Plötzlich verschwindet ein riesiger See in Südamerika - ein Grund ist der Klimawandel. Lange Dürrephasen haben den Lago Poopó austrocknen lassen. Ein Drama: Hunderte Fischer sind arbeitslos und Tiere heimatlos geworden.

Flamingos sind majestätische Vögel, ihr rosafarbenes Gefieder, der staksende Gang mit den dünnen Beinen. Zu tausenden siedeln sie in der Lagune Uru Uru nahe der bolivianischen Stadt Oruro - von der Straße aus gesehen das perfekte Postkartenmotiv.

Eine ökologische Katastrophe

Aussteigen aus dem Jeep, Laufen an den Rand der Lagune. Der zweite Eindruck: Eine ökologische Katastrophe. Es stinkt fürchterlich, Flamingos staksen im Plastikmüll herum, durch giftige Abwässer, die Lagune führt ohnehin kaum noch Wasser. Viele sind hierhin migriert, weil sich 60 Kilometer weiter ein noch weit größeres Drama abspielt.

Der Lago Poopó, Boliviens zweitgrößter See, einst einer der größten Südamerikas, ist einfach verschwunden. Ausgetrocknet. Die Nasa hat Luftaufnahmen veröffentlicht, von 2013 und vom Januar 2016.

Der Lago Poopó am 12. April 2013.

Auf dem ersten Bild sind Unmengen türkisfarbenen Wassers zu sehen, auf dem zweiten nur noch ein ausgetrockneter Grund. Einst hatte der See eine Größe von knapp 3.000 Quadratkilometern - und ernährte dutzende indigene Gemeinden dank des Fischfangs. Vorbei. Er hatte zwar zuletzt schon nur noch eine Wassertiefe von drei Metern. Wissenschaftler glauben, dass er kaum komplett wiederzubeleben ist.

Keine drei Jahre später: Der Lago Poopó am 15. Januar 2016.

Auf der Suche nach den Ursachen geht es mit dem Jeep zunächst den Rio Desaguadero entlang, er fließt vom berühmten Titicacasee, dem größten Südamerikas Richtung Poopó - und ist dessen wichtigste Wasserzufuhr. Bei der Ortschaft Eucaliptus ist er noch ein gewaltiger roter Strom.

Silber- und Erzminen zweigen viel Wasser ab

Doch was auffällt: Silber- und Erzminen entlang des Flusses zweigen viel Wasser ab. Und dann ist da Juan Iquina, der in einem kleinen Kanal mit seinem Fischernetz im ebenfalls roten Wasser Fische zu fangen versucht. "Wir haben nur noch etwa ein Zehntel der Regenmengen im Vergleich zu anderen Jahren", berichtet er.

Daher seien sie gezwungen, vom Desaguadero abzweigende Kanäle zu bauen. Sonst kann man nicht mehr Quinoa und Kartoffeln anbauen, auch nicht Alfalfa zur Ernährung des Viehs.

"Es gibt sehr viele solcher Kanäle, wir bauen die einfach, dafür brauchen wir keine Genehmigung", berichtet der 30 Jahre alte Iquina, während er weiter mit dem Netz durch das trübe Wasser fischt. "Die Alternative für uns ist, nichts mehr zu essen zu haben".

Die Indigenas, die hier seit Jahrhunderten auf 3.700 Metern Höhe leben, haben ein feines Gespür, wie die Erderwärmung und das Wetterphänomen El Niño ihr Leben verändern.

Es regnet kaum noch, daher zweigen sie über die Kanäle Wasser aus dem Rio Desaguadero ab. Der verkommt auf seinem Weg zum Poopó zum immer schmaler werdenden Flüsschen.

Lage war noch nie so dramatisch

Zwar war der Lago Poopó 1994 schon einmal so gut wie trocken, aber nie war es so dramatisch wie heute, weil kaum Aussicht auf Erholung besteht. Es ist kein Regen in Sicht.

"Es gibt eine eindeutige Verbindung zum Klimawandel" meint der Landeschef des Umweltnetzwerks "Red Latinoamericana Ambiental", Raúl Pérez Albrecht. Die Regenmengen hätten sich drastisch reduziert. Und die Temperatur hier im Südwesten Boliviens sei seit 1982 um 1,8 Grad gestiegen.

"Allerdings wurde der Prozess auch dadurch beschleunigt, dass der See immer schon eine sehr geringe Wassertiefe hatte", sagt Albrecht. "Wenn wir Glück haben, können wir vielleicht noch ein Drittel des Lago Poopó retten." Dafür müsse es aber mehr regnen - und über den Rio Desaguadero wieder mit mehr Wasser in den See einfließen.

Auf der Fahrt zum See geht es vorbei an einer einsamen Lehmhütte, das Geburtshaus von Staatspräsident Evo Morales. Von hier geht es an den Rand des Poopó. Dort steht Crisostomo Martínez, 77 Jahre, ein von der Sonne braun gegerbtes Gesicht.

Quinoa-Bauern vor dem Ruin

Er kaut ein paar Cocablätter und versucht sich in Zweckoptimismus. "Alle 12, 15 Jahre trocknet er an einigen Stellen fast aus." Aber dann fülle er sich dank der Regenfälle wieder auf. "Das ist dieses Mal anders."

Und für den Bauern ein großes Problem. Er baut Quinoa an. Das "Inka-Korn" enthält viel Protein uns ist in Europas Bio-Märkten immer beliebter. Das Kilo kostet in Deutschland bereits rund 10 Euro: "Wir haben viel zu wenig Quinoa", fürchtet Martínez ob der Dürre um sein Geschäft.

Bei der Ortschaft Huari lässt sich das Drama besonders eindrücklich erfahren. Der Jeep fährt erst entlang von Quinoa-Feldern, wo es viele lichte Flächen gibt, plötzlich ändert sich der Bodenbelag hin zu einem grauen Lehmbett, immer wieder gepaart mit Salzkrusten.

Hier wächst gar nichts mehr. Es dauert etwas, bis klar wird: das Auto fährt gerade über den Grund des Lago Poopó. Es ist bizarr. In der Abenddämmerung liegen Fischerboote auf dem Grund. Am Horizont spiegeln sich Berge in den letzten, zentimetertiefen Wasserflächen.

Fischer sind heute arbeitslos

Das hier war die Versorgungsgarantie von Severio Rios Choque. Im Poncho steht er vor seinem mit Ziegeln gebauten Haus, das früher am Ufer des Sees stand. Jeden Morgen fuhr er mit dem silberfarbenen Boot raus, fischte bis zu eine Arroba Fische (11,5 Kilogramm), nahm 150 Bolivianos (knapp 20 Euro) am Tag ein.

Heute liegt sein Boot umgedreht im Garten und dient den Kindern als Kletterspielzeug. Traurig steht der 56-Jährige an seinem Boot, es gibt kaum Hoffnung, dass Wasser und Fische je zurückkommen werden. "Seit fünf Jahren trocknet der See aus, nun ist nichts mehr da."

90 Familien lebten hier vom Fischfang, nun gibt es ein paar Grundnahrungsmittel wie Reis und Nudeln vom Staat, aber mehr nicht. Wenn er einen Wunsch an Morales frei hätte?

"Ein Bewässerungssystem, damit wir hier auf Landwirtschaft umsteigen können, wir leiden Hunger", klagt er. Vieles scheint sich unwiderruflich zu verwandeln, nicht nur, dass der See austrocknet, eines ist Severio Rios Choque auch aufgefallen. "Die ganzen Flamingos, die sind alle weg."© dpa