New York/Berlin (dpa) - Die Talfahrt der Ölpreise scheint vorerst gestoppt zu sein, doch Experten sehen noch kein Ende der Billig-Flut.

Am Freitag legten die Notierungen deutlich zu, sie lagen wieder über den Langzeit-Tiefs vom Wochenbeginn. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im März kostete am Mittag 31,24 US-Dollar und damit 2 Dollar mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der Sorte WTI stieg um 1,64 Dollar auf 31,17 Dollar.

Fachleute sehen aber trotz der jüngsten Zuwächse keine Trendwende am seit Wochen stark gebeutelten Ölmarkt. Verbraucher können sich daher wohl noch länger auf günstiges Benzin und Heizöl einstellen.

Grundsätzlich bleiben die Ölpreise im längerfristigen Vergleich im Keller. Hauptgrund ist das anhaltende Überangebot auf dem Weltmarkt - gepaart mit einer Nachfrageschwäche vor allem beim Großverbraucher China. "Die US-Rohölproduktion stieg die sechste Woche in Folge und erreichte mit 9,24 Millionen Barrel pro Tag das höchste Niveau seit August 2015", schrieb Eugen Weinberg, Analyst bei der Commerzbank.

Zudem seien steigende Exporte aus dem Nahen Osten zu erwarten. Mehr Öl dürfte künftig vor allem aus dem Iran kommen. Nach der EU und den USA werde auch Japan seine Wirtschaftssanktionen gegen Teheran aufheben, teilte der japanische Außenminister Fumio Kishida am Freitag mit. Und auch das Nachbarland Irak will offenbar eine Schippe drauflegen: Der irakische Ölminister stellte eine weitere Produktionserhöhung um bis zu 400 000 Barrel pro Tag in Aussicht.

Am Mittwoch hatten die Sorten Brent und WTI neue Tiefstände seit dem Jahr 2003 erreicht. Zuletzt berappelte sich nun auch der sogenannte Korbpreis des Förderkartells Opec wieder - laut Opec-Sekretariat hatte der Durchschnitt der 13 wichtigsten Sorten der Mitgliedstaaten am Donnerstag um 41 Cent auf 22,89 US-Dollar pro Barrel zugelegt.

Die Rohstoffkonzerne, die bereits massiv Stellen streichen und Kapazitäten kappen, bleiben jedoch unter Druck. So kürzt etwa Shell stark beim Personal, auch der weltgrößte Technik-Dienstleister der Ölbranche - der US-Konzern Schlumberger - baut als Reaktion auf den niedrigen Preis weitere 10 000 Stellen ab. Allein im letzten Quartal 2015 sei ein Nettoverlust von 1,016 Milliarden Dollar (915 Mio Euro) aufgelaufen, berichtete Schlumberger am Donnerstag in Houston.

In der Nordsee bekommen die Förderunternehmen den Preisverfall ebenfalls zu spüren. Vor der schottischen Küste, aber auch zwischen den Shetland-Inseln und Norwegen gibt das Öl- und Gasfeld Brent immer weniger her. Nach 40 Jahren und umgerechnet mehr als drei Milliarden Barrel Öl und Gas ist das Feld inzwischen beinahe leergefördert.

Shell teilt sich Investitionen und Erträge aus dem Brent-Feld mit dem US-Rivalen ExxonMobil. Nur eine der vier großen Plattformen fördert noch Gas, die anderen sind außer Betrieb. Die Weiternutzung oder Entsorgung der Anlagen stellt die Konzerne vor zusätzliche Aufgaben.© dpa