Dienstschluss für Kommissar Stark: Nach 13 Jahren verabschiedet sich Boris Aljinovic als Berliner Ermittler mit einem denkwürdigen letzten Fall. Das Finale muss er mehr oder weniger im Alleingang bestehen, denn Starks langjähriger Buddy Till Ritter, gespielt von Dominic Raacke, verließ das Revier an der Spree bereits im Februar.

Worum geht’s hier eigentlich?

Der Fall im Berliner "Tatort" dreht sich um eine Frauenfigur, wie man sie im deutschen Fernsehkrimi noch nicht gesehen hat. Die junge Studentin Trude Bruun Thorvaldsen (gespielt von der hochtalentierten Norwegerin Lise Risom Olsen) erscheint eines Tages im Revier, um eine mehr als außergewöhnliche Zeugenaussage zu machen. Verzweifelt spricht sie über einen Mord, den sie geträumt hat. Immer wieder. Zwei Wochen später wird die Architekturstudentin aus ihrem Traum tatsächlich ermordet aufgefunden. Die Schauspielerin Lise Risom Olsen meint wohl ganz zu Recht: "Im Mittelalter wäre Trude als Hexe verbrannt worden." Doch Trude stößt beim empathischen Felix Stark und dem neuen Berliner Polizeipsychologen (Fabian Busch) nicht auf Abneigung. Mit Unterstützung der unglücklichen, von ihrer "Gabe" gepeinigten Skandinavierin wird nach dem vermeintlichen Täter gesucht: Trude sah in ihren Albträumen einen Mann mit roten Haaren und Latzhose. Und das bleibt nicht die einzige Vision, die sich erfüllen wird ...

Wie nervenzerfetzend ist die Spannung?

Die Geschichte erscheint erst völlig absurd. Doch wer sich darauf einlassen kann, wird immer mehr mitfiebern und sie am Ende fast unerträglich spannend finden. Das Entscheidende: Hier geht es nicht wirklich um die Frage, ob es so etwas wie übersinnliche, hellseherische Fähigkeiten geben kann, sondern darum, was die Bürde solcher Visionen mit der Psyche eines Menschen anstellt. Bald ist der Mörder auch hinter der armen Trude her, und ihre Albträume hören einfach nicht auf. Die blonde Frau mit den traurigen Augen berichtet Stark irgendwann, sie "habe einen neuen Traum. Ein Mann sitzt an einem Tisch. Hat ein Loch mit Blut in seinem Kopf. Ein Auto fährt schnell weg, und ich habe ganz viel Angst. Es tut mir leid." Vielleicht ahnt sie da noch nicht, wer dieser Mann sein könnte, vielleicht weiß sie es aber schon. Vielleicht? Dem Zuschauer, der sich vielleicht wundert, warum dieser "Tatort" so einen komischen Titel hat, sei nur eines verraten: "Vielleicht", das ist das letzte Wort, das in diesem Film gesprochen wird.

Denkwürdiger "Tatort"-Auftritt: Die Studentin Trude wird man so schnell nicht mehr vergessen.

Ergibt das alles einen Sinn?

Der Film ist glaubwürdig erzählt, die Charakter überdrehen nicht. Und Boris Aljinovic und Lise Risom Olsen schaffen mit herausragenden Leistungen so etwas wie Wahrhaftigkeit im Surrealen. Sie gaukeln dem Zuschauer nichts vor. Doch wie viel Sinn kann ein Fall ergeben, der derart dreist zwischen Realität und Parapsychologie balanciert? "Manchmal gibt's Sachen, die kann man sich nicht vorstellen", meint der Polizeipsychologe. Und mit dieser Einstellung steuert auch der Zuschauer einigermaßen sicher durch die Geschichte, die am Ende einige Fragen offen lässt.

Würde man diesen Kommissar im Notfall rufen?

Nicht nur im Notfall: Einen in sich ruhenden Kumpeltyp wie Felix Stark hat man eigentlich immer gerne in der Nähe. Der Mann ist klaren Verstandes, hat einen hervorragenden Instinkt und macht kein Aufhebens um seine Person – sympathischer geht’s kaum. Schade, dass dies der letzte Fall des Berliner Kommissars ist. Aber vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen mit dem Polizeipsychologen oder mit Trude, der seltsamen, schönen Frau, die Verbrechen derart exakt im Traum voraussieht, dass man die Szenarien bis ins Detail zeichnen kann. Ach, wie sehr würde man auch dem nächsten "Tatort" so einen Schuss Surrealismus gönnen!

Hat sich das Einschalten gelohnt?

Kann gut sein, dass einige schnell wieder ausgeschaltet haben, weil ihnen das Ganze doch zu unlogisch vorkam. Aber die haben etwas verpasst. Autor und Regisseur Klaus Krämer, der schon mit den Kammerspiel-Krimis "Tatort: Hitchcock und Frau Wernicke" (2010) und "Tatort: Machtlos" (2012) für denkwürdige TV-Ereignisse sorgte, inszenierte den Abschied des stillen Berliner Ermittlers als flirrend intensives Psychostück. © teleschau - der mediendienst GmbH