Er arbeitet in einem der ältesten Gewerbe überhaupt. Als Schausteller ist der 55-jährige Michael Hempen aus Oldenburg die meiste Zeit unterwegs, um den Menschen Freude zu bereiten. Ein Gespräch über Heimat, Illusionen und Kindheitserinnerungen.

Herr Hempen, wie sind Sie Schausteller geworden?

Wissen Sie, Schausteller kann man nicht werden. Schausteller muss man sein – das kommt von Herzen. Wie die meisten Schausteller bin ich in den Beruf hineingeboren. Meine Familie ist nachweislich seit 1860 Schausteller. Seit fünf Jahren betreibe ich das Laufgeschäft "Big Bamboo" mit meinem Sohn Robert.

Dabei handelt es sich um eine transportable Südseeinsel, bei der Jung und Alt einen Parcours über Wasser und Planken bewältigen. Wir sind ein richtiger Familienbetrieb. Mittlerweile bin ich sogar ein zweites Mal Opa geworden.

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Das war die Wiesn 2015: Bilanz zum Oktoberfest

München nüchtert aus: 16 Tage Wiesn 2015 sind zu Ende. Was bleibt, ist der Kater – und Erinnerungen an Dekolletés, Bier und kuriose Situationen, die so nur das Oktoberfest zustande bringen kann. Zeit, Bilanz zu ziehen.

Wie viele Familienmitglieder arbeiten denn im Schaustellergewerbe?

(lacht) Das weiß ich gar nicht. Da wären Neffen, Nichten, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Ach, und meine Schwester. Die meisten Mitglieder einer Familie werden Schausteller. Wir haben als Kind nichts anderes gelernt.

Wie denn, wenn Sie neun Monate im Jahr unterwegs sind? Unsere Eltern sind von Sommer bis Mitte November auf Achse auf allen Kirmesplätzen. Andere Schulkinder kommen von der Schule nach Hause.

Für Schaustellerkinder ist das Zuhause immer dort, wo der Wohnwagen steht – sprich dort, wo das nächste Volksfest ist. Somit wechseln wir stets die Schule.

Wäre da Privatunterricht nicht sinnvoller?

Wie soll das gehen? Welcher Lehrer kommt denn nach Bremen, übermorgen nach Hannover und ein paar Tage später nach Dortmund? Natürlich wäre es wünschenswert, dass die Kinder eine feste Schulausbildung genießen, etwa in einem Internat.

Allerdings muss das auch machbar und bezahlbar sein. Ich habe als Kind in einer Saison rund 30 Schulen besucht.

Kann man so überhaupt Freundschaften schließen?

Das Oktoberfest ist ein Riesengeschäft für Kellner, Hoteliers und Co.

Das ist das Problem. Der Austausch findet meist nur unter den Schaustellerkindern statt, die gemeinsam von Schule zu Schule wechseln. Das Leben unterscheidet sich: Zwar haben wir genauso Hausaufgaben machen müssen. Aber anstatt im Kinderzimmer zu spielen, ist das gesamte Volksfest unser Spielplatz gewesen.

Dort haben wir die anderen Schaustellerkinder getroffen und sind umhergezogen, bis einer der Erwachsenen uns zusammentrommelte. Unter Schaustellern kennt jeder jeden und man hilft sich untereinander.

Somit sind alle Erwachsenen irgendwie erziehungsberechtigt. Das ist heute auch noch so. Alle sind irgendwie Tanten und Onkel, wenn auch nicht blutsverwandt.

Das klingt irgendwie romantisch!

Ja, der Zusammenhalt ist schon besonders. Aber diese schöne Welt, die wir als Schausteller nach außen verkörpern, ist in Wirklichkeit viel komplizierter geworden.

Warum?

Schausteller kreieren eine Welt, um den Besucher aus seinem Alltag zu holen. Im Zeitalter von Computern, Smartphones und Sozialen Medien ist es nun schwieriger geworden, diese Illusionen zu verkaufen.

Heute sind die Menschen so aufgeklärt und rundum informiert, dass sie sich schwerer Geschichten und Kunststücke vorgaukeln lassen. Mit 14 Jahren habe ich bereits in der Schaubude meiner Eltern ausgeholfen. Ich spielte ein Mädchen mit zwei Köpfen.

So etwas würde heute nicht mehr funktionieren, schließlich weiß jeder, dass es so etwas nicht gibt. Auch ist es heutzutage schwieriger angesichts einer Vielzahl an negativen Nachrichten, das Publikum zu amüsieren.

