Mehrere Jugendliche begehen in Hamburg eine schreckliche Tat: Sie vergewaltigen in der Gruppe ein 14-jähriges Mädchen. Wie kann das sein? Was bewegt junge Menschen zu einer solch schlimmen Tat? Unsere Redaktion sprach mit einer Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche.

Der Fall schockiert. In Hamburg ist ein 14 Jahre altes Mädchen von mehreren Tätern sexuell missbraucht worden. Das bestätigte die Hamburger Staatsanwaltschaft im Gespräch mit unserer Redaktion.

Den insgesamt fünf Beschuldigten wird neben gemeinschaftlicher Vergewaltigung auch noch versuchter Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen.

Bis auf einen 21 Jahre alten Mann sind die Beschuldigten erschreckend jung: Ein Teenager ist erst 14 Jahre alt, zwei weitere sind 16. Zudem wird einem 15-jährigen Mädchen Beihilfe zur Vergewaltigung vorgeworfen.

Wie kann so etwas sein? Warum begehen Jugendliche eine solch schreckliche Tat? Unsere Redaktion fragte bei der Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, Ulrike Karmann, aus Hamburg nach.

Was macht Kinder und Jugendliche zu Straftätern?
Ulrike Karmann: Es gibt ganz unterschiedliche Gründe. Das kann zum einen ein Gruppendruck sein, nach dem Motto: Du bist der Loser. Wenn Du das aber mitmachst, akzeptieren wir dich. Das wäre also ein völlig falsches Verständnis von Mutprobe. Eine Ursache können aber auch Gewalterfahrungen im eigenen Elternhaus sein, die die Kinder und Jugendlichen selbst erlebt haben. Eine weitere Ursache ist etwa schlechte Bildung. Wenn zum Beispiel ganz andere Werte eine Rolle spielen, etwa dass es cool ist, der Macho zu sein.

Ist sexueller Missbrauch gegen Kinder und Jugendliche nicht weiter verbreitet, als wir es annehmen?
Es gibt viel mehr sexuellen Missbrauch, als man das offiziell weiß. Vieles wird gar nicht als solcher verstanden. Es gibt auch emotionalen Missbrauch. Zum Beispiel wenn ein Jugendlicher mit zwölf Jahren noch im Bett der Mama liegt, wenn der Vater gerade nicht verfügbar oder immer auf Reisen und die Mutter einsam ist. Sowas wird oft nicht als sexueller Missbrauch verstanden, ist es aber.

Können manche Jugendliche gar nicht mehr entscheiden, was richtig und was falsch ist?
Es kommt auf den sozialen Hintergrund an, welcher Wertemaßstab dahintersteckt. Was erachten meine Eltern als falsch? Was ist in der Familie oder der Verwandtschaft sexuell anerkannt? Zum Beispiel, dass es nicht verwerflich ist, wenn man der Nachbarin mal an den Hintern fasst.

Einen anderen Ansatz bietet die Gehirnforschung. Diese sagt, dass ein Gehirn erst mit 16 richtig ausgewachsen ist. 13-, 14-Jährigen und auch noch Älteren traut man viel mehr zu, als das Gehirn wirklich hergeben kann. Man traut ihnen zu, sie seien schon erwachsen, dabei sind sie es nicht.

Der Schritt zur Tat ist jedoch gewaltig. Was enthemmt sie?
Oft Alkohol. Leider. Auch Gruppendynamiken spielen eine Rolle, dass man sich voreinander beweisen will. Manchmal werden auch falsche Signale ausgesandt. Nach dem Motto: Ich gehe mit dir nach Hause und eine Weile finde ich das auch ganz toll. Aus einem Nein wird dann bei manchen ein "Neinchen". Man hofft, dass es dann richtig verstanden wird.

Den Beschuldigten bei der Vergewaltigung in Hamburg wird versuchter Mord vorgeworfen. Sie sollen das Opfer leicht bekleidet bei kalten Temperaturen im Hinterhof regelrecht "entsorgt". Woher kommt diese stumpfe Gewalt?
Ich glaube, die haben irgendwann Angst bekommen, kapiert, was sie da angerichtet haben - und dass sie dann weggelaufen sind. Das ist wie bei einem Unfall, wenn ich Fahrerflucht begehe. Da setzt dann der Verstand aus. Diese Leute sagen dann, ich habe mich eine halbe Stunde später an der und der Ecke wiedergefunden. Das passiert tatsächlich oft. Da setzen bestimmte Areale im Großhirn aus. Das Gehirn sagt: Panik, was habe ich nur gemacht, schnell weg.

Ulrike Karmann ist Diplom-Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche in Hamburg. Das Interesse der studierten Diplom-Pädagogin gilt vor allem den Auffälligkeiten und Störungen, die bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten sind.

Wir werden verfolgt, bedroht, verletzt – oder gar getötet. Wir erwachen schweißgebadet. Wissen schnell: Es war nur ein Traum. Ein Albtraum. Aber solche nächtlichen Episoden sind normal, oder? Nicht unbedingt.