ändern, wäre im Alter schwieriger, und deshalb sollte man es vielleicht lassen. In den USA denkt das keiner. Egal, wo du stehst, versuch es, mach es. Gerade jetzt, wo es der Wirtschaft so schlecht geht, und die Menschen Freiräume haben, folgen sie ihren kühnsten Träumen. Das ist nicht ungewöhnlich."

So gesehen passt auch ein anderes Liedthema: Wir warten immer, dass etwas passiert.

Caws: "Und das ein Leben lang. Es ist eine generelle Erscheinung, dass sich alle benehmen, als wären sie bei den Proben. Wann fängt denn das Stück an? Ich kenne das Vorbereiten auf das Wahre und Wichtige auch, übe täglich und bin immer noch ein chronischer Listenschreiber."

Stehen da Ihre Vorhaben drauf?

Caws: "Ich plane den nächsten Tag genau, aber es kommt selten so wie beschlossen. Es gibt die wenigen guten Tage, da ist das Haus blitzblank aufgeräumt und meine Sachen liegen in der Tasche bereit, um gleich morgens schwimmen zu gehen. Dann wache ich auf, und tue genau das, bin sofort voll einsatzfähig."

Und die anderen Tage?

Caws: "Die anderen Tage ... (lacht) Da wache ich auf und denke an den perfekten Tag, erlebe ihn aber nicht. Es wäre notwendig, den Gang zu wechseln, aber oft denke ich nur an etwas, statt es zu tun - lese die E-Mail, statt sie zu beantworten. Ich glaube dann sogar, ich hätte zurückgeschrieben (stöhnt laut)."

Diese Sätze machen Nada Surf aus. Sie geben einem das Gefühl, nicht alleine zu sein. War es leicht, so lange zusammenzustehen?

Caws: "Man ist Familie. Ich habe begriffen, dass das Leben in Kreisen verläuft, mir lang genug die Hochs und Tiefs angesehen. Mittlerweile weiß ich, ich komme drüber weg. Man schafft es, aber Tiefs sind unvermeidbar. Gestern zum Beispiel habe ich den Flug und damit einen Interviewtag verpasst, einfach weil ich in der falschen Schlange angestanden habe. Das ist mir bisher nie passiert, und ich habe mich grauenhaft gefühlt. Aber das überlebst du, wenn du in einer Band bist, die funktioniert."

Nada Surf auf Deutschland-Tournee:

25.02., München, Backstage Werk

26.02., Berlin, Huxley's

27.02., Hamburg, Markthalle

28.02., Köln, Live Music Hall

© teleschau - der mediendienst GmbH

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