Berlin (dpa) - Tiefe Traurigkeit, Erschöpfung, Schlaflosigkeit und Angstzustände: In Deutschland leiden nach Expertenschätzungen rund vier Millionen Menschen unter einer Depression, die behandelt werden müsste.

Doch nur 20 bis 25 Prozent der Betroffenen erhielten auch eine ausreichende Therapie, sagte Detlef Dietrich, Koordinator des Europäischen Depressionstages.

Zum Teil liege es daran, dass Menschen keine professionelle Hilfe suchten. Doch auch Ärzte fragten bei körperlichen Beschwerden wie Rücken-, Kopf- und Magenschmerzen sowie Schlafstörungen immer noch zu selten nach der seelischen Verfassung. Nach Einschätzung der Deutschen Depressionshilfe ist die Mehrzahl der jährlich rund 9500 Suizide in Deutschland auf nicht optimal behandelte Depressionen zurückzuführen.

Am 1. Oktober ist der Europäische Depressionstag, bei dem dieses Jahr die Rolle der Familie im Mittelpunkt steht. Im Blick sind dabei zum Beispiel Angehörige, die lernen müssen, mit den Veränderungen eines Familienmitglieds umzugehen. Denn die Krankheit Depression kann aus einem lebenslustigen Partner einen Menschen ohne Schwung machen, der an Schuldgefühlen, innerer Leere und Hoffnungslosigkeit leidet - und sich von allem zurückzieht.

"Man kommt an die Gefühle nicht mehr heran", erläutert der Arzt Detlef Dietrich. "Das Erkennen dieser Krankheit ist schwierig. Für die Betroffenen selbst, aber auch für Ärzte." Depressionen gelten aber grundsätzlich als behandelbar, zum Beispiel mit Medikamenten und Psychotherapien.

Cornelia Goesmann, Vorstand im Hausärzteverband Niedersachsen, geht davon aus, dass jeder elfte Patient in ihrem Wartezimmer kein körperliches, sondern ein seelisches Problem hat. "Viele sind heute eher bereit, dazu zu stehen, als noch vor 25 Jahren", berichtete sie. Aber ein Arzt müsse nachfragen. Doch noch immer bekäme rund die Hälfte der Patienten, die wegen Depressionen frühverrentet würde, vorher kein ambulantes oder klinisches Reha-Angebot. Dabei spiele ein regelmäßiger Tagesablauf mit Arbeit eine wichtige Rolle für die Genesung - insbesondere bei Männern.

Für Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, ist es auch wichtig, die Kinder von Depressiven in die Behandlung mit einzubeziehen. Bereits im Säuglingsalter sei die emotionale Kommunikation einer depressiven Mutter zu ihrem Kind massiv beeinträchtigt. Kinder könnten später zum Beispiel unter Angst vor Trennungen und Schuldgefühlen leiden - und übernähmen viel zu früh die Rolle eines Erwachsenen.© dpa