Vom Gewichtheber zum Tanzbär: Wie soll das bitte funktionieren? Olympiasieger Matthias Steiner will in der RTL-Tanzshow "Let's Dance" beweisen, dass auch ein mutmaßlicher Grobmotoriker Rhythmus im Blut haben kann. Im Interview verrät er, wie es um seine Tanzerfahrung bestellt ist, wie viel Gewicht er verloren hat und mit welcher Krankheit er sich seit rund 14 Jahren herumschlagen muss.

Matthias Steiner, welcher Tanzrichtung würden Sie Ihren Stil zuordnen? Filigranes Ballett oder feuriger Tango?

Matthias Steiner: Eher tollpatschiger Walzer (lacht). Natürlich wäre mir feuriger Tango lieber. Ich finde die Musik und die Art zu tanzen viel schöner. Aber Ballett? Ich kann mir mich selbst nicht im Tutu vorstellen.

Aber Matthias Steiner im Tutu? Ich denke schon, dass das die Leute sehen wollen …

Das glaube ich nicht. Da wäre dann der Punkt überschritten, wo man noch hinschauen will.

Warum machen Sie eigentlich mit bei "Let's Dance"?

Der Hauptgrund ist, weil ich mich unheimlich gerne bewege. Gut, das mache ich auch beim Radfahren oder Laufen, aber das sind monotone Bewegungen. Ich bin bisher nicht viel mit Tanzen in Berührung gekommen. Und ich wäre selbst auch nie auf die Idee gekommen.

Warum macht man bei "Germany's next Topmodel" mit?

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Also ist RTL auf Sie zugekommen?

Genau, und aus dem Bauch heraus habe ich dann gesagt: Das reizt mich total. Es ist nicht einfach nur tanzen, sondern ein großer Aufwand. Man muss hart arbeiten, Woche für Woche. Man muss dafür einen gewissen Zeitraum blocken.

Schließlich sehen auch ein paar Millionen Leute zu, Sie wollen sich ja nicht blamieren.

Das kommt noch dazu. Ich kann jetzt auch nicht beurteilen, wie schnell oder langsam ich das Tanzen lerne. Wenn man da unsicher ist, sollte man es lieber bleiben lassen. Aber: Mit dem Gewichtheben musst du auch irgendwann mal anfangen, wie bei jeder anderen Sportart auch.

Was können Sie schon beim Tanzen?

Stand jetzt: eigentlich nix. Als gebürtiger Österreicher habe ich als Kind die Grundschritte vom Walzer gelernt, weil man mal bei einem kleinen Ball mittanzt. Aber das war's dann auch schon. Viele aus meinem Umkreis sind dann weiter auf eine Tanzschule, aber bei mir gab es schon das Gewichtheben. Zu der Zeit habe ich auch viel Fußball gespielt und bin Rad gefahren. Somit war ich sportlich schon ausgefüllt. Und das Gewichtheben war mir einfach wichtiger. Ich muss jetzt mal schauen, ob ich das überhaupt wieder zu zweit hinbekomme.

Auf Ihrer Hochzeit haben Sie doch sicher einen Walzer getanzt, oder?

Gezwungenermaßen (lacht). Zu dieser späten Stunde konnte man aber nicht beurteilen, ob das ein schöner Walzer war.

Wie passt das zusammen: Ein Ex-Gewichtsheber schult um zum Tänzer?

Das ist auch der Reiz bei der Sache, etwas Neues zu lernen. Ich will aber auch die Leute mitreißen. Das hat auch was mit meiner Abnehmerei zu tun. Ich bringe in diesem Jahr ein Buch darüber heraus mit dem Titel "Das Steiner Prinzip". Mich sprechen die Leute von allen Seiten an, wie ich es geschafft habe, so viel abzunehmen. Das kann ich leider nicht in einem Satz erklären. Es gibt keine Diät und keinen Einzeltipp. Ich will dadurch zeigen, dass Bewegung nicht nur aus Gewichtheben oder Radfahren besteht. Das sind oft monotone Geschichten. Vielleicht kommt durch "Let's Dance" jemand auf die Idee: Mensch, Tanzen wäre doch was, das macht Spaß und ich kann meinen Partner mitnehmen. Mich interessiert jetzt, ob mir Tanzen so viel Spaß macht und ob ich es dann auch weiter betreibe.

