Eine Analyse
  • Delta war gestern, Omikron ist heute: Die WHO geht davon aus, dass sich in der fünften Corona-Welle jeder zweite Europäer anstecken wird.
  • Auch in Deutschland dominiert die hochansteckende Virus-Variante in vielen Gegenden. Aber wie gefährlich ist das?
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen des Autors sowie der zu Wort kommenden Experten einfließen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Für einige Deutsche klingt es noch unglaublich, was sich in einigen Nachbarländern gerade abspielt. Frankreich und Dänemark weisen Sieben-Tage-Inzidenzen um die 3.000 auf. In Deutschland liegt dieser Wert, der die Ansteckungszahlen der letzten sieben Tage bezogen auf 100.000 Einwohner wiedergibt, aktuell bei 584,4 (Stand: 19. Januar). Jeden Tag gibt es hier neue Rekordwerte.

Die hochansteckende Omikron-Variante ist in Deutschland angekommen. In der vergangenen Woche lag ihr Anteil bei den an das Robert-Koch-Institut (RKI) übermittelten Neuinfektionen bei 73 Prozent. Allerdings unterscheidet sich die Ausbreitung zwischen den Bundesländern stark. Laut des aktuellen RKI-Wochenberichts dominiert Omikron in Bremen bereits mit 96 Prozent, in Sachsen liegt ihr Anteil bei 26 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern erst bei 11 Prozent. Das dürfte auch die weitaus höheren Inzidenzwerte beim Impfvorreiter Bremen (1.361,9) im Gegensatz zum Impfschlusslicht Sachsen (261,3) erklären.

Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhardt (Die Linke) erklärt das ähnlich. "Die Omikron-Variante ist in Bremen sehr früh aufgetreten und konnte sich in einer Großstadt natürlich auch schnell verbreiten", sagte sie auf Anfrage unserer Redaktion. Welche Fallzahlen und Inzidenzen noch erreicht werden, sei schwer zu sagen und von vielen Faktoren abhängig. "Durch die eingeführten Schutzmaßnahmen, wie die Ausweitung der FFP2-Maskenpflicht, die 2G-Plus-Regelung für weitere Teile des öffentlichen Lebens und unsere offenen Impfangebote, erhoffen wir uns eine Entspannung der Lage."

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Die Hälfte der Bevölkerung könnte mit Omikron infiziert werden

Der Modellierer Kai Nagel von der TU Berlin sagt, dass die Inzidenzen in Gegenden, in denen Omikron dominiert, weiter stark ansteigen werden. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass Omikron die Hälfe der Bevölkerung infizieren wird - was auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrer Prognose für Europa vorhersagt.

Wie hoch die Zahlen genau steigen, hängt nicht zuletzt von den Schutzmaßnahmen ab. "Kontaktbeschränkungen haben bei hoch ansteckenden Varianten eine besonders starke Hebelwirkung", sagt Modellierer Kristan Schneider von der Hochschule Mittweida. Ihm zufolge wird durch die höhere Basisreproduktionszahl die neue Omikron-Variante effektiv zwei- bis dreimal so ansteckend wie die Delta-Variante.

Das RKI hatte am Mittwoch 112.323 Neuinfektionen mit dem Coronavirus gemeldet. Bei den jetzigen Maßnahmen hält Schneider Ansteckungszahlen von 300.000 Infizierten pro Tag in Deutschland für möglich - offiziell. "Mit der Dunkelziffer können wir auch Zahlen bis zu 600.000 pro Tag erreichen", sagt der Mathematiker.

Bisher weniger schwere Verläufe

Die bisherigen Zahlen aus der WHO-Studie für Europa geben zumindest bei der Hospitalisierungsrate Hoffnung. Demnach ist die Prozentzahl der ins Krankenhaus eingewiesenen COVID-Patienten bei der Omikron-Variante halb so hoch wie bei Delta. Die Anzahl der Patienten, die künstlich beatmet und intubiert werden müssen, sei sogar um 80 bis 90 Prozent geringer. Allerdings ist eine Übertragung der Werte auf Deutschland schwierig. So haben andere europäische Länder wie Dänemark und Spanien (beide mehr als 80 Prozent vollständig Geimpfte) höhere Impfquoten als Deutschland (72,7 Prozent).

