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Während in der Ersten und Zweiten Bundesliga Millionen fließen, stehen Traditionsvereine in der Regionalliga oft vor einem finanziellen Desaster. Der Druck, in den bezahlten Fußball zurückzukehren, ist groß - und führt zu unvernünftigen Entscheidungen.

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In Braunschweig wächst die Angst. Es ist gerade einmal 16 Monate her, als die Eintracht gegen den VfL Wolfsburg in der Relegation um den Aufstieg in die Bundesliga spielte. Seitdem ging es rapide bergab: Der Traum von der Bundesliga platzte, ein Jahr später folgte der Abstieg in die 3. Liga.

Und nun? Eintracht Braunschweig rangiert mit einem Sieg aus sieben Spielen auf dem vorletzten Tabellenplatz. So jung die Saison auch noch sein mag: Der Absturz in die Regionalliga ist nicht auszuschließen. Dass spätestens dieser Abstieg existenzgefährdend wäre, beweisen die Geschichten anderer Traditionsvereine.

Der ehemalige Bundesligist Alemannia Aachen wurde 2012 und 2013 ebenfalls von der Zweiten Bundesliga in die Regionalliga durchgereicht. Die Folge: Der Verein musste bis heute zwei Insolvenzen anmelden.

Mit diesem Schicksal steht die Alemannia in der Regionalliga nicht alleine da: Auch Hessen Kassel, Kickers Offenbach oder die Sportfreunde Siegen waren in der jüngeren Vergangenheit bereits von Zahlungsunfähigkeit betroffen.

Permanent droht die Pleite

Hajo Sommers, der Präsident des Regionalligisten Rot-Weiß Oberhausen, bringt es gegenüber "reviersport.de" auf den Punkt: "Bis auf die U-23-Vertretungen und zwei, drei andere Vereine droht den Klubs permanent die Pleite. Man hält meist nur irgendwie den Kopf über Wasser."

Nicht immer endet der Überlebenskampf in der Insolvenz. Oft aber geraten Vereine nach einem Abstieg aus der 3. Liga in solch große finanzielle Schwierigkeiten, dass sie selbst in der Regionalliga nicht mehr konkurrenzfähig sind.

Beispiel Stuttgarter Kickers: Der frühere Bundesligist musste 2016 aus der 3. Liga runter in die Regionalliga. Zwei Jahre später folgte ein weiterer Abstieg. Seit diesem Sommer spielen die Kickers nur noch in der fünftklassigen Oberliga Baden-Württemberg.

Marc-Nicolai Pfeifer hat den Absturz als Kaufmännischer Leiter der Stuttgarter Kickers hautnah miterlebt. Als er mit dem Verein in die Regionalliga abstieg, stand der Verein praktisch vor dem Nichts. "Über Nacht waren all unsere Verträge mit den Spielern, mit dem Cheftrainer und 90 Prozent aller Sponsorenverträge nichtig. Die Vereinbarungen galten nur für die 3. Liga", sagte er im Gespräch mit "n-tv.de".

Der Abstieg in die Regionalliga ist nahezu immer mit einem Neuaufbau verbunden. Doch wie soll dieser erfolgreich gelingen, wenn die Einnahmen wegbrechen?

Die Einnahmen sinken, die Ausgaben bleiben

Kassierten die Stuttgarter Kickers in der 3. Liga noch TV-Gelder von rund 900.000 Euro, so waren es in der Regionalliga je nach Übertragungshäufigkeit nur noch 3.000 bis 4.000 Euro. "Das reicht gerade einmal für die Tankfüllungen zu den Auswärtsspielen", sagt Pfeifer.

Auch die Einnahmen durch Ticketverkäufe, Sponsorengelder oder Fanartikel sanken um etwa 25 bis 30 Prozent. Auf die Ausgaben traf dies allerdings nicht zu.

Stadionmiete, Reisekosten oder die Ausgaben für die Erfüllung der Sicherheitskonzepte waren fast identisch mit jenen in der 3. Liga. Es gab also nur einen Posten, an dem sich wirklich Geld sparen ließ - und das war die Mannschaft selbst.

Die Stuttgarter Kickers mussten in der Regionalliga den Spieler-Etat um mehr als die Hälfte senken. Statt Vollprofis standen plötzlich unerfahrene Spieler auf dem Platz, die parallel zum Fußball studierten oder eine Berufsausbildung machten. Die Folge war der erneute Abstieg. Ob der Verein jemals wieder in den bezahlten Fußball zurückkehren wird, ist ungewiss.

Zumal die Hürde zwischen Regionalliga und 3. Liga eine besonders hohe ist: Aus den fünf Regionalligen steigen derzeit pro Jahr nur drei Mannschaften auf, selbst die Meister müssen in die Relegation. Ein schlechter Tag in den Playoff-Spielen oder eine unglückliche Schiedsrichterentscheidung kann den Ertrag einer ganzen Saison zunichtemachen.

Kein Wunder also, dass die Verzweiflung bei den Regionalligisten wächst. Um irgendwie zurück in die 3. Liga und danach vielleicht sogar in die lukrative Zweite Bundesliga zu gelangen, gehen Vereine ins finanzielle Risiko.

Hubert Wolf, der als Präsident des ZFC Meuselwitz in der Regionalliga Nordost vertreten ist, sieht daher die Gefahr, dass sich Vereine übernehmen. "Einer wird aufsteigen, andere werden danach Probleme bekommen", prognostizierte er bei "mdr.de".

Insolvenz als Methode?

Daraus könnte sogar eine Strategie werden. Die Zeiten, in denen eine Insolvenz automatisch mit einem Abstieg verbunden ist, sind Vergangenheit. Heute müssen die Vereine "nur" einen Neun-Punkte-Abzug hinnehmen, können aber bei ausreichender Punktzahl immerhin in der Liga bleiben.

Das heißt: Die Vereine könnten versuchen, den Aufstieg mit hohen Kosten zu erzwingen. Wird dieses Ziel verfehlt, melden sie Insolvenz an, werden so ihren Schuldenberg los, und starten danach einen neuen Versuch.

"Der Missbrauch könnte zur Methode werden", befürchtet Volkhardt Kramer, Manager des Regionalligisten VfB Auerbach.

Noch müssen sie sich bei Eintracht Braunschweig keine Gedanken darüber machen, welche Strategie sie in der Regionalliga anwenden würden. Bleibt der sportliche Umschwung aus, könnte sich das allerdings im kommenden Jahr ändern.

Verwendete Quellen: