Dreizehn Jahre ist es her, dass Jürgen von der Lippe das letzte Mal "Geld oder Liebe" moderierte. Zum 25-jährigen Jubiläum kehrte der Moderator nun mit seiner Show zurück. Und zeigte dem Nachwuchs, was dem Fernsehen heute fehlt: Gelassenheit.

Nostalgie ist etwas Wunderbares. Jürgen von der Lippe steht da, mit seinem Teleskopzeigestab und deutet auf die Bilder der Kandidaten an der Wand. "Klaas und Regina, welche Zahl ergibt das?", fragt er. Das Publikum ist sich einig, antwortet und der Moderator bestätigt: "Richtig, dafür gibt es einen Sekt." Nach fast zwei Stunden ist er am Ende der Jubiläumsausgabe von "Geld oder Liebe" angekommen. Der Show, die er 1989 erfand und die 2001 zum letzten Mal ausgestrahlt wurde – bis jetzt. Und doch ist es so, als wären nur ein paar Tage vergangen. Das Hemd von Jürgen von der Lippe ist so bunt wie eh und je, die Sprüche schwanken zwischen Deutschlehrer und Pausenclown.

Dass man sich nicht ungestraft mit Deutschlands Popschlager-Königin Helene Fischer anlegt, lernt Komikerin Carolin Kebekus gerade auf die harte Tour.

Zum 25. Geburtstag der Kuppelshow hat der WDR Von der Lippe noch einmal vor die Kamera gelockt. Ohne krampfige Versuche, das Konzept zu modernisieren. "Geld oder Liebe" im Jahr 2014 ist genauso wie "Geld oder Liebe" anno 1989: Drei weibliche Singles mit außergewöhnlichen Hobbys oder Fähigkeiten treffen auf drei männliche Gegenparts. Am Ende entscheidet das Publikum, welches Paar am besten zusammen passt. Einen Unterschied gibt es in der Jubiläumssendung aber doch: Weil heute keine Show mehr ohne prominente Gäste auskommt, sind die Kandidaten eben Stars.

Liebestolle Prominente auf Klassenfahrt

Carolin Kebekus, Regina Halmich, Katrin Bauerfeind, Simon Beeck, Klaas Heufer-Umlauf und Bernhard Hoëcker kommen fast schon schüchtern auf die Bühne. Das mag daran liegen, dass sie jung genug sind, um mit Von der Lippe im Fernsehen aufgewachsen zu sein. Doch die Scheu legt sich schnell. Auf der Couch albern sie herum wie ein paar liebestolle Teenager auf Klassenfahrt. Dem 25 Jahre alten Format gelingt, was sonst nur wenige Sendungen im deutschen Fernsehen gelingt: Die Prominenten öffnen sich und agieren ganz ungezwungen.

Heufer-Umlauf etwa erzählt, er habe irgendwann entdeckt, dass er wie Eros Ramazzotti singt. Zum Beweis schmettert er dessen Duett "Cose della vita" mit Moderatorenkollege Jan Böhmermann, der Tina Turners Part übernimmt. Katrin Bauernfeind, sonst eher die kühl-laszive Traumfrau der "Irgendwas mit Medien"-Studenten, schwingt die Beine in einer Karnevalsgarde. Wer hätte das gedacht.

Vom Straßenfeger zur dritten Wahl

Die entfesselten Promis werden aber ein einmaliges Vergnügen bleiben – in den nächsten drei Wochen moderieren nacheinander Simon Beeck (1Live), der aufgrund der Absage von Stefan Mross bereits in der Jubiläumsshow als Kandidat einspringen musste, Christine Henning ("The Taste", Sat.1) und Lutz van der Horst ("heute-show") die Show mit normalen Kandidaten. Offiziell sind keine weiteren Folgen geplant. Vorerst. Von der Lippe selbst lehnte ab, die Neuauflage seiner Show zu moderieren. Er wolle sich das eigene Denkmal nicht zerstören. Er hat noch die goldenen Zeiten des Fernsehens erlebt, in denen Samstagabendshows Straßenfeger waren. Dass der WDR angesichts dessen "Geld oder Liebe" an einem Mittwoch im dritten Programm zeigt, ist eine Frechheit.

Zu stören schien das 66-Jährigen aber nicht. Entspannt führte er durch die Wiederauferstehung seiner Show. Eine wahre Wohltat in einer Fernsehwelt, in der alles ständig schneller, spektakulärer und hektischer sein muss. Bei Von der Lippe werfen sich stattdessen Prominente auf der Hollywoodschaukel Kissen mit den Füßen zu. Oder sie kitzeln sich, während der andere Wasser im Mund hat. Was auf einem Kindergeburtstag funktioniert, das funktioniert auch im Fernsehen. Und wenn die Prominentenmeute es zu wild treibt und alles durcheinander bringt, sagt Von der Lippe einfach: "Wir haben mit fünf Fragen sechs Punkte. Mir doch egal. Sekt für alle!"

Das Hawaiihemd in der Brandung

Das ist eine Moderationsschule, wie man sie heute fast vergessen hat. So unangestrengt, so gelassen. Dass Von der Lippe die Sendung nicht mehr moderieren will, ist eine Schande. Einer wie er fehlt heute im Fernsehen. Zwischen den immer gleich aussehenden Moderationsrobotern der Privaten und den jungen Wilden wie Jan Böhmermann, Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt ist in den letzten 25 Jahren nicht viel nachgewachsen. Die einen sind keine Entertainer, die anderen (noch) nicht massenkompatibel. Zumindest im öffentlich-rechtlichen Sinne.

Das zeigt diese kurze Rückkehr von "Geld oder Liebe" umso deutlicher. Die Show wirkt deswegen so frisch, weil alles andere so hektisch ist. Von der Lippe ist das Hawaiihemd in der Brandung, der altkluge Onkel von nebenan, der mit genüsslicher Miene im Finalspiel ein Gedicht rezitiert, während das vom Publikum gewählte Gewinnerpaar Carolin Kebekus und Bernhard Hoëcker eine Minute runterzählt, um möglichst viel Geld für den guten Zweck zu erspielen.

Als sich Von der Lippe nach zwei Stunden noch einmal zu seinem Publikum umdreht, verabschiedet er sich endgültig von der Show, die er erfunden hat. Sie brauche junges Blut und er wünsche seinen Nachfolgern so viel Erfolg wie er einst hatte. Ob das auf diesem Sendeplatz gelingen wird, ist fraglich. Wünschenswert wäre es. Ob mit oder ohne Jürgen von der Lippe.