Wie sieht die Lage in Deutschlands Kliniken aktuell aus? Seit Mitte Dezember entspannt sich die Situation auf Deutschlands Intensivstationen etwas, auch die Anzahl der belegten Betten auf den COVID-Normalstationen geht zurück. Für eine gesicherte Prognose zu Auswirkungen von Omikron ist es zu früh. Einen ersten Eindruck zeigen die Städte Bremen und Berlin.

Zur Lage in Bremen erklärt Gesundheitssenatorin Bernhard: "Auf den Intensivstationen sehen wir seit Wochen eine konstante Belegungszahl, das ist sehr gut und bestimmt auch ein Erfolg unserer Impfkampagne." Gleichzeitig sei die Zahl der Patienten und Patientinnen auf den Normalstationen gestiegen. "Aktuell ist das Gesundheitssystem deswegen nicht überlastet, auch wenn wir natürlich sehen, dass das Personal in Kliniken und Laboren tagtäglich an die Belastungsgrenzen geht."

Seit zehn Tagen verzeichnet auch die Hauptstadt stark steigende Ansteckungszahlen (Inzidenz am Mittwoch: 1.055,1), die Omikron-Variante macht bei den Neuinfektionen bereits 90 Prozent aus.

In den Kliniken gibt es nur einen leichten Anstieg mit COVID-Patienten zu verzeichnen. "Wir können mittlerweile auch sagen, dass die Verläufe deutlich milder sind", sagt Caroline Isner, Chefärztin der Klinik für Innere Medizin und Infektiologie des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikums. Nach jetziger Beobachtung bestehe Hoffnung, dass die Kliniken in Deutschland glimpflicher durch die Omikron-Welle kommen.

Nicht mehr alle Medikamente wirksam

Es zeigen sich auch andere Krankheitsverläufe. Die Omikron-Variante betreffe nach jetziger Einschätzung eher die oberen Atemwege, erklärt Isner. "Die Patienten klagen oft vier bis fünf Tage über starke Halsschmerzen, Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit."

Bei der Behandlung schwerer Fälle durch Omikron zeigten bisher eingesetzte Virusblocker wie Casirivimab und Imdevimab eine geringe Wirksamkeit, erklärt die Infektiologin. Allerdings gebe es mittlerweile andere Medikamente wie Sotrovimab, die schwere Verläufe verhindern könnten. Weitere Medikamente wie das Pfizer-Präparat Paxlovid stünden kurz vor ihrem Einsatz und könnten schwere Verläufe deutlich senken.

Caroline Isner hofft, dass durch die neuen Medikamente und vor allem durch die Impfung "die Ketten der Pandemie durchbrochen" und die Krankheit wirksam bekämpft werden kann. "Unsere Chancen standen noch nie so gut." Sie geht davon aus, dass die Ansteckungszahlen Ende Februar oder Anfang März fallen. "Das konnten wir im vergangenen Jahr auch so beobachten." Eine deutliche Entspannung sehe sie im Frühjahr und im Frühsommer.

Ist die Pandemie nach Omikron vorbei?

Von einem Ende der Pandemie will der Leipziger Virologe Uwe Gerd Liebert aber noch nicht sprechen. Für einen endemischen Verlauf der Pandemie müsse es in der Gesamtbevölkerung eine gewisse Herdenimmunität geben, sagt der ehemalige Direktor des Institutes für Virologie der Uniklinik Leipzig. Das sei in Deutschland aber noch nicht der Fall. Bei einer Endemie komme es im Gegensatz zu einer Epidemie zu keinen stark ansteigenden Infektionswellen mehr. Es gebe zwar weiter Infektionen, die allerdings abgesehen von wenigen Fällen in der Regel nicht so schwer verlaufen. "Das kennen wir auch von der Virusgrippe."

