Können sich Menschen von selbst entzünden? Dafür spricht, dass immer wieder Leichenteile gefunden werden, bei denen der Rest des Körpers auf mysteriöse Weise verbrannt ist. Aber wie kann es dazu kommen? Was steckt hinter dem Phänomen der Selbstentzündung?

Wales 1980, Tatort Wohnzimmer. Der Polizist John E. Heymer untersucht den Fall des verbrannten Henry Thomas. Von seiner Leiche ist nur noch ein Fuß übrig, vom Rest des Körpers gibt es keine Spur. Auch das Wohnzimmer hat so gut wie keinen Schaden genommen. Wie konnte das sein?

Heymer geht der Sache nach und findet ähnlich mysteriöse Fälle von Körperverbrennungen. In seinem Buch "The entrancing flame" beschreibt er die Ursache als "spontaneous human combustion", kurz SHC. Auf Deutsch heißt das Phänomen "spontane menschliche Selbstentzündung".

Seit Jahrhunderten sprechen Menschen rund um den Globus über angebliche Fälle solcher Selbstentzündungen: Dahinter steckt der Glaube, ein brennfähiger Stoff könne sich ohne äußere Wärmezufuhr selbst entflammen. Was sehr wissenschaftlich klingt, muss jedoch nicht wissenschaftlich fundiert sein.

Shiva, Dickens und Spinal Tap

Sogar in der Religion ist das Phänomen ein Begriff. Als die Ehefrau der Hindu-Gottheit Shiva nicht zu einem Fest ihres Vaters eingeladen wurde, soll sie vor Wut in Flammen aufgegangen sein. Satis Tod diente als Vorbild für die schrecklichen Witwenverbrennungen im Hinduismus.

Auch Autoren beschrieben die Selbstentzündung, etwa Charles Dickens in seinem Roman "Bleak House" von 1852. Er verarbeitete darin den mysteriösen Brandtod der Gräfin Cornelia Bandi aus dem Jahr 1731. Simon Becket erwähnt das Phänomen in seinem Krimi "Kalte Asche". In Hollywoodfilmen und Serien wie "Akte X" oder "Fringe" wird das Thema immer wieder aufgegriffen.

Es muss nicht immer ernsthaft sein: Auf humorvolle Weise taucht das Phänomen im Film "This is Spinal Tap" von 1984 auf. Es geht um eine fiktive Heavy-Metal-Band, und immer wieder explodieren dort Schlagzeuger, angeblich in Folge von spontaner Selbstentzündung.

Sind Kugelblitze oder Alkohol schuld?

Ein Dorf rottet sich selbst aus: Was löste den Massenwahn aus?

Was dahinterstecken könnte, stellte die Menschen vor ein Rätsel. Die skurrilsten Erklärungsversuche wurden herangezogen: Manche glaubten, dass übermäßiges Trinken von Alkohol den Körper entflammbar machte.

Auch Kugelblitze standen im Zentrum der Spekulationen: Sie sollten Energie im Körper schlagartig freisetzen und ein Feuer entfachen. Andere dachten an elektrostatische Entladungen. Besonders gefährdet waren demnach Menschen mit sehr trockener Haut.

Polizist Heymer war sicher: Eine Kettenreaktion im Körper war schuld, bei der unter anderem Wasser- und Sauerstoff freigesetzt wurden. Keine der Theorien wurde allerdings wissenschaftlich bewiesen.

Immer wieder standen Polizisten vor mysteriösen Todesfällen, bei denen Menschen unter merkwürdigen Umständen verbrannten – die Umgebung war nicht betroffen, und oft blieben Körperteile unversehrt. Der bekannteste aus dem 20. Jahrhundert ist der Tod von Mary Reeser aus Florida, auch als "Cinder Lady" bekannt.

Sie starb im Juli 1951, nachdem sie während des Rauchens bewusstlos wurde und verbrannt war. Sie hatte vorher Schlaftabletten genommen.

Erklärung: Der Docht-Effekt

Zurück im Wohnzimmer in Wales. Dass die Umgebung der Leiche unversehrt blieb, ist kein Wunder. Dafür gibt es eine wissenschaftliche Erklärung: den Docht-Effekt. Eine BBC-Dokumentation von 1998 zeigte das anschaulich.

Man legte eine Decke um ein totes Schwein und zündete diese an. Das Tier beziehungsweise seine äußere Fettschicht brannte eine lange Zeit. Die Umgebung aber blieb unbeschädigt. Einen ähnlichen Effekt gibt es, wenn eine Kerze oder Fackel brennt.

Das kann auch bei einem Menschen passieren. Fängt er durch einen externen Brandherd Feuer, entsteht eine Art menschliche Fackel.

Kleidungsschichten begünstigen einen langen Brand bei hohen Temperaturen. Dieses eng begrenztes Feuer verflüssigt durch die enorme Hitze das Unterhaut-Fettgewebe, das brennende Fett verhält sich wie das Wachs einer Kerze. Der Brand bleibt lokal begrenzt, da er nur an Ort und Stelle durch das Körperfett genährt wird.

Wer die "Beale-Chiffre" löst, dem winkt ein unfassbarer Goldschatz.

Körpertemperatur kann nicht zu Entzündung führen

Aber können menschliche Körper tatsächlich von selbst Feuer fangen? Die Körper-Kerntemperatur liegt zwischen 36,3 und 37,4 °C, bei Fieber steigt sie an. Aber egal, welche Energien der Mensch freisetzt und ob sich das persönliche Hitze-Empfinden dabei ändert: Die Körpertemperatur kann nicht so hoch ansteigen, dass wir uns innerlich entzünden und verbrennen.

Ab 42 Grad Körpertemperatur versagt der Kreislauf, bei 44 Grad stirbt ein Mensch. Damit ein menschlicher Körper bei einer Feuerbestattung vollständig zu Asche verbrennt, ist eine Heiztemperatur von 1.300 Grad über zwei Stunden notwendig.

Simple Erklärungen

Dass sich ein menschlicher Körper nicht selbst entzünden kann, beweist auch der Kriminalbiologe Mark Benecke. Der Körper besteht zum größten Teil aus Wasser. Er besitzt keine brennbaren Substanzen, außer Fett und Methan.

Benecke argumentiert, dass sich die Opfer mysteriöser Brandtode oft in der Nähe eines Feuers befanden oder eine Brandquelle in der Hand hielten, etwa eine Zigarette.

Brandopfer sind oft ältere Menschen, die nach dem Entdecken des Feuers durch den Schock wie gelähmt sind – und es deshalb nicht mehr löschen können.

Laut Statistik werden die meisten Wohnungsbrände außerdem von alkoholisierten Menschen entfacht, die zusätzlich geraucht haben.

Fällt ein glühender Stummel unbemerkt in den Schoß, ist es gut möglich, dass das Feuer durch den Dochteffekt die Beine verschont. Am Ende sind dann eben nur noch zwei Füße übrig – und machen die Ermittler zunächst ratlos.