Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich mir mit meinem Großen (inzwischen 10) ein paar Kinderbücher zum Thema Evolution angeschaut. Seitdem sind zwei neue Bücher zum Thema erschienen, die wir euch ebenfalls vorstellen wollen. Diesmal hat auch der Kleine (7) mit reingelesen.

Unsere Bloggerin prüft Kinderbücher zum Thema Evolution.

Evolution ist, wenn das Leben endlos spielt

Dieses Buch ist meinem Siebenjährigen als erstes aufgefallen - wegen des Karussells auf dem Cover und wegen des Kindes, das auf dem Dino reitet. Es ist der dritte Teil einer Reihe, für die sich die Kinderbuchautorin Gudrun Mebs mit dem aus dem TV bekannten Astrophysiker Harald Lesch zusammengetan hat.

Im ersten ging es ums Weltall und die Erde, im zweiten um die Philosophie und in diesem dritten nun um die Geschichte des Lebens. Die jungen Leser sollen die Erdzeitalter kennenlernen und die unglaubliche Vielfalt der Arten. Sie lesen Gespräche, in denen diskutiert wird, was lebt und was nicht lebt, und wie sich das, was lebt, von dem unterscheidet, was wir Menschen gebaut haben. Und sie lesen darüber, wie sich Arten ändern und was ihre Umwelt damit zu tun hat.

Ein Ausflug mit dem Fahrrad

Eingebettet sind diese Themen in eine Erzählung. Diese rankt sich um die fünf Kindern Ida, Lisa, Celia, Lucas und Tim. Und dann ist da der "Prof", den sich Ida mal als Wissensvermittler zum Geburtstag gewünscht hat und der seitdem mit den Kindern regelmäßig was unternimmt. Diesmal ist's eine Fahrradtour.

Als ich etwas aus dem Buch vorlas, kicherte der Kleine hin und wieder. Über Sprüche wie "Hast du Tomaten auf den Augen?" Darüber, dass die Ursuppe Stinkebrühe genannt wird. Oder weil der "Prof" zum Ausflug einen Ritterhelm aufhat statt eines Fahrradhelms.

Zu wenig Evolution, zu viel Beziehung

Der Große aber ergriff die Flucht, als ich vorlas. Und als ich ihn später fragte, warum ihm das Buch nicht gefalle, erklärte er, es ginge darin viel zu viel um den Alltag der Kinder und viel zu wenig um die Sache, also die Evolution selbst. Tatsächlich wird vor und nach den Ausführungen des Profs darüber, dass Elefanten keine Mäuse zur Welt bringen, und aus einer Rose keine Tomate wird, viel gelacht und gestritten. Gelegentlich muss auch mal einer Pipi.

"Außerdem nervt es, wie die Kinder alle um diesen 'Prof' herumscharwenzeln und ihm gefallen wollen", meinte mein Großer augenrollend. Und irgendwie hat er recht. Wenn es in dem Buch mal nicht darum geht, wie es z.B. mit dem Leben auf der Erde mal angefangen hat, dann geht es darum, welche Beziehungen die Figuren, die darüber diskutieren, zueinander haben. Etwa darum, dass die großen Mädchen konkurrieren, wer von ihnen die wertvolleren Sätze zum Gespräch beitragen kann und damit das anerkennende Nicken vom Prof ergattern kann.

Auch die absurdesten Gegenentwürfe zur Evolution haben Anhänger.

Im Mittelpunkt stehen die Figuren

Auch für mich verblasst die Sache, über die da aufgeklärt werden soll, weil die Psychologie der Figuren im Mittelpunkt steht. Klar wird darüber geredet, dass die Evolution ständig rumprobiert. Und dass manches davon funktioniert, manches aber auch nicht. Aber mehr Aufmerksamkeit erhält meinem Eindruck nach das Verhältnis des dicken Tim zu seinem Vater. Wie er ihn bewundert und ständig von ihm spricht, aber gleichzeitig fürchtet, Papas Ansprüchen nicht gerecht werden zu können.

Wer das Buch als Kind mit Genuss lesen will, sollte diese Art von Geschichten mögen. Also welche, bei denen die Innenwelt der Figuren im Zentrum steht. Es gibt eine Menge Menschen, die so was mögen. Aber es gibt eben auch andere, die es nicht mögen. Und mein Großer gehört definitiv zur zweiten Kategorie. Die Psychologie von Figuren in Geschichten interessiert ihn nur, wenn sie für das Erreichen ihrer Ziele im Buch irgendwie relevant ist.

Von daher würde ich das Buch nur solchen Kindern empfehlen, für die eine Geschichte auch dann lesenswert ist, wenn in ihr keine Helden vorkommen, denen Ungewöhnliches passiert, dem sie sich stellen müssen, sondern für die das Ausleuchten alltäglicher, menschlicher Gefühle, Wünsche und Situationen interessant genug sind. Für meinen Großen ist sowas halt keine Erzählung, sondern so als würde sich ein Wildfremder neben ihn setzen und ihm ungefragt seine Familienprobleme erzählen. Also nicht nur langweilig, sondern sogar grenzüberschreitend unangenehm.

Ehrfurcht vor dem Werden und Vergehen

Ich würde also sagen, das Buch eignet sich für Kinder, die sich stark dafür interessieren, was in anderen Menschen vorgeht und warum sie sich wie genau verhalten. Ob diese Kinder aber viel über Evolution lernen? Da bin ich skeptisch. Dafür ist der Fokus zu sehr auf allem, was menschlich ist. Für mich erscheint es so, dass es den Autoren auch weniger um Wissen geht als um eine bestimmte Haltung.

