Vier Gäste, es wird geraucht und gesoffen: "Roche & Böhmermann" ist zurück. Nur dass sich statt der Bestsellerautorin jetzt Musiker Olli Schulz in Rage quasselt. Das Ergebnis ist chaotisch, vollkommen unberechenbar - und unterhaltsamer als jede andere Plauderstunde im Fernsehen.

ARD und ZDF hinken mit spannenden Serien dem US-Markt weit hinterher.

Olli Schulz und Jan Böhmermann prusten schon vor Beginn der eigentlichen Show los. "Hallo, wir sind's, Joko und Klaas. Das 'Duell um die Welt'". Ein kleiner Seitenhieb auf die private Konkurrenz, als deren Gegenentwurf das Duo gern gesehen wird. Auf-die-Schnauze-Witze versus zynische Fernseh-Anarchie.

Seit einigen Jahren moderieren Schulz und Böhmermann bereits die Radioshow "Sanft & Sorgfältig". Bzw. sie quasseln stundenlang wild durcheinander. Es hat lange gedauert, bis einem Fernsehsender aufgefallen ist, dass das einen hohen Unterhaltungswert hat. Das Ergebnis ist "Schulz & Böhmermann", eine Art Talkshow im Retro-Look.

Die erste gemeinsame TV-Show ist nicht ohne Altlasten. Mit Charlotte Roche moderierte Jan Böhmermann 2012 ein von Kritikern hochgelobtes Talk-Format: "Roche & Böhmermann". Das ZDF verheizte die Show im Spätprogramm auf einem seiner Digitalsender, nach 16 Folgen war Schluss. Warum, darüber schweigen sich bis heute alle Beteiligten aus. Es sei zu Unstimmigkeiten zwischen Roche auf der einen Seite und Böhmermann und der Produktionsgesellschaft Bild- und Tonfabrik auf der anderen gekommen. Die Bestsellerautorin widmete sich wieder dem Bücherschreiben, Böhmermann entwarf mit dem gleichen Team das "Neo Magazin".

Wer nicht redet, wird ignoriert

Olli Schulz tritt jetzt die schwierige Nachfolge von Charlotte Roche an. Denn die neue Talkshow ist bis auf ein paar Details die alte. Vier Gäste sitzen an einem Tisch, der wie aus dem Fernsehinventar der 70er wirkt, es wird geraucht und gesoffen. Sprecher William Cohn wurde durch Schriftstellerin Sybille Berg ersetzt und statt dem Fluch-Button, der unerwünschte Beiträge übertönt, gibt es Veto-Karten. Für die Gäste heißt es noch immer: Wer nicht redet, wird ignoriert. Wer nicht schlagfertig ist, hat verloren. Und allzu ernst sollten sich die Gäste auch nicht nehmen.

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Maja Maranow: Die Rollen des ZDF-Stars

Maja Maranow war ein gerne und häufig gesehener Gast im TV. Sie hat mit den größten deutschen Stars und den renommiertesten Regisseuren gearbeitet. Am 2. Januar starb sie im Alter von 54 Jahren.

Die Zusammenstellung der ersten Show ist durchaus gewagt: Gangsterrapper Kollegah trifft auf den verurteilten Hochstapler Gert Postel, Til Schweigers Hausdrehbuchschreiberin Anika Decker und den gefallenen Wettervogel Jörg Kachelmann. In einer normalen Talkshow wäre das der Auftakt für ausführliche Verkaufsgespräche zum neuen Buch/CD/Film. Bei "Schulz & Böhmermann" geht erst mal alles schief.

Die Regie spielt zweimal den Einspieler zu Kachelmann statt Kollegah ab. Olli Schulz brüllt: "Wenn das so weiter geht, bin ich gleich wieder bei 'Circus Halligalli'!" Als es dann endlich klappt, schaut Kollegah versteinert, während ihm Homoerotik unterstellt wird und dass "einer wie er früher bei den Nazis gelandet" wäre. Nur als es heißt, er rappe fast so gut wie Bushido, kann er sich das Grinsen nicht verkneifen.

Die Ex-"Tagesschau"-Sprecherin hat sich ins Abseits geschossen.

Der Irrsinn hat einen Nebeneffekt

So chaotisch geht es im Rest der Sendung weiter. Postel, der sich zwei Jahre als Psychologe ausgab und dafür im Gefängnis landete, weigert sich barsch, Fragen zu seinem Knastaufenthalt zu beantworten. Auf die Bemerkung, dass er auch psychologische Gutachten vor Gericht erstellt habe, antwortet er nur mit: "Ja, und?"

Jörg Kachelmann versucht derweil ruhig und überlegen zu wirken, kann aber nicht verbergen, dass ihn nach seinem gewonnenen Vergewaltigungsprozess vor allem Hass antreibt. Auf die Springer-Presse, die Justiz und vor allem Alice Schwarzer. Zugeben will er das nicht, stattdessen wirbt er wiederholt für sein Internet-Wetterportal.

Das bleibt die einzige Referenz an aktuelle Talkshows. Denn all dieser Irrsinn hat einen interessanten Nebeneffekt: Im Gegensatz zu den ach so ernsthaften Gesprächen der Konkurrenzsendungen gelingt es Schulz und Böhmermann, ob gewollt oder eher als Unfall, wirklich an ihre Gäste heranzukommen. Das schaffen im Fernsehen nur wenige Sendungen. "Zimmer frei" und "Inas Nacht" zum Beispiel.

Bei "Schulz & Böhmermann" erhält man einen kurzen Einblick, wie Prominente wirklich sind. Weil ihnen im wilden thematischen Hin- und Herspringen der Moderatoren gar keine Zeit bleibt, ihre normales Programm abzuspulen. Das gelang Böhmermann schon in Kombination mit Charlotte Roche, die zum Beispiel Max Herre aus dem Studio trieb, weil sie seine neue Platte nicht mochte. Olli Schulz ist ein adäquater Ersatz. Er redet sich im Verlauf der Sendung regelrecht in einen Rausch, so dass selbst Böhmermann kaum zu Wort kommt.

Schade ist nur, dass das wahrscheinlich wieder kaum jemand sehen wird. Wie auch schon bei "Roche & Böhmermann" sendet das ZDF die Show im späten Abendprogramm auf ZDF Neo. Das Format ist wohl zu progressiv für das Hauptprogramm. Oder wie es Olli Schulz sagen würden: "Das ist 'ne absolute Freakshow, uns eingeschlossen."