Auch im Jahr 2015 setzt sich der Siegeszug der amerikanischen Qualitätsserien fort. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten in Deutschland hängen dieser Entwicklung nach wie vor hinterher - aber es gibt Hoffnung bei den Privatsendern.

Ein Mann versucht in einem archaischen OP das Leben einer schwangeren jungen Frau zu retten. Ohne zu wissen, was ihn erwartet, schneidet er mit dem Messer in den aufgeblähten Körper.

Blut spritzt und muss mit einer Pumpe abgesaugt werden. Dafür muss ein Assistenzarzt eine Kurbel wie wild drehen und steht so den anderen Ärzten im Weg.

Im Kohle-Keller des Hospitals hat ein dunkelhäutiger Chirurg für dieses Problem bereits eine Lösung gefunden. Er lässt heimlich einen Staubsauger umbauen. Die erste elektrische Absaugvorrichtung ist erfunden.

HBO zeigt in Trailer für 2016 kurze Sequenzen der sechsten Staffel.

Die Frau auf dem OP im ersten Stock stirbt dennoch - für sie und ihr ungeborenes Baby kommt die Entwicklung der modernen Medizin zu spät.

Längst mehr als nur Fernsehen

Die amerikanischen TV-Serien gelten völlig zu Recht als die großen Erzählungen unserer Tage, als audiovisuelle Kunstwerke, die so intensiv rezipiert und diskutiert werden wie einst die literarischen Produkte von Charles Dickens, Leo Tolstoi und Theodor Fontane.

Und genau wie deren Texte immer die Probleme und Konflikte ihrer Zeit spiegelten, verraten auch Werke wie Steven Soderberghs oben angerissene Krankenhausserie "The Knick" viel über unsere gegenwärtige Gesellschaft.

Der Cannes-Preisträger zeigt mit dem fiktiven Knickerbocker-Krankenhaus in New York City eine Welt, in der der Patient nur ein Kostenträger ist - und in der der schwer drogenabhängige Chirurg Dr. John Thackery nur deshalb experimentieren darf, weil sein Ruhm die reiche Upperclass dazu verleitet, ihr Geld in diesem Hospital auszugeben.

Damit werden die Taschen des schmierigen und korrupten Klinik-Managers gefüllt, der schon mal heimlich Leichen verkauft, um seine Schulden zu begleichen.

Der medizinische Fortschritt, er wird zum Nebenprodukt eines ungezügelten Raubtier-Kapitalismus, ist aber ohne ihn auch nicht denkbar.

Viel Blut, Gedärme und offen gelegte Körper sind auch ein wesentlicher Bestandteil der enorm erfolgreichen Comic-Adaption "The Walking Dead", die 2015 mit "Fear the Walking Dead" einen Ableger geschenkt bekommen hat, der ebenso wie Thackerys OP der kapitalistischen Logik folgt, das auszubauen, was gerade gut läuft.

Zur neuen Folge an Neujahr: Rückblick auf die famose Staffel 3.

Und die Zombie-Mutterserie hatte in der Tat in den letzten Jahren bei den Zuschauerzahlen alle Erwartungen übertroffen.

Wuchtiger Anfang, maue Fortsetzung

Das Spin-off spielt in Los Angeles und zeigt im Gegensatz zum Original, in der die Hauptfigur den Beginn der Apokalypse im Krankenhaus verschläft, den Ausbruch der Epidemie in einer Metropole.

Die Zuschauer sollen das Ende einer Zivilisation verfolgen können, hieß es vorab großspurig - sie könnten zusehen, wie in der Stadt der Engel die Lichter ausgehen.

Das funktioniert auch genau eine Folge lang ganz prächtig, für die Serien-Macher viel Geld investieren, um zu zeigen, wie ein so komplexes Gebilde wie diese mythische Millionenstadt durch eine Pandemie erst ganz langsam, dann immer schneller zu kollabieren beginnt.

