Von
Constantin Eckner

Was für viele Menschen die schönste Nebensache der Welt ist, wird für manche zum Albtraum. Besonders Frauen sind beim Besuch von Fußballspielen immer wieder sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Bis jetzt wird von offizieller Stelle wenig dagegen unternommen.

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Eigentlich wollen sie nur eine gute Zeit erleben. Auf der Tribüne mitfiebern, mitjubeln, mitzittern, wenn der Lieblingsklub auf dem Rasen kickt. Für weibliche Fans wird der Besuch im Stadion aber immer wieder zum Albtraum.

"Mal packt dir einer an den Hintern, mal ist es nur ein blöder Spruch", berichtet eine junge Frau unserer Redaktion. Sie besucht regelmäßig die Partien ihres Bundesligaklubs und macht dort zuweilen schlimme Erfahrungen.

Recherchen zeigen, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Stadion längst keine Seltenheit mehr ist. Manche sind anzüglichen Kommentaren am Bierstand ausgesetzt, andere wehren sich in der Kurve mit Händen und Füßen gegen Übergriffe. Auch in den sozialen Medien liest man immer wieder von Vorfällen. "Nach dem Spiel fasst mir einer im Vorbeilaufen unters Shirt", schildert zum Beispiel eine Userin auf Twitter.

Während Fernsehkameras regelmäßig das Abbrennen von Bengalos filmen oder wie gewaltsame Hooligans aufeinander losgehen, passieren sexuelle Belästigungen und Übergriffe oft im Verborgenen der Masse.

Offizielle Zahlen zu sexualisierter Gewalt im Zusammenhang mit Fußball in Deutschland gibt es nicht. Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei Nordrhein-Westfalen, die für die bundesweite Erfassung von Straftaten im Rahmen von Fußballspielen zuständig ist, führt in ihren Berichten keine Kategorie für sexualisierte Gewalt und benennt stattdessen nur Straftaten wie Körperverletzung und Sachbeschädigung.

Männerdominanz im Stadion

Die Existenz sexualisierter Gewalt in Fußballstadien ist allerdings aufgrund vermehrter Berichte und auch dem Fakt, dass diese Form der Gewalt in der Gesellschaft weit verbreitet ist, nicht zu leugnen. Im Fußballstadion kommt hinzu, dass ein Ungleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Fans herrscht.

Männer sind zumeist in größeren Gruppen unterwegs, wollen sich untereinander beweisen und wähnen sich im Schutz des allgemeinen Testosteronrauschs. Antje Grabenhorst spricht von "einer klassischen Form der Männlichkeit", die im Stadion vorherrsche.

Die Anhängerin von Werder Bremen ist Mitglied im Netzwerk gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt. Gerade aufgrund der Dominanz von Männern müsse das Problem der sexualisierten Gewalt, die "von der Überschreitung physischer Grenzen bis hin zur tatsächlichen Vergewaltigung" in diversen Formen auftreten kann, umso ernster genommen werden, erklärt sie im Gespräch mit "dw.com".

Der Begriff der sexualisierten Gewalt schließt nicht nur körperliche sexuelle Übergriffe ein, sondern beschreibt eine Form der Machtausübung und eine bestimmte Art der Gewalt als Mittel zum Zweck. Es geht nicht um Gefühle, verschmähte Liebe oder dergleichen.

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Freispruch nach Vorfall im Gladbacher Sonderzug

Durch die "MeToo"-Bewegung wird sexualisierte Gewalt seit 2017 in der Gesellschaft breiter diskutiert. Ein einschneidender Vorfall für den deutschen Fußball, der auch Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erlangte, ereignete sich am 14. April 2018. Ein Sonderzug von München nach Mönchengladbach, in dem sich ungefähr 750 Fans der Gladbacher befanden, war von der Polizei im hessischen Flörsheim angehalten worden, nachdem die Behörden eine Meldung von einer mutmaßlichen Vergewaltigung erhalten hatten.

Laut Zeugenaussagen soll eine 19-jährige Frau in zitterndem Zustand gesagt haben: "Ich wurde vergewaltigt." Der 31 Jahre alte Beschuldigte wurde später von einem Gericht sowohl der Vergewaltigung als auch der schweren Körperverletzung für schuldig befunden und zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt.

