Mannheim (dpa) - Europa-Schwäche, Russland-Sanktionen und eine mögliche Abspaltung Schottlands von Großbritannien: In der deutschen Wirtschaft stehen die Zeichen nach Einschätzung von Finanzexperten weiterhin auf Abschwung.

Im September sanken die Erwartungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) den neunten Monat in Folge. Der vom ZEW ermittelte Konjunkturindikator fiel angesichts der internationalen Unsicherheiten zum Vormonat um 1,7 Punkte auf 6,9 Zähler, wie das Institut am Dienstag in Mannheim mitteilte. Dies ist der niedrigste Wert seit Ende 2012. Bankvolkswirte hatten im Schnitt jedoch noch mit einem stärkeren Rückgang auf 5,0 Punkte gerechnet.

Auch die zuletzt überraschend robusten Daten zu den Auftragseingängen und zur Produktion aus der deutschen Industrie konnten die befragten Finanzexperten zwar nicht zu einem Stimmungsumschwung bewegen. "Der Abwärtstrend bei den ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland hat sich deutlich verlangsamt", hieß es aber in der Mitteilung.

Die Unsicherheit angesichts einer möglichen Zustimmung der Schotten beim Referendum über eine Trennung vom Vereinigten Königreich am Donnerstag habe das Klima ebenfalls gedrückt, sagte ZEW-Chef Clemens Fuest. Für die befragten Experten sei es schwer einzuschätzen, welche Folgen eine Unabhängigkeit Schottlands haben könnte.

Noch deutlich stärker als der Ausblick hat sich die Einschätzung der aktuellen Lage verschlechtert. Hier brach der entsprechende Indikator um 18,9 Punkte auf 25,4 Zähler ein. Volkswirte hatten nur mit einem Rückgang auf 40,0 Punkte gerechnet.

Nach Auffassung von Thomas Gitzel von der liechtensteinischen VP Bank werden auch die kommenden Monate schwieriger: "Der deutschen Wirtschaft bläst der Wind in den Wintermonaten kälter ins Gesicht." Offenbar gingen die Experten von einer "spürbaren Abkühlung der Wachstumsraten" aus. Zuletzt hatten Volkswirte überwiegend mit einer Erholung der Konjunktur gerechnet, nachdem die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal noch um 0,2 Prozent geschrumpft war.

Mario Gruppe von der NordLB erklärte den Rückschlag beim ZEW-Konjunkturbarometer auch mit der schwachen Entwicklung in Frankreich und Italien. Auf die beiden Schwergewichte in der Eurozone blicken die vom ZEW befragten Experten derzeit "äußerst skeptisch". Sowohl in Frankreich als auch in Italien ist nach Einschätzung der NordLB der notwendige Reformwille nicht erkennbar.© dpa