Mysteriöse Hundeunfälle schrecken die Bewohner der schottischen Kleinstadt Milton auf. Seit den 1950er-Jahren stürzten sich über 50 Vierbeiner in den Tod. Manche glauben an Gespenster und Hokuspokus, andere wollen dem Phänomen wissenschaftlich auf den Grund gehen. Aber noch ist nicht exakt geklärt, was hinter den seltsamen Unglücken steht.

1895 baute Lord Overtoun eine etwa 15 Meter hohe Brücke über den Overtoun-Fluss. Seitdem haben sich offenbar 600 Hunde von dem Bauwerk hinuntergestürzt, wie die britische Zeitung "Daily Mail" berichtet. Seit den 1950ern sollen die Behörden die Todesfälle gezielter untersucht haben. Von 50 gestorbenen Hunden ist seither die Rede.

Stürzen sich die Tiere etwa bewusst in den Tod? "Bislang habe ich von Hundeselbstmord noch nichts gehört. Es erscheint mir unwahrscheinlich. Dass Hunde aber depressiv sein können, ist bekannt. Genauso wie Menschen können Hunde Freunden oder ihren Besitzern nachtrauern. Als sozial lebende Gruppentiere haben Hunde ähnliche wenn nicht dieselben Emotionen wie Menschen", sagt die auf Hunde spezialisierte Verhaltensbiologin Ariane Ullrich.

Ist die Overtoun-Brücke verhext?

Einige Einheimische glauben an einen mythischen Grund. Laut der britischen Zeitung "Daily Mail" galt Overtoun den Kelten als "dünner Ort", als Platz, wo Himmel und Erde sich besonders nahe kommen. Deswegen heißt es, dass die Vierbeiner auf der verhexten Brücke von überirdischen Wesen wie Geistern erschreckt werden. Daraufhin ist Psychologin Mary Armour dem Bericht zufolge mit ihrem Labrador über die Brücke gegangen. "Tiere sind sehr empfänglich für die spirituelle Welt, aber ich konnte keine ungewöhnlichen Energien spüren", berichtet Armour der "Daily Mail".

Das sieht Ariane Ullrich anders: "Einen echten siebten Sinn gibt es nicht. Eher ist es so, dass einige Sinne der Hunde sehr viel besser ausgebildet sind als unsere. So können Hunde die ersten Anzeichen einer Unterzuckerung beim Menschen riechen, die leichten Erschütterungen kommender Erdbeben und auch elektrostatische Aufladungen vor einem Gewitter spüren."

Auch Hunde-Psychologe David Sands ging dem Phänomen nach. Er kroch selbst auf allen Vieren aus der Perspektive eines Tieres über die Brücke und zudem spazierte er mit der 19 Jahre alten Hündin Hendrix darüber. Hendrix hatte zuvor einen Sturz von der Overtoun-Brücke überlebt. In der Rolle eines potenziellen Opfers bekam Sands nur die Granitbrüstung der Brücke zu Gesicht. Beim Spaziergang mit Hendrix geschah etwas Unerwartetes: Die Tierdame wollte sich am Ende des Bauwerks losreißen, aber ihr Alter und die Leine verhinderten Schlimmeres.

Intensiver Nerz-Geruch irritiert Hunde

Verhaltens-Spezialist David Sexton reiste ebenfalls aus Glasgow an, um der Sache auf den Grund zu gehen. Er konnte zwar keine akustischen Auffälligkeiten entdecken, wurde jedoch bei Gerüchen fündig. Am Fuß der Overtoun-Brücke stellte er fest, dass dort viele Mäuse und Nerze lebten. Im Bauwerk selbst gab es auch Eichhörnchen-Nester. Um herauszufinden, welcher Duft vielleicht die Hunde irritiert haben könnte, testete Sexton die Gerüche der Brückenbewohner bei zehn großen Vierbeinern. 70 Prozent der Hunde reagiert stark auf die Nerznote, nur zwei zeigten kein Interesse.

Das würde erklären, warum die Unglücke an seltenen sonnigen Tagen passierten. Da waren die Düfte am stärksten. Außerdem breiten sich Nerze seit den 1950ern in Großbritannien stark aus, seitdem gibt es verstärkt Todesfälle auf dem Granitbauwerk. "Die dicken Mauern begrenzen zudem die Sicht und blocken Geräusche ab. Die Sinne zentrieren sich auf die Gerüche", ergänzt Hunde-Psychologe Sands der "Daily Mail" zufolge.

Diese Erklärung hält auch Ariane Ullrich für die wahrscheinlichste: "Das ist sehr plausibel. Hunde sind Beutegreifer und die meisten unserer Haushunde reagieren auf starke Reize wie der Geruch von Nerzen. Auch weglaufende Tiere oder andere optische schnelle Reize verleiten Hunde, diesen zu folgen. Hunde jagen manchmal Autos oder Traktoren und werden dabei überfahren, weil sie sich in den Reifen verbeißen. Sie springen während der Jagd durch Dornenbüsche, die sie sonst meiden würden. Ihre Schmerzempfindung ist bei der Jagd herabgesetzt."