Dass die Omikron-Variante bisher milde erscheint, sei auch auf die weit fortgeschrittene Impfung zurückzuführen, vor allem auf viele Booster-Impfungen. "Wer nicht geimpft ist, oder bei wem die Impfung schon weit zurückliegt, läuft weiter Gefahr, einen schweren Verlauf zu haben", erklärt Liebert. Generell lasse sich sagen, dass Deutschland aufgrund der Impfungen und der Medikamente besser auf weitere Infektionswellen vorbereitet ist.

Gesundheitsminister gibt keine Entwarnung

In der aktuellen Lage bereiten sich die Kommunen in Deutschland auf die weitere Ausbreitung von Omikron vor. "Wir sind vorbereitet und für alle Bereiche der kritischen Infrastruktur liegen Pläne vor, die dann greifen, wenn es beispielsweise zu Personalengpässen kommen sollte", sagt Bremens Gesundheitssenatorin Bernhard.

Aufgrund der steigenden Fallzahlen wurde in der Hansestadt die Warnstufe 4 eingeführt, die mit der Ausweitung der 2G-Plus-Regel auf weitere Bereiche des täglichen Lebens die Ausbreitung der Virusvariante eindämmen soll. "Darüber hinaus haben wir die FFP2-Maskenpflicht – nach ÖPNV und Flugverkehr - nun auch auf den Einzelhandel ausgeweitet. Wir verteilen auch wieder FFP2-Masken an entsprechenden Stellen. Unsere niedrigschwelligen Impfangebote, wie das offene Impfen ohne Termin in unseren Impfzentren, sollen es Bürgerinnen und Bürgern noch einfacher machen, sich impfen und boostern zu lassen."

Was plant die Bundesregierung? Laut Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ist die Lage schwer einzuschätzen. Je nach Entwicklung könnten die Schutzmaßnahmen noch einmal verschärft werden, sagte Lauterbach am Montag während eines Besuchs in Mecklenburg-Vorpommern. Bislang seien vor allem Menschen mittleren Alters und jüngere Menschen von einer Infektion betroffen. Wenn sich mehr Ältere infizierten, könne es auch wieder eine stärkere Belastung auf den Intensivstationen geben.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Heike Baehrens erklärt ebenfalls, man müsse jetzt die Lage sorgfältig im Auge behalten. "Die Maßnahmen wirken - wir sehen, dass sich das Virus bei uns nicht so schnell verbreitet wie befürchtet. Das gibt uns Zeit, noch mehr Menschen durch Boostern vor schweren Verläufen zu schützen."

Linke-Parteichefin Janine Wissler fordert eine neue Teststrategie: "Gerade jetzt, wo wir über verkürzte und neue Quarantäneregelungen reden, müssen wir auch die Labortests und Kapazitäten ausweiten. Das kann natürlich nur mit mehr Personal geschehen, da dieses jetzt schon die Überlastungsgrenze erreicht hat."

Mit dem Ansteigen der Omikron-Variante werden Schnelltests unzuverlässiger. "Schnelltests sollten nur noch die Notlösung sein, wo es anders nicht möglich ist", sagt Wissler und verweist auf Städte wie Wien, in denen PCR-Tests flächendeckend eingesetzt werden. "Dass allein in Wien mehr PCR-Tests durchgeführt werden als in ganz Deutschland, verstärkt den Eindruck, dass man hier mal wieder anderen Ländern hinterherhinkt."

