Vor dem Treffen der EU-Regierungschefs wegen des Konflikts in der Ukraine warnt die deutsche Wirtschaft davor, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Denn von der wirtschaftlichen Zusammenarbeit hängen bis zu 300.000 deutsche Jobs ab.

Dem Vorsitzenden des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Eckard Cordes, zufolge hängen in Deutschland rund 300.000 Arbeitsplätze vom wirtschaftlichen Austausch mit Russland ab. "Sollte es zu wirtschaftlichen Sanktionen kommen, wären Einbußen durchaus möglich, denn Russland ist ein wichtiger Handelspartner für Deutschland. Im vergangenen Jahr betrug das bilaterale Handelsvolumen 76 Milliarden Euro", sagte Cordes der "Bild"-Zeitung. "Insofern ist eine friedliche Lösung des Konflikts für die Wirtschaft sehr wichtig."

Vor dem Hintergrund, dass deutsche Firmen in Russland insgesamt 20 Milliarden Euro investiert hätten, herrsche unter den deutschen Unternehmern eine große Verunsicherung. Sanktionen gegen Russland zur Lösung des Krim-Konflikts bezeichnet Cordes als schädlich. "Eine Kette aus gegenseitigen Wirtschaftssanktionen würde die europäische, die deutsche und nicht zuletzt auch die russische Wirtschaft nachhaltig schädigen".

Sind russische Gas- und Öl-Lieferungen trotz Krim-Krise gesichert?

So wirkt sich der Krim-Konflikt auf Europas Wirtschaft aus.

Auch die russische Drohung, bei EU-Sanktionen ihrerseits Sanktionen gegen ausländische Investoren zu verhängen, sei wenig hilfreich: "Dieses Säbelrasseln, das wir aktuell beobachten, ist kontraproduktiv. Eine Beschlagnahmung ausländischen Vermögens in Russland wäre ein fataler Schritt mit dauerhaft abschreckender Wirkung auf Investoren."

Dass Russland seine Gas- und Öl-Lieferungen an Deutschland stoppen werde, hält Cordes hingegen für unwahrscheinlich. "Die Russen sind jahrzehntelang ein verlässlicher, treuer Handelspartner gewesen. Wir haben nicht einen einzigen Tag Probleme mit Gas- und Öl-Lieferungen gehabt – auch nicht zu Zeiten des kalten Krieges." Deshalb glaube er, dass das auch in Zukunft so bleiben werde.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf dem Weg nach Moskau

Die EU-Staats- und Regierungschefs beraten heute in Brüssel über Sanktionen gegen Russland. Es stehen Strafmaßnahmen im Raum, nachdem in Paris die Gründung einer Ukraine-Kontaktgruppe zur friedlichen Lösung der Krise gescheitert war. Die EU-Außenminister hatten Sanktionen angedroht, falls Russland nicht vor dem Gipfel deutliche Zeichen für eine Deeskalation erkennen lasse. Der Gipfel will auch grünes Licht für langfristige Finanzhilfen für die Ukraine in Höhe von rund elf Milliarden Euro geben.

Am heutigen Donnerstag reist Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nach Russland. Auch er fordert eine politische Lösung des Krim-Konflikts. "Wir brauchen eine Kontaktgruppe. Wir müssen den Konflikt beherrschbar halten und eine weitere Eskalation vermeiden", sagte Gabriel auf dem Flug nach Moskau. Dort trifft er sich am Donnerstag zu Gesprächen mit der russischen Regierung. Der Vizekanzler dürfte auch die Sorgen der deutschen Wirtschaft ansprechen. (cai)