Ab Folge zwei wurde dann nicht mehr in LA, sondern im billigen kanadischen Vancouver gedreht. Und die Handlung verliert sich in den üblichen engen Krankenhaus-Studio-Fluren voller untoter Erzählstränge.

Der spannende Ansatz wird zum Opfer derselben auf maximalen Profit ausgelegten Entertainmentindustrie, die anderswo wahre erzählerische Wunder hervorbringt.

Schmieriger Anwalt zum lieb haben

Einer Industrie, an der auch der skrupellose Chemielehrer Walter White mit seiner Rauschgift-Produktion seine Freude gehabt hätte. Der Held aus "Breaking Bad" ist zwar 2015 nicht auf den Markt zurückgekehrt, dafür aber dessen schmieriger Anwalt Saul Goodman, der wie ein zu klein geratener Kevin Costner daherkommt.

Goodmans Geschichte wird im Ableger "Better Call Saul" zu einer eigenen Serie ausgebaut, die bereits in einer ersten Staffel viel Eigenständigkeit beweist - und die Geschichte eines liebenswerten Verlierers erzählt, der es Kraft seines Willens schafft, seine ganz eigene Version des Amerikanischen Traums zu leben.

Mit einem zwielichtigen Diplom bringt es Saul zu einem erfolgreichen Anwalt, der sich bei aller Profit-Orientierung immer ein Herz für die Schwachen der Gesellschaft bewahrt.

Hintersinnig komisch und intelligent ist dieser Serienstart, der es in der öffentlich-rechtlichen TV-Landschaft in Deutschland sicher nie an den Rundfunkräten vorbei auf die Bildschirme geschafft hätte.

Denn, auch das hat 2015 gezeigt, ein über Rundfunkgebühren hoch subventioniertes TV-System ist im Gegensatz zur amerikanischen "Alle gegen Alle"-Kulturproduktion offenbar kein geeigneter Nährboden für erzählerische Innovationen.

"GoT": Offizielles Plakat wirbt mit dem Lockenkopf für die neue Staffel.

Privatsender haben die Nase vorn

Die innovativen deutschen Formate kamen 2015 von gewinnorientierten Privatsendern, allen voran von der kleinen Station TNT-Serie.

Diese beweis mit "Weinberg", dass ein mythischer Ort wie David Lynchs "Twin Peaks" mitnichten nur in der dünn besiedelten Landschaft Montanas denkbar ist, sondern auch die tiefste deutsche Provinz eine perfekte Kulisse abgeben kann, für einen mehrteiligen Mystery-Thriller.

Einen, in dem die Hinterwäldler mit ihren Geheimnissen stetig hinter der Gardine lauern - und ein Held mit Gedächtnisverlust sich tief in das Dickicht der Vergangenheit hineinwühlen muss, um sich selbst zu finden.

Aber "Weinberg" war nicht die einzige deutsche Produktion, die es durchaus mit den amerikanischen Vorbildern aufnehmen konnte. Mit "Deutschland 1983" hat ausgerechnet RTL gezeigt, dass sich auch aus der deutschen Geschichte Stoffe entwickeln lassen, die über erzählerisch simple Nazi-TV-Zweiteiler zu Jahrestagen hinausgehen.

Die ambitionierte Agentenserie spielt im geteilten Berlin des Kalten Krieges - im Agenten-Milieu zwischen Ost und West, einem faszinierenden Setting, das schon Alfred Hitchcock begeisterte, jenem Altmeister des klassischen Kinos, der mit Sicherheit auch die serielle Revolution für sich zu nutzen wüsste.

Niemals zuvor in der Geschichte der bewegten Bilder konnten Filmemacher so komplexe Geschichte auf so hohem ästhetischen Niveau und so ausdauernd für ein Millionen-Publikum erzählen.

Dass diese Entwicklung weiter anhält, zeigt ein Blick auf die lange Liste der Neustarts des kommenden Jahres, die den Zuschauer zu einer harten Auswahl darüber zwingen wird, mit welchen Serien-Helden er sehr viel Zeit verbringen will.