Deutschland liebt es, Bushido zu hassen. Doch was fasziniert die Leute eigentlich so an dem Berliner Rapper, der beinahe wöchentlich für eine neue Schlagzeile gut ist? Das Porträt eines Mannes, der die Nation spaltet.

Frauenfeind, Gewalttäter, Antisemit, Integrationspreisträger, politischer Hoffnungsträger ... Dem Berliner Rapper Bushido wurde in seiner Karriere schon so mancher Stempel aufgedrückt. Zuletzt machte eine Generalvollmacht über sein gesamtes Vermögen Schlagzeilen, die Bushido einem Mitglied eines mutmaßlich kriminellen Familienclans ausgestellt haben soll. Jetzt also auch noch Mafioso? Eines ist klar: Bushido ist eine Figur, wie sie widersprüchlicher kaum sein könnte.

"Vom Bordstein bis zur Skyline"

Der Titel seines ersten Studioalbums beschreibt die Faszination, die Anis Ferchichi alias Bushido auf die Öffentlichkeit ausübt, wohl am treffendsten. Denn er beschreibt den Weg eines Mannes, der es von relativ weit unten bis ganz nach oben geschafft hat. Den "Weg des Kriegers", um genau zu sein. So lässt sich Ferchichis Künstlername aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzen. Die Menschen lieben solche Underdog-Geschichten.

Nachdem sein tunesischer Vater seine deutsche Mutter verließ, als Bushido drei Jahre alt war, besuchte dieser bis zur elften Klasse das Gymnasium. Wegen diverser Auseinandersetzungen mit dem Gesetz wurde Bushido schließlich von einem Gericht vor die Wahl gestellt, eine Ausbildung mit staatlicher Förderung zum Maler und Lackierer zu machen oder zu einem Jugendarrest verdonnert zu werden. Während der Ausbildung lernte er seinen späteren Partner Fler kennen. Über das Sprühen von Graffiti fanden beide den Einstieg in die Berliner Hip-Hop-Szene.

Als Bushidos Karriere bei Aggro Berlin durchstartete, hatte man etwas vergleichbares weder gesehen noch gehört. Rap-Musik in Deutschland hatte ihre Wurzeln bis dahin hauptsächlich im mittelständischen Bildungsbürgertum. Die Protagonisten waren wortgewandte, teils auch politisch engagierte Gymnasiasten-Typen wie etwa die Absoluten Beginner, Blumentopf oder die Fantastischen Vier.

Der Duft der Straße

2001 wurde das Berliner Untergrund-Label gegründet und schon bald wehte in und aus deutschen Kinderzimmern ein anderer Wind. Mit Gangsta-Rap in deutscher Sprache hatte man eine Marktlücke besetzt. In den "Aggro Ansagen" herrschte ein rauer Umgangston, inhaltliche Schwerpunkte: Gewalt, Drogen sowie inflationäres "Ficken" von Personen wie Gegenständen. Das rief Eltern, Lehrer und natürlich Politiker schnell auf den Plan. Indizierungen folgten, was sich auf den Erfolg keineswegs nachteilig auswirkte.

Während bei seinen Aggro-Kollegen Sido und B-Tight bei alledem oft ein ironischer Unterton mitschwang, wirkten Bushidos Reime sowie sein Auftreten ernsthafter, bedrohlicher. Ein Typ, tätowiert auf Hals und Händen, den man sich nicht unbedingt als Umgang, geschweige denn Vorbild für seinen Nachwuchs wünscht. Genau bei dem kam die rohe Aggressivität allerdings gut an. Jugendliche aus weniger privilegierten Gesellschaftsschichten hatten nun ein Sprachrohr, jemanden, der es verstand, den harten Alltag auf der Straße in unverblümte Worte zu fassen. Andere fanden Bushido einfach "krass" und fühlten sich, ähnlich wie bei Filmen ohne Altersfreigabe, vom Hauch des Verbotenen angezogen.

Bushido selbst versuchte sich immer wieder damit zu erklären, lediglich soziale Missstände abzubilden. Seine Texte seien keineswegs als Glorifizierung von Verbrechen jedweder Art zu verstehen. In dem Lied "Eure Kinder" von 2007 geht es genau darum: "OK, das gibt's in Dörfern nicht, doch ich lebe in Berlin, wo sich ein Junkie jede Scheiße in den Körper spritzt. Was kann ich dafür, dass so etwas passiert? Denkt ihr ich hab durch Musik eure Kinder dazu animiert?"

Böser Bube oder guter Junge?

Auf gewisse Weise leuchtet diese Argumentation ein, auch wenn die Diskussion um Ursache und Wirkung ein ewiges Grundsatzthema ist. Darüberhinaus wirkt der "Skandalrapper" bei öffentlichen Auftritten und in Interviews stets charmant, höflich und wohlartikuliert. Beinahe wohlerzogen könnte man sagen. Man könnte es aber auch Kalkül nennen.

Bushido hat sich zum erfolgreichen Geschäftsmann gemausert. Nach dem Erfolg von "Vom Bordstein bis zur Skyline" gründete er sein eigenes Label, "ersguterjunge", und unterzeichnete zusätzlich einen Vertrag über den Vertrieb der Musik mit dem Major-Label Universal. Diesen wiederum löste er später auf, um zu Sony BMG zu wechseln. Darüberhinaus ist Bushido auch im Immobiliengeschäft tätig.

Der Duft der Straße haftet trotz aller unternehmerischer Tätigkeit dennoch hartnäckig an ihm. Daran ändern auch gesellschaftliche "Großereignisse" wie die Ehe zu Sarah Connors Schwester, das Bundestagspraktikum bei der CDU oder der umstrittene Integrations-Bambi wenig. Gerade weil sich Bushido in erster Linie als Geschäftsmann versteht, ist ihm das alles vermutlich auch ganz recht. Die Schlagzeilen, die seine angeblichen Verbindungen zum organisierten Verbrechen jüngst wieder machten mit eingeschlossen. Eigentlich ist die Geschichte, die dem "Skandal" zugrunde liegt, ein alter Hut.

Schon in dem autobiographischen Film "Zeiten ändern dich" von 2010 wird beschrieben, wie ein Mann, gespielt von Moritz Bleibtreu, dem jungen Bushido hilft, aus seinem Vertrag mit "Hardcore Berlin" (gemeint ist Aggro Berlin) herauszukommen. Der Name von Bleibtreus Figur im Film: Arafat Abou-Chaker - derselbe Name, der auf der von Bushido ausgestellten Generalvollmacht steht.