Für mich klingt es jedenfalls so, dass eine Art Ehrfurcht vermittelt werden soll. Nicht vor Gott. Der kommt nicht vor. Aber vor etwas, das größer ist als man selbst. Ehrfurcht vor den unglaublich langen Zeiträumen, dem Werden und Vergehen, dem ewigen Wandel. Dafür spricht für mich der Ton, diese emotionale Aufladung. Es scheint eher um das Verhältnis des Menschen zur Natur zu gehen als darum, zu ergründen, wie die natürlichen Prozesse genau ablaufen. Für mich als Biologin hören die Erklärungen dieses Buches immer da auf, wo es doch eigentlich erst interessant werden würde. Vielleicht gibt dieser Ansatz aber genau denjenigen jungen Lesern einen kleinen Einblick in das Thema, die eh nicht so an den naturwissenschaftlichen Details interessiert sind.

Mitten im Großstadt-Dschungel stoßen Forscher auf den Rana kauffeldi.

Evolution oder Das Rätsel von allem, was lebt

Das aus dem Niederländischen übersetzte "Evolution oder Das Rätsel von allem, was lebt" erkannte ich auf Anhieb eher als mein Ding. Was den Kindern und mir an diesem großformatigen Buch zuerst auffiel, waren die aufwändigen Illustrationen von Floor Rieder. Sie schmücken nicht nur das Cover, sondern jede der fast 160 Seiten. Sie haben dabei unterschiedliche Funktionen, sind mal mehr Infografik, mal mehr lustiger Comic, prägen das Buch aber durch ihren besonderen, einheitlichen Stil.

Das zweite, was uns auffiel, war die lockere, verständliche Sprache von Jan Paul Schutten. Mein Großer diktierte mir feierlich: "Du musst schreiben: Das Buch ist sehr gut. Es macht Spaß es zu lesen. Die Dinge sind spannend erklärt!" Und das kann ich voll unterschreiben. Das Buch ist prall gefüllt mit eben jener Art von Wissen, die ich in der Erzählung von Mebs und Lesch vermisst hatte.

Das Buch traut Kindern etwas zu

Und Schutten schafft es, dieses Wissen anschaulich, humorvoll und leichtfüßig zu präsentieren. Er erzählt von Atomen und Zellen, von Geologie und Fossilien, von Verwandtschaft und Genen, von dem Ursprung und Stammbaum des Lebens, usw.

Und er behandelt dabei nicht nur das, was Kinder mutmaßlich am meisten interessiert - wie etwa, dass die Kohlmeise eine "Großnichte" des T. rex ist - sondern auch Themen, die für Kinder weniger zugänglich erscheinen, wie die radiometrische Altersbestimmung von Gesteinen, Langzeit-Evolutionsexperimente mit Bakterien oder was Viren-DNA in unserem Genom über uns aussagt. Es gefällt mir, dass Schutten den Kindern das zutraut.

Mehr "Biologie im Alltag" gibt es in ihrem Blog zu lesen.

Kinder dürfen Stellung beziehen

Auch bei den heiklen Themen beweist er den Mut, richtig einzutauchen. So geht er etwa der Frage nach, wer die größten Schwierigkeiten hat, die Erkenntnisse der Evolutionsbiologen zu akzeptieren und erklärt, dass das diejenigen unter den Gläubigen seien, die ihre Schöpfungsgeschichten wortwörtlich verstehen. Gegen die Vorstellungen dieser Kreationisten bezieht er klar Stellung. Er betont aber auch, dass Religiöse, die ihre Überlieferungen sinnbildlich verstehen, weit weniger Probleme haben, ihren Glauben mit dem Wissen der Biologie zu vereinbaren. Und dass diese in der Mehrheit sind.

Schutten fordert die Kinder auf, selbst herausfinden, wo sie in dieser Frage stehen, warnt sie aber davor, dass dabei die Kreationisten mit falschen Karten spielen, indem sie einseitig nur über solche Informationen reden, die Zweifel säen sollen an der biologischen Sicht der Dinge, aber nie über die große Fülle der anderen, die Evolutionstheorie stützenden Befunde. Nach seiner Erfahrung präsentieren die Wissenschaftler ein vollständigeres Bild. Anders als Kreationisten oft behaupten, hätte er nie erlebt, dass Forscher Fragen, die noch offen sind, zurückhalten oder verheimlichen.

Schutten schreibt mutig

Auch anderen schwierigen Themen stellt Schutten sich mutig. Etwa dem Thema, dass die Natur nicht so ist, wie wir Menschen uns eine ideale Welt bauen würden. Sehr viele der Tiere, die auf die Welt kommen, sterben gleich wieder. Werden gefressen oder kommen sonstwie unter die Räder. Das ist etwas, was wir Menschen schwer neutral betrachten können. Und etwas, das auch bei Kindern fast automatisch zu moralischen Fragen führt.

Schutten spricht das als Problem an, ohne aber dabei zwei weit verbreitete Fehler zu begehen. Weder misst er die Evolution an unseren Wertvorstellungen. Noch vermittelt er andersrum den Eindruck, die Evolution enthalte irgendeine Art moralischer Botschaft für uns. Beides wird ja oft gemacht, führt ideologisch gesehen aber in eher trübe Gewässer. Die eine Frage ist, wie die Natur ist. Eine ganz andere, nach welchen Regeln wir Menschen leben sollen. Es ist unklug, die beiden zu verrühren. Und das tut er zum Glück meist auch nicht.

Fazit: "Evolution oder Das Rätsel von allem, was lebt" ist für uns alle drei ein sehr gelungenes Kindersachbuch zum Thema Evolution.