Berlin (dpa) - Die Kauflust der Verbraucher und kräftiger staatlicher Konsum haben die deutsche Wirtschaft 2015 angeschoben. Wie sehr das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zugelegt hat, darüber informiert heute das Statistische Bundesamt in Berlin anhand vorläufiger Zahlen.

Volkswirte rechnen mit einen Plus der Wirtschaftsleistung von 1,7 Prozent zum Vorjahr. 2014 hatte das BIP um 1,6 Prozent zugelegt, 2013 gab es für Europas größte Volkswirtschaft nur ein mageres Plus von 0,3 Prozent.

Die Wiesbadener Statistiker informieren zudem über die Lage der öffentlichen Kassen. Im ersten Halbjahr 2015 hatten der robuste Arbeitsmarkt und der konjunkturelle Aufschwung dem deutschen Staat einen Rekordüberschuss beschert. Deutschland war damit weit entfernt von der Defizit-Obergrenze von 3,0 Prozent des BIP, welche die europäischen Verträge (Maastricht) maximal erlauben. Im Gesamtjahr 2014 hatten Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen einen Überschuss von 0,3 Prozent des BIP erwirtschaftet. Für das abgelaufene Jahr erwarten Ökonomen einen Überschuss von mindestens 0,5 Prozent des BIP - obwohl der Staat für die Versorgung und Integration Hunderttausender Flüchtlinge erhebliche Mehrausgaben stemmen muss.

Die deutsche Wirtschaft lässt sich derweil von Flüchtlingskrise, Terrorgefahr und China-Schwäche nicht beirren - und schafft nach Einschätzung der Industrie 2016 ein Wirtschaftswachstum von knapp zwei Prozent. Als Treibstoff gelten günstige Ölpreise, niedrige Zinsen und der schwache Euro zum US-Dollar, was deutsche Exporte billiger macht. Das treibe den Konsum an: "Wer weniger Geld fürs Tanken und Heizen braucht und fürs Sparen nicht belohnt wird, der gibt mehr Geld aus", sagte der Präsident des Industrieverbandes BDI, Ulrich Grillo, am Mittwoch in Berlin. Die Industrie ist mit ihrer Prognose deutlich zuversichtlicher als andere Ökonomen oder die Bundesregierung.

Treffen die BDI-Prognosen ein, würde der kräftige Aufschwung der deutschen Wirtschaft 2016 bereits ins dritte Jahr gehen. Die Konjunktur wird laut BDI von der guten Lage am Arbeitsmarkt - wo 2015 mehr als 700 000 sozialversicherungspflichtige Jobs geschaffen wurden - und weiter steigenden Einkommen der Privathaushalte angetrieben. "Nachhaltig ist dieser Trend nicht. Vor allem darf er kein Ruhekissen für unsere Politik sein", meinte Grillo. Es müsse dringend mehr Geld in die Sanierung der maroden Infrastruktur gesteckt werden.

Der Leiter des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Clemens Fuest, rechnet auf dem Arbeitsmarkt 2016 mit einer weiteren Erholung. Da sich die Wirtschaft sehr solide entwickle und die deutsche Wettbewerbsfähigkeit durch die niedrige Bewertung des Euro noch verbessert werde, sei die Nachfrage nach Arbeitskräften weiterhin groß. "Wir erreichen bei der Beschäftigung wohl neue Höchststände", prognostizierte Fuest.

Neben der immer noch steigenden Rekordbeschäftigung in Deutschland gelten die niedrigen Spritpreise als Treibstoff für den ohnehin starken Konsum der privaten Haushalte. Diesel ist derzeit so günstig wie seit Jahren nicht. An einigen Tankstellen kostete am Mittwochmittag ein Liter mit 0,899 Euro sogar weniger als 90 Cent, wie aus den Daten der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe des Bundeskartellamts hervorgeht.© dpa