Wie viel Gewicht haben Sie genau verloren?

45 Kilo.

Glauben Sie, Ihre Sportlerkarriere verschafft Ihnen einen Vorteil bei "Let's Dance"?

Wenn es einen Vorteil gibt, dann dass ich vom Trainingsumfang her körperlich belastbar bin. Gewichtheben war schließlich auch kein Honigschlecken. Was aber der Nachteil der Sportlerkarriere sein kann: Gewichtheben ist sehr symmetrisch. Es geht von oben nach unten und umgekehrt. Es dreht sich nix. Es gibt keine verschiedenen Schritte und Formen. Gewichtheben ist etwas extrem Kontrolliertes, Tanzen nicht.

Wann beginnen Sie mit dem Training?

Die Sendung geht Mitte März los (am 13.3.; Anm.d.Red.), und wir haben insgesamt 50 Trainingsstunden. Mehr dürfen wir nicht haben. Es ist auf knapp vier Wochen aufgeteilt. Das wird eine totale Herausforderung.

Welchen Kandidaten sehen Sie als größten Konkurrenten an?

Alle, das muss ich wirklich so beurteilen. Es gibt welche mit Tanzausbildung, es gibt welche ohne Erfahrung. Es hängt auch davon ab, wie viel Sympathien man hat. Ich konzentriere mich gar nicht auf die Gegner, sondern auf meinen Tanz.

Sie haben ja außer den anderen Teilnehmern noch einen weiteren Gegner. Seit Sie 18 sind, leiden Sie an Diabetes. Inwiefern beeinflusst Sie diese Krankheit im Sport?

Gegner ist ein hartes Wort. Nennen wir ihn meinen ständigen Begleiter. Mit ihm bin ich auch schon im Leistungssport fertiggeworden. Beim Tanzen muss ich jetzt einfach schauen, wie er reagiert, wie sehr meine Blutzuckerwerte schwanken. Ich wurde durch eine verschleppte Grippe Typ-1-Diabetiker. Mein Immunsystem hatte damals beschlossen, meine eigenen Zellen - die Insulin produzierenden Zellen meiner Bauchspeicheldrüse - anzugreifen und zu zerstören. Seither muss ich Insulin spritzen, um meinen Zuckerspiegel zu regulieren.

Ich bekomme vor allem von Kindern Zuschriften, die mir schreiben: Bitte stell klar, dass wir mit Diabetes alles machen können. Viele Kinder werden nämlich deswegen vom Schulsport ausgeschlossen. Ich selbst war nicht bei der Bundeswehr, weil ich aufgrund meines Typ-1-Diabetes untauglich war - war aber trotzdem der stärkste Mann der Welt. Das ist ein wenig paradox. Dass so etwas Alltag ist in Deutschland, das will ich klarstellen. Auch ich bin mit 18 vor die Tatsache gestellt worden: Du bist Diabetiker, du bist krank, du musst mit dem Gewichtheben aufhören. So ist es aber nicht. Typ 1 beeinflusst zwar unser Leben, aber wir lassen uns davon nicht unterkriegen.

Matthias Steiner, vielen Dank für das Gespräch.

Matthias Steiner ist 32 Jahre alt und ein ehemaliger Gewichtheber. 2008 gewann der gebürtige Österreicher bei Olympia in Peking für Deutschland die Goldmedaille im Gewichtheben. Dabei sorgte er für den wohl emotionalsten Moment bei den Spielen, als er bei der Siegerehrung mit Tränen in den Augen ein Foto seiner verstorbenen Frau in die Kamera hielt. Mittlerweile ist er mit der ehemaligen Nachrichtensprecherin Inge Steiner (ehemals Posmyk) verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder. 2013 beendete Matthias Steiner seine Sportlerkarriere und sorgte danach mit einem gewaltigen Gewichtsverlust für Aufsehen.