Eine Analyse
  • Nachdem sich nun auch der designierte Kanzler Olaf Scholz für eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie kommt.
  • Experten vermuten, dass das den harten Kern der Impfgegner radikalisieren könnte; dass darunter die Gesellschaft zusammenbricht, denken sie aber nicht.
  • Manchen Impfskeptikern, sagen sie, könnte eine Impfpflicht sogar helfen.

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Lange wurde sie von den meisten Politikern kategorisch ausgeschlossen, jetzt kommt sie voraussichtlich doch: die allgemeine Impfpflicht gegen COVID-19. Zwar hätten sich viele Bürger impfen lassen, weil es aber nicht genug seien, "sind wir in der Lage, in der wir uns heute befinden", sagte der designierte Kanzler Olaf Scholz (SPD) am Dienstag im ZDF angesichts Inzidenz-Rekorden und hoher Krankenhausauslastung.

Ein Argument gegen die Impfpflicht war stets, dass eine solche Pflicht die Gesellschaft spalte - oder noch weiter spalte. Aber: "Eine Spaltung gibt es auch jetzt schon, ohne Impfpflicht", sagte die Sozial- und Entscheidungswissenschaftlerin Gretchen Chapman Zeit online.

Auch die Sozialpsychologin Pia Lamberty stellt fest, dass das Aggressionspotenzial bereits hoch sei. "Die Proteste, dass medizinisches Personal und Supermarktangestellte bedroht und angegangen werden, die Angriffe auf Impf- und Testzentren - schon jetzt sind breite Teile der Gesellschaft mit dem Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen konfrontiert", sagte Lamberty im Gespräch mit unserer Redaktion.

Es könne sein, dass sich bestimmte Subgruppen unter den Impfgegnern durch eine Impfpflicht radikalisieren. "Das werden vor allem jene sein, die eine Impfung ablehnen, weil sie denken, die Pandemie und die Impfkampagne seien eine Verschwörung", sagt Lamberty. Eine Impfpflicht könnte, so die Einschätzung der Sozialpsychologin, die Proteste, aber auch die persönlichen und anderen Angriffe verschärfen, "was für sich genommen aber kein Grund gegen eine Impfpflicht sein darf."

"Gesellschaftlicher Zusammenhalt heißt nicht, dass alle einander dauernd umarmen"

Dass die Gesellschaft unter diesem Konflikt zusammenbricht, damit rechnet Lamberty nicht. Die Konfliktforscherin Nicole Deitelhoff vom Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt sieht das ähnlich. Zweifellos polarisiere die Frage nach einer Impfpflicht, sie gefährde aber nicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sagte Deitelhoff dem Sender Phoenix.

Sicher werde man nach einer Impfpflicht-Entscheidung beim "harten Kern" derjenigen, die dagegen sind, "nochmal eine Verhärtung ihrer Position erleben, eine noch größere Frustration über die Politik". Jedoch sei dieser "harte Kern" ein "kleiner Kern". Auch wenn man diese Gruppe verliere, bedeute das nicht das Aus für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. "Wenn diese Pandemie vorbei ist - sobald man das 'vorbei' nennen kann - wird sich das wieder beruhigen. Das heißt aber nicht, dass wir dann eine harmonische Gesellschaft haben, in der alle einander den ganzen Tag umarmen."

Das sei ohnehin ein falsches Bild von gesellschaftlichem Zusammenhalt. "Es geht eher darum, die Probleme, die es gibt und die Konflikte, die es gibt, konstruktiv zu bearbeiten. Das heißt, sie auszutragen und dann aber auch zu Lösungen zu kommen, die für alle halbwegs akzeptabel sind", sagt Deitelhoff.

Sehen wir überhaupt eine "Spaltung" der Gesellschaft?

Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Manfred Güllner bringt in dieser Diskussion noch einen anderen Aspekt ein: Während des gesamten Verlaufs der Corona-Pandemie habe es einen großen Zusammenhalt der übergroßen Mehrheit der Menschen gegeben, die hinter strengen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus stünden, wird Güllner in der Augsburger Allgemeinen zitiert. Zwar gebe es schon eine wachsende Kluft zwischen Befürwortern und Gegnern von Einschränkungen oder gar einer Impfpflicht. Eine Spaltung sei dies angesichts der klaren Mehrheitsverhältnisse aber nicht.

Nicht ausgeschlossen ist zudem, dass eine Impfpflicht einige Menschen, die die Impfung skeptisch sehen, sogar zurückholt. "Für eine Subgruppe der Ungeimpften, die Impfskeptiker, oder diejenigen, die nicht viel über COVID-19 und die Impfung wissen (oder wissen wollen), könnte eine Impfpflicht sogar gut sein", sagt Pia Lamberty. Schließlich könne es auch erleichternd sein, wenn einem eine schwere Entscheidung abgenommen werde.

Dafür sprechen auch Daten aus einigen Studien: So ist beispielsweise in der Cosmo-Umfrage der Universität Erfurt zuletzt der Anteil derer gestiegen, die nicht geimpft sind, aber eine Impfpflicht befürworten. Waren das vor einigen Wochen noch um die 5 Prozent, sind es jetzt um die 10 Prozent.

Impfpflicht als psychologischer "Ausweg"

Ähnliche Schlüsse lässt auch eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zu. Sie stammt aus dem vergangenen Sommer und ist eine ziemlich gute Prognose dessen, was am Ende tatsächlich herausgekommen ist: Damals sagten nämlich rund 70 Prozent der Befragten, dass sie sich impfen lassen würden.

Das Verhältnis von Befürwortern und Gegnern einer Impfpflicht war 50 zu 50. Allerdings gab es auch damals schon unter denjenigen, die sich nicht impfen lassen wollten, einen Anteil von Impfpflichtbefürwortern. Der lag bei 27 Prozent.

Ist eine Impfpflicht also für manche Impfskeptiker ein "Ausweg", ihre Selbstdarstellung zu erhalten, wie ein Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt? Indem sie "gleichsam ohne Beteiligung der eigenen Persönlichkeit handeln und dadurch beides haben - ein reines Gewissen und den Impfschutz"?

Eine offene Frage ist dabei aber natürlich noch, wie eine Impfpflicht kontrolliert werden soll. Schon jetzt sind viele gefälschte Impfausweise im Umlauf. Sollte eine Impfpflicht diesen Markt weiter füttern, hat das Land in der Pandemie-Bekämpfung noch ein weiteres großes Problem. Etwas Zeit hat die Ampel-Koalition noch, sich da etwas zu überlegen. Scholz zufolge soll die Impfpflicht ab Februar oder März gelten.

Verwendete Quellen:

  • Telefoninterview mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty, Geschäftsführerin des CeMAS – Center für Monitoring, Analyse und Strategie
  • Universität Erfurt: Welle 56 (16./17.11.2021) der Studie Cosmo – Covid-19 Snapshot Monitoring
  • diw.de: Covid-19: Mehrheit der Deutschen würde sich
    freiwillig impfen lassen, die Hälfte ist für eine Impfpflicht
  • ZDF.de: Olaf Scholz im ZDF heute journal (30. November 2021)
  • Zeit online: Interview mit Gretchen Chapman, Professorin für Sozial- und Entscheidungswissenschaften an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh in den USA
  • YouTube.com: Phoenix: Interview mit Nicole Deitelhoff vom Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (23. November 2021)
  • augsburger-allgemeine.de: Viele sehen eine Spaltung der Gesellschaft. Stimmt das wirklich?
  • FAZ.de: Manchmal begrüßen selbst Corona-Skeptiker eine Impfpflicht
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