Wie sieht unsere Zukunft aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich Verhaltensforscher Horst Opaschowski seit vielen Jahrzehnten. Der deutsche Zukunftspapst veröffentlichte zusammen mit seiner Tochter Irina Pilawa-Opaschowski gerade das Buch "So wollen wir leben". Als Grundlage diente dem vielbeschäftigten Wissenschaftler eine repräsentative Umfrage unter 1.000 Bundesbürgern ab 14 Jahren vom Beginn diesen Jahres.

In Ihrem Buch berichten Sie von großen Herausforderungen. Welche sind das?

Horst Opaschowski: Die größte Herausforderung, vor der wir stehen, ist die wachsende Kluft von Arm und Reich. Die Fragen zu sozialer Gerechtigkeit werden in Zukunft erheblichen Zündstoff liefern. Es hat mich aber überrascht, dass die Deutschen noch stärkere Ängste vor Konflikten zwischen Christen und Muslimen haben.

Diesen Ängsten setzen Sie etwas Positives entgegen: Sie sagen, dass Solidarität in Zukunft eine starke Rolle spielen wird. Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Opaschowski: Richtig, es geht einmal um die Solidarität zwischen den Generationen, aber auch um eine andere Solidarität, eine Art "Solidarität light". Nach dem Grundsatz: Ich gebe Dir – also gibst Du auch mir. Ich nenne Jugendliche oft hilfsbereite Egoisten, weil sie eine kalkulierte Hilfsbereitschaft praktizieren. Deswegen lautet mein Leitbild für die Zukunft der Gesellschaft: eine Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit.

Eine dieser Gemeinschaften ist die Familie. Dabei entwickelt sich die Familie sicherlich vom traditionellen Bild weg. Wohin geht die Reise?

Opaschowski: Wir reden heute von pluralen Lebensformen und dazu gehört auch die Familie. Es entstehen neue Gemeinschaftsformen. Der Freundeskreis wird zur zweiten Familie. Neue Familienformen können auch Hausgemeinschaften sein. Es geht dabei mehr um Seelen- als um Blutsverwandtschaft.

Das klingt sehr positiv, doch sollte Ihr Buch ursprünglich "Zukunftslüge" heißen. Warum haben Sie einen anderen Titel gewählt?

Opaschowski: Meine Tochter hatte angemerkt: "Das bist Du nicht. Du bist doch Mr. Positiv". Ich analysiere für gewöhnlich Probleme und schlage dann aber positive Lösungen vor. Meine Tochter hat sich in den Entstehungsprozess des Buches eingeschaltet und ist so zu meiner Mitarbeiterin geworden.

Es ist gewagt, aber wenn wir uns gedanklich 20 Jahre in die Zukunft begeben. Kann man dann Aussagen treffen, wie die Gesellschaft 2034 aussehen könnte?

Opaschowski: Ja, das kann man schon. Ich kann zwar wenig zur technologischen Entwicklung sagen, wie beispielsweise die Smartphones der nächsten Generation aussehen. Aber über das soziale Zusammenleben kann ich schon präzise Aussagen treffen. Ich nenne nur Stichworte wie "Freundschaft zwischen den Generationen" oder "Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit". Wenn die Zeiten unsicherer werden, ist man verstärkt auf das Vertrauen und die Verlässlichkeit der anderen angewiesen.

Zwei persönliche Fragen zum Schluss: Auf was freuen Sie sich in der Zukunft?

Opaschowski: Ich lebe im Jetzt und freue mich fast permanent auf das Morgen. Das Morgen soll möglichst besser sein als das Heute.

Und vor was haben Sie Angst, wenn Sie an die Zukunft denken?

Opaschowski: Ich habe nicht Angst um mich, eher, wenn ich an andere denke, zum Beispiel an die nächste Generationen. Mein 17 Jahre alter Enkel hat gerade Abitur gemacht. Angeblich steht ihm die Welt offen. Aber es gibt viele offene Fragen für ihn, wie zum Beispiel: "Wie sieht meine berufliche Zukunft aus?" Umso befreiender ist der Pragmatismus der Jugendlichen. Nach dem Motto: Obwohl ich weiß, dass die Welt voller Konflikte und Krisen ist, mache ich das Beste daraus.

Horst Opaschowski (Jahrgang 1941) ist emeritierter Professor der Hamburger Universität und gilt als "deutscher Zukunftspapst". Er berät regelmäßig die Spitzenkräfte aus Politik und Wirtschaft. 1973 entwarf er für die damalige Bundesregierung unter Willy Brandt ein freizeitpolitisches Konzept. Im September 2014 erschien sein Buch "So wollen wir leben! Die 10 Zukunftshoffnungen der Deutschen", dass er gemeinsam mit seiner Tochter, Irina Pilawa-Opaschowski verfasst hat.