Lockdown und Schulschließungen spielen bisher keine Rolle

Von drastischen Beschränkungen oder einem Lockdown ist in der Politik bisher keine Rede. FDP-Chef und Finanzminister Christian Lindner sagte kürzlich: "Wir wollen auch künftig flächendeckende und pauschale Schließungen vermeiden." Die Virusvariante Omikron sei zwar eine Herausforderung, aber das Ziel bleibe, das gesellschaftliche Leben so weit es geht zu erhalten und soziale Schäden so weit es geht zu vermeiden.

Ähnlich argumentiert mittlerweile auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der sich noch vor einigen Wochen für harte Einschränkungen einsetzte. Zwar sei die neue Virusvariante deutlich ansteckender, es zeige sich aber immer mehr, dass Infizierte einen milderen Krankheitsverlauf aufweisen, sagte er in seiner Rede beim CSU-Neujahrsempfang. Deshalb sollten die Regelungen von der Delta-Variante nicht einfach auf Omikron übertragen werden, vielmehr müsse auch geschaut werden, wie sich die Auflagen gesellschaftlich auswirken.

Auch die Schulen sollen bislang offenbleiben. Die Grünen fordern mittlerweile, dass die Schülerinnen und Schüler in den kommenden Wochen am besten täglich getestet werden. "Und brauchen werden wir auch die Maskenpflicht. Die Offenhaltung von Schulen und Kitas hat Priorität, muss sich aber an der Realität der Ausbreitung der Omikron-Variante messen lassen", heißt es in einer Pressemitteilung.

Strengere Maßnahmen oder nicht?

Modellierer Kristan Schneider warnt davor, die Omikron-Variante zu lasch zu nehmen. Den Verweis auf niedrigere Hospitalisierung halte er für zu früh. In den USA sorge die Omikron-Welle bereits für volle Klinikbetten. "Wir wissen auch nicht, welche Langzeitfolgen Omikron anrichten kann. Wenn viele Menschen lange Zeit mit Long-COVID zu kämpfen haben, trifft das eine ganze Gesellschaft", nennt er einen weiteren Punkt.

In Deutschland werde die Omikron-Variante die Ungeimpften treffen, die keine Antikörper haben. Das seien vor allem Kinder, bei denen eine Infektion symptomfrei verlaufen kann, aber es zu Folgeerkrankungen kommen könne. Deshalb sei er für stärkere Kontaktbeschränkungen und stärkere Quarantäne-Maßnahmen an Schulen. "Außerdem steigt bei hohen Infektionszahlen die Wahrscheinlichkeit neuer Mutationen."

Kai Nagel hält es in Hinblick auf die Omikron-Welle in besonderer Weise für wichtig, den gleichzeitigen Aufenthalt in Innenräumen mit haushaltsfremden Personen so weit wie möglich zu vermeiden. "Falls das unvermeidbar ist, dann sollten die Menschen geimpft sein, geboostert sein, regelmäßig testen, eine Maske tragen, lüften und den Aufenthalt kurz halten."

Verwendete Quellen:

  • Telefonat mit Professor Kristan Schneider von der Fakultät für Angewandte Computer- und Biowissenschaften an der HS Mittweida
  • Telefonat mit Professor Kai Nagel, Professor für Verkehrssystemplanung und Telematik am Institut für Land- und Seeverkehr der TU Berlin
  • Telefonat mit Dr. Caroline Isner, Chefärztin der Klinik für Innere Medizin und Infektiologie des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikums in Berlin
  • Telefonat mit Prof. Gerd Uwe Liebert, ehemaliger Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Leipzig
  • Kontakt über Pressestelle zu Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Die Linke)
  • Kontakt über Pressestelle zu Heike Baehrens, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion
  • Kontakt über Pressestelle zu Janine Wissler, Parteivorsitzende der Partei "Die Linke"
  • Studie im Auftrag der WHO zur Ausbreitung der Omikron-Variante
  • Wochenberichte des Robert-Koch-Institutes zur Ausbreitung der Omikron-Variante
  • Ourworldindata.org: Impfquoten der Länder im Vergleich
  • Robert-Koch-Institut: COVID-19-Dashboard