In einem Berufungsverfahren wurde er allerdings freigesprochen – mit der Argumentation, dass die Frau zunächst den Kontakt initiiert hatte und es für den Mann nicht ersichtlich gewesen ist, dass sie keinen Sex wollte. Das Urteil im Berufungsverfahren war für viele Menschen niederschmetternd, ein Gefühl der Machtlosigkeit machte sich im Nachgang breit. Opfer beklagten, dass ein Gang zur Polizei ohnehin zwecklos ist.

Initiativen schließen sich zusammen

Einige Initiativen wie die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte, Unsere Kurve und das Netzwerk Frauen im Fußball schlossen sich daraufhin zusammen, um Vereine wie auch Fanprojekte zu befragen. Sie forderten die Erstellung eines Handlungskonzepts. Anfang 2019 gründete sich dann das Netzwerk gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt, das nach einigen Monaten Richtlinien für den Umgang mit sexualisierter Gewalt im Fußball veröffentlichte.

Das Papier schlägt Maßnahmen für Vereine und Verbände und Verhaltensweisen für Fans vor. Dem Netzwerk geht es insbesondere darum, dass Anlaufstellen für Opfer geschaffen werden, denn Opfer wissen oftmals nicht, an wen sie sich wenden sollen. Zudem braucht es eine Enttabuisierung der Thematik, denn noch immer wird die Existenz von sexualisierter Gewalt am und im Stadion von einigen Seiten bestritten.

Vereine unternehmen erste Schritte

Mittlerweile gibt es immer mehr Fangruppen, die sich des Themas annehmen. Nachdem sich der Verdacht erhärtet hatte, dass ein Angehöriger der Fanszene von Rapid Wien Jugendliche sexuell missbraucht hatte, bezogen die Fangruppen im "Block West" im August des vergangenen Jahres Stellung. "Auch wenn es sich beim Täter um einen kranken Einzeltäter handelt, soll das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Beschaffenheit einer Fanszene es dem Mann erleichtert hat, sexualisierte Gewalt auszuüben", schrieben die Rapid-Anhänger.

Jenen Fans, die mit Sensibilität gesellschaftliche Probleme wahrnehmen, wird im Hinblick auf Sexismus und sexualisierter Gewalt bewusst, dass ihr Sport nicht davon ausgenommen ist und dass die Männerdominanz die Thematik eher noch verschärft. Einen ähnlichen Moment der Einsicht erleben mittlerweile auch die Vereine.

Einige Klubs entgegnen der Problematik proaktiv. Beispielsweise plant Borussia Dortmund, unter dem Decknamen "Panama" einen Schutzraum für Menschen, die sich "bedroht oder belästigt fühlen", bei der Südtribüne einzurichten.

Die Fanabteilung von Darmstadt 98 bietet eine konkrete Anlaufstelle für Frauen, andere Klubs setzen zunächst auf das Mittel der Telefonhotline. Im Amateurbereich fehlt jedoch oft das Geld und der DFB fungiert momentan allenfalls als Multiplikator, aber nicht als Initiator.

Ein Projekt, das zeigt, wie Prävention aussehen kann, gibt es seit 2017 in Schweden. Unter dem Titel "Locker Room Talk" – ein Begriff, der das alltägliche sexistische Gerede in der Umkleidekabine beschreibt – werden Workshops angeboten. Die Verantwortlichen wollen Jugendlichen und jungen Männern zeigen, dass Männlichkeit auch ohne jegliche Form von Sexismus ausgelebt werden kann. Mittlerweile wird das Projekt von den schwedischen Star-Kickern Zlatan Ibrahimovic und Jimmy Durmaz unterstützt.

Aber in Schweden wie auch andernorts brauchte es erst eine Initiative von der Basis, weil die Verbände bisweilen die Augen verschließen.

Verwendete Quellen:

  • Jahresberichte der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze
  • Broschüre des Netzwerks gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt
  • Offener Brief der aktiven Gruppen des "Block West" von Rapid Wien
  • dw.com: Sexuelle Gewalt beim deutschen Fußball existiert

Wenn Sie selbst von sexueller Gewalt betroffen sind, wenden Sie sich bitte an das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch 0800 22 55 530 (Deutschland), die Beratungsstelle für misshandelte und sexuell missbrauchte Frauen, Mädchen und Kinder (Tamar) 01 334 0437 (Österreich) beziehungsweise die Opferhilfe bei sexueller Gewalt (Lantana) 031 313 14 00 (Schweiz).

Wenn Sie einen Verdacht oder gar Kenntnis von sexueller Gewalt gegen Dritte haben, wenden Sie sich bitte direkt an jede Polizeidienststelle.

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