Westerhever (dpa) - Vögel zählen, Kadaver sammeln und Touristen das Watt erklären: Die Drei von der Leuchtturm-WG machen Freiwilligendienst an der Nordsee. Ein Jahr lang engagieren sie sich für die Umwelt und helfen dem Nationalpark.

Lena, Elias und Fred sind die Drei von der Leuchtturm-WG. Und sie sind Spezialisten fürs Wattenmeer. Als Schutzgebietsbetreuer leben und arbeiten sie ein Jahr lang in Westerhever auf einer Warft, einer künstlichen Anhöhe, am Fuße des Leuchtturms zwischen Tausenden Brut- und Zugvögeln aus aller Welt. "Das ist echt was Besonderes", schwärmt der 19-jährige Elias Aksamski.

"Die Drei haben ein besonderes Privileg", bestätigt Rainer Schulz von der Naturschutzgesellschaft "Schutzstation Wattenmeer". "Es ist die einzige unserer 18 Stationen, die direkt im Nationalpark liegt." Viele Wissenschaftler würden gerne dort wohnen und forschen. Doch nach einem Monat müssen die sogenannten Gastforscher wieder abreisen. Nur Teilnehmer am Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) oder am Bundesfreiwilligendienst (BFD) dürfen ein ganzes Jahr lang bleiben.

In Westerhever haben die Schutzgebietsbetreuer noch ein weiteres Privileg: Sie dürfen eigenverantwortlich arbeiten, sagt Schulz. Insofern sei nicht jeder geeignet für diese Station. "Wir müssen sie schon ziemlich auswählen", sagt der Biologe. "Es ist ein bisschen "Containerspiel": Drei oder vier Leute, die sich nicht kennen, werden zusammengesperrt und sollen dann ein Jahr lang möglichst gedeihlich zusammen leben und zusammen arbeiten", erklärt Schulz. "Da kann man auch mal danebengreifen, aber erstaunlich häufig geht das gut."

"Wir brauchen hier nicht den hoch dekorierten Vogelzähler oder studierten Biologen: Was zählt, ist die soziale Kompetenz, sich im Team zurechtzufinden", sagt Schulz. Wichtigstes Auswahlkriterium sei jedoch: "Leute, die irgendwo für brennen können!" So habe sich im vergangenen Jahr eine Schuhverkäuferin zum "Motor" der Leuchtturm-WG entwickelt. In diesem Jahr sind es ein Schauspieler und zwei Abiturienten, die Vögel zählen, Kadaver sammeln und Touristen das Watt erklären. "Wir sehen, dass unsere Arbeit etwas bewirkt", sagt Fred Wilkening (22).

"Im ersten Monat beißt man sich durch, aber dann geht es", erzählt Elias. Heute können sie beim regelmäßigen Vogelzählen die verschiedenen Arten auseinanderhalten. "Die Unterschiede in den Gefiedern lernt man zunächst mit Hilfe kleiner Karteikärtchen, am besten geht's jedoch in der Praxis beim Blick durchs Fernglas oder Spektiv: Wie ist die Körperform, wie verhalten die sich." Lena Grabherr ergänzt lachend: "Und für Notfälle haben wir immer ein Vogelbestimmungsbuch dabei."

"Wir sind abhängig von den Gezeiten und von den Wasserständen. Die Vögel zum Beispiel zählen wir bei Flut, weil die sich dann an der Wasserkante sammeln und nicht überall im Watt verstreut nach Fressen suchen", sagt Elias. "Wenn die Ebbe zu früh oder zu spät ist, gibt es die bei Touristen beliebten Wattwanderungen nicht. Stattdessen werden Salzwiesen-Touren angeboten", sagt Fred. Oder sie machen die "kleine Nationalpark-Tour": Vom Deich zum Leuchtturm mit Geschichten über die Landschaft, die Kultur und die Geschichte der Region. "Und bei Gewitter fällt alles aus: Da gehen wir gar nicht mehr raus. Das ist zu gefährlich, besonders in den Salzwiesen", sagt Fred.

Kritiker werfen den Freiwilligendiensten vor, sie seien überwiegend eine billige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zum Schönen der Arbeitslosenstatistiken und zum Einsparen teurer Hilfs- und Fachkräfte. Die Drei von der Leuchtturm-WG verlieren jedoch kein Wort darüber, dass sie für ihre Sieben-Tage-Woche anstelle eines Lohns nur ein bescheidenes Taschengeld ausbezahlt bekommen.

Stattdessen reden sie begeistert durcheinander, wenn sie von ihren Watt- und Salzwiesen-Führungen erzählen. "Die Wege im Watt sind weit, zweieinhalb, drei Stunden vergehen schnell" - "Du willst was vermitteln, du hast Bock darauf, und die Zeit vergeht unheimlich schnell" - "Du erklärst ganz viel, es macht einfach super-mega ganz viel Spaß."

Abends seien sie während der ersten zwei, drei Wochen todmüde in ihre Betten gefallen. Morgens dann der Blick aus den Fenstern auf den unbeschreiblich schönen Nationalpark. "Das ist schon ziemlich cool", sagt Fred. Elias hat sein Zimmer im Parterre des Häuschens: "Bei mir gucken morgens immer die Touristen rein - ist aber auch ganz nett", sagt er lachend.

Der 19-Jährige wuchs in der Nähe von Hildesheim auf: "Dass ich hier leben darf für ein Jahr - das hat mich einfach umgehauen", sagt er. Lena kommt vom Bodensee, wollte nach der Schule erst mal möglichst weit weg: "Wenn das hier zu Ende ist, weiß ich, ich hab ein Jahr nicht nur genutzt für mich, sondern auch für die Natur", erzählt die 18-Jährige.

Fred wollte noch einmal "rausgehen an die Natur, bevor ich mit einem Schauspielstudium starte", sagt der 22-Jährige aus Kiel. "Man lernt hier, mit der Zeit umzugehen, die Zeit auszunutzen." Und setzt nach kurzer Pause hinzu: "Wir müssen hier nicht funktionieren; aber wir sorgen dafür, dass hier alles funktioniert."© dpa