War das nicht früher genauso?

Der Karneval stellt die Kölner Polizei in diesem Jahr vor eine große Herausforderungen: Einerseits sollen Übergriffe wie in der Silvesternacht verhindert werden, andererseits gilt auch weiterhin eine abstrakte Terrorgefahr in Deutschland. Die Kölner Polizei appelliert deshalb auch in Sachen Kostümwahl an die Jecken.

Nein, früher dienten Volksfeste nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Verbreitung von Nachrichten. Die Menschen tauschten sich aus. So wurde zum Beispiel die erste Medizin auf Volksfesten in Umlauf gebracht. Oder das erste Geld als Zahlungsmittel dort verbreitet, wo sich viele Menschen versammelten: auf Volksfesten.

Dennoch: Auch heute gibt es rund 4.500 Schaustellerbetriebe!

Richtig. Das Interesse wird auch weiterhin bestehen. Den Menschen geht es schließlich auch um das Sehen und Gesehenwerden. Für Städte und Kommunen sind Volksfeste außerdem Wirtschaftskraft pur, weil sie sich in bare Münze rechnen lassen.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf bei Ihnen aus?

Wenn wir auf einem Volksfest ankommen, stellen wir als erstes die Wohn- und Mannschaftswagen ab. Anschließend fahren wir das Geschäft in Position und bauen den Betrieb innerhalb zwei bis drei Tagen auf.

Unser Arbeitsalltag richtet sich ganz nach dem Volksfest. Einige enden um 23 Uhr. Andere erst um drei Uhr morgens. Unsere Freizeit bauen wir also Drumherum.

Wie viele Volksfeste bedienen Sie pro Jahr?

Wir besuchen insgesamt bis zu 16 Volksfeste. Während viele Schausteller Standardtourneen fahren, betreiben wir einen Wechselbetrieb und planen somit jedes Jahr neu. Wir hatten schon Gastspiele in Holland, Österreich und Luxemburg.

Können Sie davon gut leben?

Das neue Jahr verspricht mehr Jobs, höhere Löhne und noch einiges mehr.

Sagen wir so: Wegen des Geldes wählt man den Beruf sicherlich nicht. Als Schausteller sind sie selbstständig und verdienen nicht jeden Monat 1.500 Euro. Das Einkommen hängt stark von dem Wetter, der Laune der Menschen und dem Standort ab.

So kann es sein, dass ein Karussellbetreiber in einer Stadt mehr verdient als sein Kollege in einem anderen Dorf – obwohl beide den gleichen Job ausüben.

Hatten Sie schon mal Pech?

Aber natürlich. Ein Schausteller ist kein Kaufmann, sondern ein Glücksritter. Wenn es regnet, kann er seine Kosten nicht decken. Spielt das Wetter mit, hat er Chancen auf Gewinn. Was meinen Sie, wie es ist, wenn es bei einem ihrer wichtigsten Volksfeste durchgehend regnet?

Das klingt nach Verlusten. Wie gehen Sie damit um?

Solche Phasen gehören halt dazu. Mein Vater hatte einmal Haus und Hof verloren. Das Leben eines Schaustellers ist eben eine Achtbahnfahrt. Mal ist es der Regen, der einem Miesen beschert. Mal ändern sich die Wünsche der Besucher.

Dann muss man umdenken und sich neu erfinden. Bei einer Schmalzkuchenbude können sie zum Beispiel je nach Belieben Gebäckartikel austauschen und neue anbieten.

Kaufen Sie aber ein Karussell, das sich als Flop entpuppt, können sie alles verlieren, woran schon Generationen gearbeitet haben.

Wollten Sie schon mal aussteigen?

Nein. Wenn ich sehe, wie vielen Menschen ich als Schausteller Freude und Vergnügen bereite, bin ich sehr stolz und glücklich. Da genügt schon der Anblick strahlender Kinderaugen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht von Kirmes zu Kirmes unterwegs sind?

In den Wintermonaten lebe ich mit meiner Familie in Oldenburg. Dort besitzen wir ein Grundstück mit Haus und Lagerhalle. Insgesamt sind wir vier Generationen unter einem Dach.

Da wird auch mal einfach nur Tee getrunken und gequatscht. Mein Sohn und ich erledigen im Winter außerdem Abrechnungen. Wir planen die nächste Saison, bestimmen die Reiseroute und schließen Platzverträge.