Musik hat Formen, Zahlen schmecken und Buchstaben besitzen immer ein und dieselbe Farbe - das gibt es wirklich! Und zwar gar nicht mal so selten: Laut neueren Forschungen haben zirka vier Prozent der Menschen solche Sinneswahrnehmungen, die für alle anderen irgendwie unglaublich klingen. Angela Meder ist eine von ihnen. Wir haben uns mit der Biologin und Sachbuchlektorin über dieses spannende Phänomen unterhalten, das Synästhesie genannt wird.

Viele Menschen haben noch nie von Synästhesie gehört. Können Sie kurz erklären, was sich hinter diesem Begriff verbirgt?

Hinter dem Begriff verbirgt sich, dass verschiedene Sinneseindrücke verknüpft werden. Das kann ganz unterschiedlich sein. Bei mir sind alle Buchstaben und Zahlen verknüpft mit Farben. Es gibt Synästhetiker, bei denen zum Beispiel nur Vokale Farben haben und Konsonanten nicht. Bei einer meiner Schwestern haben zum Beispiel auch die Wochentage und Monate Farben. Das ist bei vielen anderen Synästhetikern auch so - bei mir allerdings nicht.

Es gibt andere Leute, bei denen ist zum Beispiel Geschmack von Essen verbunden mit Farben oder sie empfinden einen Geschmack als pelzig oder schleimig. Andere haben beim Musik hören bestimmte Formen oder Farben vor Augen, die sich mit der Musik entwickeln. Die Synästhesie ist bei jedem Betroffenen anders. Das macht es auch so spannend, von anderen zu hören, wie sie sich bei ihnen äußert.

Verändert sich die Wahrnehmung?

Sie ist über die Jahre ziemlich gleich geblieben. Der Buchstabe A ist zum Beispiel schon immer rot für mich und ist das auch so geblieben. Manchmal ist die Wahrnehmung aber ein bisschen intensiver, je nach meiner Stimmung. Wenn ich gestresst bin, ist sie zum Beispiel weniger stark. Bei Frauen verändert sich die Wahrnehmung auch ein bisschen im Laufe des Zyklus‘. Die Hormone spielen also auch eine Rolle.

Können Sie sich daran erinnern, wie Sie das erste Mal gemerkt haben, dass Sie Synästhetikerin sind?

Ich komme aus einer Familie von Synästhetikern. Meine beiden Schwestern und meine Mutter sind auch Synästhetiker. Deswegen habe ich schon ziemlich früh gemerkt, dass ich andere Wahrnehmungen habe als die meisten Leute. Ich habe mich mit meiner Schwester unterhalten und wir haben festgestellt, dass die Buchstaben und Zahlen für uns ganz unterschiedliche Farben haben.

Wir haben in der Schule rumgefragt, wie das bei anderen ist und haben gemerkt: Das haben nicht alle. Ich fand das interessant und habe das immer im Hinterkopf gehabt. Ich wusste damals natürlich nicht, dass das Phänomen einen Namen hat und habe erst viel später erfahren, dass es Synästhesie heißt und auch erforscht wird.

Wie haben Ihre Klassenkameraden reagiert?

Ziemlich erstaunt. Manche hatten das aber auch. Zum Beispiel eine Freundin von mir, die das absolute Gehör hat und für die Noten farbig sind. Das war für mich interessant, weil ich gemerkt habe, es gibt auch andere Verknüpfungen, zum Beispiel eben zu Noten.

Manche Synästhetiker werden komisch angeschaut und von ihrer Umwelt sogar auch als verrückt dargestellt. Für sie ist die Veranlagung natürlich eine ziemliche Belastung. Das war bei mir anders, weil es bei mir in der Familie eigentlich normal war. Viele stellen erst durch Gespräche mit anderen Synästhetikern fest, dass es keine Krankheit oder psychische Abnormalität ist. Sie fühlen sich dann richtig erlöst und befreit.

Sie sitzen im Vorstand der Deutschen Synästhesie-Gesellschaft. Was macht diese Gesellschaft?

Ein wichtiges Ziel ist, die Leute darüber aufzuklären, dass Synästhesie keine Krankheit ist, sondern eine andere Art, Dinge wahrzunehmen.

Wir versuchen auch, Kontakte zwischen den Leuten herzustellen, die direkt betroffen sind und zwischen Forschern und Betroffenen. Denn sie brauchen Testpersonen für ihre Versuche, zum Beispiel für Hirnstrommessungen. Deswegen treffen wir uns einmal im Jahr. Wir geben für unsere Mitglieder zwei- bis dreimal im Jahr einen Newsletter raus. Darin berichten wir über Neuigkeiten aus der Forschung, Menschen können etwas über ihre eigene Synästhesie oder ihre Forschungsarbeit schreiben und wir besprechen Bücher.

Auch interessierte Nicht-Synästhetiker können den Newsletter abonnieren oder zu unseren Treffen kommen. In nächster Zeit wollen wir Unterlagen für Schulen und Eltern erstellen, damit sie wissen - wenn ein Kind in der Schule damit Probleme hat - was das ist und wie man damit umgehen kann.

Nutzt Ihnen Ihre Veranlagung oder empfinden Sie sie eher als hinderlich?

Im Prinzip bin ich ihr gegenüber neutral eingestellt. Sie nützt mir nicht sehr viel, manchmal ist sie hinderlich, aber nicht sehr. Zum Beispiel habe die Linien öffentlicher Verkehrsmittel wie U-Bahnen ja oft irgendwelche Farben und gleichzeitig Nummern. Das stimmt meistens bei mir nicht überein. Da habe ich dann richtig Probleme, mir zu merken, welche Linie welche Farbe hat, weil das in meiner Empfindung ganz anders ist.

Was erzählen Ihnen andere Synästhetiker über ihre Erfahrungen mit dieser Veranlagung?

Eigentlich habe ich fast nur Positives gehört. Die meisten empfinden das als Bereicherung. Aber ich habe auch schon mal von einem gehört, der seine Synästhesie sehr oft als Überforderung gesehen hat, weil er mit so vielen Reizen zugleich konfrontiert wird. Denn er sieht oder riecht ja gleichzeitig etwas und das ist eine Multiplikation der Empfindungen.

Hat die Forschung schon herausgefunden, wie Synästhesie entsteht?

Es gibt international verschiedene Gruppen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Sie haben unterschiedliche Erklärungsmodelle, die aber noch bewiesen werden müssen. Es ist auf jeden Fall etwas, das in der Struktur des Gehirns verankert ist, aber an welchen Stellen, ist noch nicht ganz sicher. Eine Theorie besagt, dass Synästhesie ein Überbleibsel aus der Kindheit ist. Demnach ist die Synästhesie das Ursprüngliche und das Gehirn spezialisiert sich erst später auf die einzelnen Wahrnehmungskanäle. Bei Synästhetikern bleibt die Verknüpfung der Sinneseindrücke nach diesem Erklärungsmodell einfach erhalten.