Subtil, aber prägend: Neandertaler-Gene haben noch heute Einfluss auf unsere Gesundheit. Es gibt neue Hinweise auf neurologische Auswirkungen.

Viel ist es nicht, was der Neandertaler in unserem Erbgut hinterlassen hat – das wenige aber hat es in sich. Das Risiko, von Nikotin abhängig zu werden, werde ebenso von Neandertaler-Erbgut beeinflusst wie das für Depressionen, berichten Forscher im Fachmagazin "Science".

"Das Gehirn ist unglaublich komplex, darum ist gut nachvollziehbar, dass es negative Konsequenzen haben kann, wenn aus einem ganz anderen evolutionären Pfad stammende Änderungen eingebracht werden", erklärt Hauptautorin Corinne Simonti.

Mit der Analyse seien erstmals Hinweise auf neurologische Auswirkungen von Neandertaler-Erbgut gezeigt, sagt Michael Dannemann vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. "Das sind sehr interessante Ergebnisse."

Der Neandertaler war kein Dummkopf, sondern ein geschickter Jäger.

Wofür die nun mit Nikotin-Abhängigkeit verbundenen Erbgutschnipsel einst gedient hätten, lasse sich nicht sagen, erklärt der Forscher, der selbst nicht an der neuen Analyse beteiligt war. "Eventuell haben sie bei der Ernährung eine Rolle gespielt, aber das ist reine Spekulation."

Interessant wäre aus seiner Sicht ein Vergleich mit Krankheitshäufigkeiten von Menschen ohne Neandertaler-Erbgut – etwa Afrikanern. "Dafür gibt es leider nicht so gute Datensätze wie den für die Studie verwendeten."

Bis zu vier Prozent unseres Erbguts

Dass der moderne Europäer ein bis vier Prozent seines Erbguts dem Neandertaler verdankt, ist seit einigen Jahren bekannt. Es bedeutet, dass die von Afrika nach Eurasien gezogenen modernen Menschen hin und wieder Liebeleien mit ihren archaischen Verwandten dort eingegangen sein müssen, aus denen Nachwuchs mit gemischtem Erbgut hervorging.

Gerätselt wird noch darüber, welche Funktionen bis heute erhalten gebliebene Neandertaler-DNA im Körper besitzt. Publiziert wurden bereits Hinweise, dass sie etwa die Ausbildung von Allergien und den Fettstoffwechsel beeinflusst.

Daten von 28.000 Europäern ausgewertet

Die Forscher um Corinne Simonti von der Vanderbilt University in Nashville (US-Bundesstaat Tennessee) glichen nun gezielt das Auftreten einzelner, in vorherigen Analysen aufgespürter Neandertal-Genabschnitte mit der Wahrscheinlichkeit für bestimmte Krankheiten ab.

Dafür wurden die Erbgutdaten von 28.000 Patienten europäischer Herkunft genutzt, die mitsamt der Angaben zu den jeweiligen Krankheiten für das Electronic Medical Records and Genomics (eMERGE) Network in den USA erfasst wurden.

Für jeden einzelnen Patienten analysierten die Forscher, wie viel und welche Teile seines Erbguts auf Neandertaler-DNA zurückgehen. Anschließend wurde statistisch abgeglichen, welche dieser Abschnitte mit bestimmten Krankheiten in Verbindung stehen könnten.

"Wolfskinder" tauchen verwahrlost auf und mit ihnen schaurige Geschichten.

"Unsere Haupterkenntnis ist, dass die Neandertaler-DNA klinisch relevante Merkmale des modernen Menschen beeinflusst", erklärt Seniorautor John Capra in einer Mitteilung der Vanderbilt University. Verbindungen seien unter anderem zu Krankheiten von Immunsystem, Haut oder auch Nerven und Gehirn gefunden worden.

Bisherige Annahmen werden bestätigt

Einige Ergebnisse bestätigten demnach vorherige Annahmen – etwa, dass Neandertaler-Erbgut die Haut des Menschen undurchlässiger für UV-Licht und Erreger werden ließ.

Die Analyse habe aber auch Überraschungen geliefert, schreiben die Autoren. So steigere ein bestimmter Schnipsel Neandertaler-Erbgut offenbar das Risiko für eine Nikotinabhängigkeit.

Gefunden wurde demnach zudem eine Reihe von Varianten, die das Risiko für Depressionen positiv oder negativ beeinflussen. Insgesamt sei eine überraschend große Zahl der Abschnitte mit psychiatrischen oder neurologischen Effekten verbunden.

Genabschnitte dürften Vorteile gebracht haben

Für das Überleben hätten die Abschnitte wahrscheinlich einst Vorteile gebracht und seien darum im Erbgut erhalten geblieben, als der moderne Mensch sich nach dem Verlassen Afrikas vor etwa 50.000 Jahren mit dem weiter nördlich lebenden Neandertaler mischte, erläutern die Forscher. Denkbar seien etwa Anpassungen an die Erreger in den neu besiedelten Gegenden und die andere Sonneneinstrahlung dort.

In der Umwelt heute brächten viele genetische Hinterlassenschaften möglicherweise keine Vorteile mehr, führen die Forscher weiter aus. Als ein Beispiel nennen sie eine vom Neandertaler stammende Erbgutvariante, die zu verstärkter Blutgerinnung führt.

Einst habe das vielleicht geholfen, Wunden rascher zu verschließen und so vor dem Eindringen von Erregern zu schützen. Heute aber seien die Folgen eher negativ, da dadurch das Risiko für Schlaganfälle, Embolien und Schwangerschaftskomplikationen erhöht werde.

Gene beeinflussen Fettstoffwechsel

Die Frage, inwieweit die vor etwa 40.000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler die Entwicklung des modernen Menschen beeinflusst haben, beschäftigt Wissenschaftler weltweit.

Zum Beispiel fanden Forscher heraus, dass Gene von Neandertalern den Vorfahren moderner Menschen wahrscheinlich dabei geholfen haben, sich an die kühlere Umgebung außerhalb Afrikas anzupassen: Ihr Erbgut ist demnach in heutigen Europäern und Ostasiaten insbesondere an Stellen vorhanden, an denen Wachstum und Ausgestaltung von Haut und Haaren geregelt werden.

Auch der Fettstoffwechsel moderner Menschen könnte von Neandertaler-Genen beeinflusst worden sein – mit Nachteilen für das Leben in westlichen Industriegesellschaften wie einem verstärkten Hang zu Übergewicht.© dpa

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