Berlin (dpa/tmn) - Wer einen Blumenstrauß kauft, will für sein Geld möglichst viele Blüten und aufwendige Formen bekommen. Gestecke für die Festtafel oder den Empfang sind üppig besetzt. Bei der japanischen Kunst des Blumensteckens - dem Ikebana - geht es nicht um Blütenanzahl oder auffällige Farben.

Bei Ikebana geht es darum, lieber nur wenig zu sehen, aber dabei jede einzelne Blüte betrachten zu können und ihre Schönheit sowie vielleicht auch ihre Macken auszumachen. "Erst genaueres Schauen lässt die Vielfalt der Pflanzen in Linie, Farbe und Form, in Oberfläche, Größe und Charakter erfahren", erklärt Marianne Pucks, Mitglied der Berliner Sektion von Ikebana International.

Die Leiterin einer eigenen Ikebana-Schule nimmt sich dafür viel Zeit beim Stecken, dreht und wendet die Pflanzen, um sie in die beste Betrachtungsposition im Gesteck zu bringen. Dafür gibt es klare Regeln. Es gibt drei Gestaltungsebenen: den Himmel, die Erde und die Menschheit.

In der einfachsten Variante werden bei Ikebana nur drei Teile so geschnitten und in einer Vase oder einer Schale drapiert, dass sie diese drei Ebenen abbilden. "Die oberste steht für den Himmel, die mittlere für die Erde, die unterste für den Menschen", erklärt Pucks die Grundregel.

Anfänger können das zum Beispiel umsetzen, indem sie drei unterschiedliche Tulpen in drei Längen nehmen. Diese werden aufrecht mit Hilfe eines Kenzans - eines Blumenigels - in eine flache, mit Wasser gefüllte Schale gestellt.

Als Material wird genommen, was die Natur gerade bietet. Denn vor allem die klassischen Ikebana-Stile wollen in der Jahreszeit bleiben. "Man sagt, Ikebana lernt man mit den Füßen", sagt Jörg Löschmann vom Ikebana-Bundesverband. Man wandert und schaut sich die Natur an.

Die Grundform bauen Ikebana-Künstler zu allen möglichen Formen und Gestecken aus. Sogar riesige Installationen für Ausstellungen entstehen. Denn eigentlich ist Ikebana weniger Floristik, sondern eher eine Gestaltungskunst, sagt Löschmann. Darauf deutet schon der Name Ikebana hin - die japanischen Zeichen für den Begriff stehen laut der Ikenobo Ikebana Gesellschaft Deutschland West für: "Blumen zu ihrer eigentlichen, schönsten Gestalt erwecken".

Verschiedene Schulen und damit Stile haben sich im Laufe der Zeit herausgebildet. Während Pucks mit der Sogetsu-Schule der modernsten und damit liberalsten Richtung angehört, die sogar Materialen wie Plastik und Metall sowie avantgardistische Stile zulässt, folgen Löschmanns Arbeiten den Regeln der klassischen Ikenobo-Schule, des Stammbaums des Ikebana.

Für ihn ist es besonders wichtig, dass die Pflanzen in ihrem natürlichen Zusammenhang verwendet werden. "Im Handel bekommt man oft Blumen ohne ihre Blätter", erklärt Löschmann. Beim Ikebana sollten sie aber möglichst mit verwendet werden. "So sieht nun mal eine Blume in der Natur auch aus".

Jahrhundertealte Tradition

Entstanden ist Ikebana im sechsten oder siebten Jahrhundert in buddhistischen Tempeln. Es kam über China nach Japan. Es war und ist heute noch üblich, dort Blumenopfer in dieser Form darzubringen.

Erst praktizierten Mönche Ikebana, später auch die Samurai. Und lange gehörte die Floristik zwingend zur Ausbildung von Adeligen - neben dem Erlernen der Teezeremonie und der Kalligraphie. Im 19. Jahrhundert wurde die Kunst für Mädchen in Japan zum Pflichtfach.© dpa