Dass die Biodiversität durch übermäßigen Ressourcenverbrauch, durch Zerstörung und Fragmentierung von Lebensräumen sowie die verschiedenen Formen lokaler und regionaler Umweltverschmutzung weltweit abnimmt, ist kein Geheimnis. Artenvielfalt ist der empfindlichste Indikator für Umweltveränderungen. Gefährdet sind zur Zeit etwa 20 Prozent aller Säugetierarten und etwa 10 Prozent aller blühenden Pflanzenarten. In Westafrika sind bereits die ersten Primatenarten ausgestorben. Artensterben findet heute in einer Geschwindigkeit statt, die je nach Region tausend- bis zehntausendmal höher ist als die natürliche Rate. Und kein Mensch denkt daran, was das für das Jahr 2500 bedeutet. Die Zeit verändert sich heute so schnell, dass wir die Langzeitperspektive verloren haben. Darüber hinaus verschwimmen die zahlreichen Schnittstellen zwischen unserem Alltag und der Artenvielfalt in dem Maße, in dem wir uns von der Natur entfernen. Aber unabhängig vom Wohnort ist jeder Mensch täglich auf Aberdutzende von Arten angewiesen. Eine Schätzung des ökonomischen Gesamtwerts des Ökosystems Erde beläuft sich auf eine Summe von jährlich 33 Billionen Dollar. Bei aller Unschärfe ist die Größenordnung doch korrekt - sie liegt über dem globalen Sozialprodukt. In der Regel ist es billiger, diese Leistungen zu erhalten, als sie durch Technik zu ersetzen.
Für die Produktivität und Stabilität von Ökosystemen spielt Artenvielfalt eine wichtige Rolle. In artenarmen Lebensgemeinschaften kann dagegen genetische Vielfalt die Funktion von Artenvielfalt einnehmen und extreme klimatische Ereignisse abpuffern - wie z.B. die ungewöhnliche Hitzewelle in Europa im Sommer 2003. In den Seegraswiesen der Ostsee kam es dabei zu einem großflächigen Absterben vieler Flachwasserlebewesen. In der Regel bestehen Seegraswiesen nur aus ein oder zwei Arten. Trotzdem bilden sie eine der produktivsten Pflanzengemeinschaften auf der Erde: Sie sind Grundlage für marine Lebensgemeinschaften, indem sie Nährstoffe umsetzen, Lebensraum für Fische und Wirbellose bieten und die Küstenerosion einschränken. Die wenigen Arten in einer solchen Population verfügen über eine enorme Vielfalt an so genannten Genotypen - also Individuen mit unterschiedlicher genetischer Ausstattung.
Untersuchungen von Forschern des Max-Planck-Instituts für Limnologie in Plön zeigten, dass sich genetisch vielfältige Wiesenabschnitte nach der Hitzewelle deutlich schneller erholten - sie wiesen am Ende des Sommers mehr Biomasse und Pflanzendichte auf als genetisch wenig diverse. Trotz der nahe an der Letalgrenze liegenden Wassertemperaturen waren hier auch mehr Muscheln, Krebse und Schnecken zu finden. Diese Biodiversitätseffekte beruhen nicht auf der Dominanz besonders robuster Genotypen, sondern auf der Tatsache, dass die empfindlicheren Genotypen durch die robusteren in ihrem Überleben und Wachstum gefördert wurden. Vor dem Hintergrund globaler Umweltveränderungen sollte dies eine zusätzliche Motivation sein, neben der Artenvielfalt auch die genetische Vielfalt zu schützen und zu erhalten.
© Max-Planck-Gesellschaft
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