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21.02.2013, 15:57 Uhr

Nicht nur Tiere, auch Sprachen sterben aus

Sprachen machen das gegenseitige Verstehen erst möglich. Sie sind der Schlüssel zur Kommunikation und damit auch die Grundlage für einen respektvollen Umgang miteinander. Trotz der Vorteile, schon im Kindesalter eine internationale Fremdsprache zu erlernen, sollte die eigene Muttersprache nicht vergessen werden. Denn sie bedeutet Identität und Verwurzelung, mehr als alles andere. Am 21. Februar, dem Internationalen Tag der Muttersprache, wird daran besonders erinnert.

Von Lisa Gatow für WEB.DE

Ursprung des Gedenktages

Am 21. Februar 1952 demonstrierte eine aufgeregte Menschenmenge in Dhaka, damals noch Hauptstadt von Ost-Pakistan. Anlass der blutigen Proteste waren die Pläne der Regierung, Urdu zur Amtssprache zu erklären. Es gab Tote und Verletzte. Denn die Mehrheit der Menschen, genauer gesagt rund 56 Prozent im Land, sprach Bengali. In Ost-Pakistan selbst war es mit 98 Prozent sogar fast die gesamte Bevölkerung.

Nachdem Ost-Bengalen 1971 nach einem langen Bürgerkrieg als "Bangladesch" die Unabhängigkeit erreichte, erklärte man den 21. Februar als "Tag der Märtyrer" zum offiziellen Feiertag. 1999 reichte das Land schließlich bei der Unesco den Antrag ein, dieses Datum zum "Internationalen Tag der Muttersprache" zu erklären. Mit Erfolg: Im Jahr 2000 wurde er zum ersten Mal begangen.

Die Gefahr

Mit dem jährlichen Gedenktag für die eigene Muttersprache will die Unesco ein Zeichen für die Förderung einer sprachlichen und kulturellen Vielfalt setzen. Aus gutem Grund. Nach Schätzung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig ist etwa die Hälfte der 6.500 bis 7.000 Sprachen dieser Welt vom Aussterben bedroht.

Wie alarmierend die Situation wirklich ist, verdeutlicht auch der Unesco-Weltatlas der bedrohten Sprachen: Mehr als jede zweite Sprache wird demnach als Regional- oder Minderheitensprache von weniger als 10.000 Menschen gesprochen, ein Viertel sogar von weniger als 1.000. Man geht davon aus, dass etwa alle 14 Tage eine Sprache verschwindet. Schuld an dieser Entwicklung sind vor allem Migrationsbewegungen, die Aufgabe der Mehrsprachigkeit durch Kolonisation und die Bildung von Nationalstaaten. Auch Kriege, Vertreibungen und Naturkatastrophen tragen wesentlich zur Verarmung der Sprachwelt bei. Denn werden Völkergruppen ausgelöscht, stirbt auch ihre eigene Sprache.

In den meisten Fällen liegt die Gefährdung in einem komplexen Zusammenspiel politischer, sozialer und kultureller Einflüsse. Selbst globale Informationsmedien spielen dabei eine zwiespältige Rolle. Sie begünstigen zwar den weltweiten Austausch, sorgen aber zugleich dafür, dass kleine Sprachen an Relevanz verlieren. Ungefähr 97 Prozent aller Menschen verständigen sich in lediglich vier Prozent aller Sprachen.

Das Unersetzliche

Folgt man biblischen Erklärungen, dann hat der Liebe Gott das Sprachenwirrwarr geschaffen, um die Menschheit für den Turmbau zu Babel zu bestrafen. Ist es also vielleicht sogar ein Fortschritt, wenn man sich weltweit auf immer weniger gemeinsame Sprachen einigt? Sprachenvielfalt trennt doch auch - Sprachübereinkünfte können dagegen verbinden.

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Nein, so einfach ist es nicht. Denn mit jedem "Kommunikationscode", nichts anderes ist eine Sprache, verschwindet weit mehr als das gesprochene oder geschriebene Wort. Es geht vielmehr um das darin gespeicherte traditionelle Wissen, um Umwelt und Kultur. Unwiederbringlich gehen mit einer Sprache auch Legenden, Gedichte, Metaphern bis hin zu Sprich- und Schimpfwörtern, Mentalitäten und Klangsystemen verloren. Was eine Sprache vor allen Dingen ausmacht, sind ihre unübersetzbaren Wörter. Wenn also eine Sprache nicht mehr an die Kinder weitergegeben wird, verlieren diese auch ein Stück ihrer Geschichte.

Atlas der bedrohten Sprachen

Der interaktive Unesco-Weltatlas, der wöchentlich aktualisiert wird, listet etwa 2.500 Sprachen auf, die als bedroht gelten. Knapp 600 sind akut in Gefahr und werden kaum noch gesprochen. Besonders alarmierend ist die Situation im asiatisch-pazifischen Raum und in Lateinamerika, aber auch in Deutschland sind 13 kleine Sprachen betroffen. Zuallererst das Saterfriesische in Ostfriesland mit wenig mehr als 1.000 Sprechern, aber auch beispielsweise Sorbisch, Romani und Nordfriesisch.

Aber, es gibt auch Erfolge: So konnte das Kornische in Cornwall, das schon als verschwunden galt, wiederbelebt werden. Und in einem der Länder mit der größten Sprachvielfalt, in Papua-Neuguinea, sind derzeit weniger als 100 der insgesamt 800 Sprachen gefährdet.

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