Von
Maria Berentzen
  • Menschen mit einer Borderline-Störung neigen zu impulsivem Verhalten und haben oft Schwierigkeiten, stabile Beziehungen zu führen.
  • Viele Betroffene fürchten sich vor zu viel Nähe und haben zugleich starke Angst davor, verlassen zu werden.
  • Betroffen sind vor allem junge Menschen. Helfen kann in vielen Fällen eine Therapie.

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Die meisten Menschen dürften schon einmal von der Borderline-Störung gehört haben: Amber Heard wurde etwa im Gerichtsverfahren mit Johnny Depp ein Borderline-Syndrom attestiert. Aber was hat es damit eigentlich genau auf sich?

Menschen, die von einer Borderline-Störung betroffen sind, leiden oft unter verschiedenen Symptomen, die sich unterschiedlich stark zeigen können. "Viele haben eine sehr geringe Impulskontrolle und neigen zu Stimmungsschwankungen und Wutausbrüchen", sagt Klaus-Dirk Kampz, Geschäftsführer und Gründer der My Way Psychiatrischen Klinik in Eckenhagen.

Innere Leere, starke Anspannung und Verlustangst

Wer an einem Borderline-Syndrom leidet, hat nur selten das Gefühl, mit sich selbst im Reinen zu sein. "Statt emotionalen Gleichgewichts herrscht eine innere Zerrissenheit", sagt der Experte. Viele Betroffene spüren eine quälende innere Leere und zugleich eine starke innere Anspannung.

Mit dem Borderline-Syndrom geht außerdem in vielen Fällen eine starke Angst einher, von anderen Menschen verlassen zu werden. "Betroffene gehen deshalb häufig instabile Beziehungen ein oder bemühen sich übertrieben stark, Menschen an sich zu binden", sagt Kampz. Manche drohen auch damit, sich das Leben zu nehmen, sollte ein Partner oder eine Partnerin sie verlassen.

Krankheit kann sich unterschiedlich äußern

Mit einer Borderline-Störung kann auch selbstverletzendes Verhalten verbunden sein. "Betroffene hoffen meist, die belastende innere Anspannung dadurch abzubauen", sagt der Experte. Aber nicht alle Erkrankten reagieren auf diese Art: Manche greifen stattdessen etwa zu Drogen, um den inneren Druck zu bewältigen.

"Einige begeben sich auch in lebensgefährliche Situationen und testen ihre eigenen Grenzen aus, balancieren zum Beispiel auf Dächern von hohen Gebäuden", sagt der Experte. Ihm zufolge hat die Erkrankung viele Gesichter: Auf welche Art sie sich äußert und wie Betroffene sich verhalten, ist individuell verschieden.

Vor allem junge Menschen sind betroffen

Studien zufolge leiden zwischen einem und drei Prozent der Bevölkerung an einer Borderline-Störung. Männer und Frauen scheinen dabei gleichermaßen betroffen zu sein. "Bei einem Großteil äußern sich die ersten Symptome im Kindes- und Jugendalter", sagt Kampz.

Von einer Borderline-Störung sind darüber hinaus vor allem Menschen betroffen, die jünger als 30 Jahre sind. Wenn sie älter werden, lassen die akuten Symptome, die oft zu Krisen führen, bei den meisten Menschen nach.

Traumata in der Kindheit erhöhen das Risiko

Was die Borderline-Störung auslöst, ist nicht eindeutig geklärt. "Bestimmte Faktoren scheinen das Risiko einer Erkrankung allerdings zu erhöhen", sagt der Experte. Dazu zählen vor allem Traumata in der Kindheit.

Wer zum Beispiel emotionale Vernachlässigung, körperliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch erlebt hat, hat ein höheres Risiko, an einem Borderline-Syndrom zu erkranken. "Viele Betroffene haben ein soziales Umfeld erlebt, in dem sie sich gedemütigt, fremd oder gefährdet fühlten", sagt Kampz.

Auch Trennungen oder der Tod von Personen, die einem Kind nahestehen, können die Störung begünstigen, insbesondere wenn die Kinder dabei noch sehr jung sind. Eine weitere Rolle scheint die Genetik bei der Entstehung zu spielen.

Erkrankung erschwert es, stabile Beziehungen zu führen

Wegen der Symptome fällt es Personen mit einem Borderline-Syndrom oft schwer, Freundschaften und Beziehungen zu pflegen: Sie haben oft große Angst vor zu viel Nähe, fürchten sich aber gleichzeitig davor, dass sie verlassen werden könnten. Für ihr Gegenüber ist das anstrengend – und nicht alle machen ein solches Verhalten mit.

Bestimmte Verhaltensweisen, die mit der Erkrankung zusammenhängen, führen schnell einmal zu Konflikten in Beziehungen: Dazu gehören zum Beispiel etwa Wutausbrüche und anderes impulsives Verhalten.

Manche Erkrankte neigen zu manipulativem Verhalten

"Bei dem Versuch, ungeteilte Aufmerksamkeit zu erhalten und ihre seelische Not mitzuteilen, neigen manche Personen mit Borderline auch zu manipulativen und terrorisierenden Handlungen", sagt der Experte. Daran können familiäre, freundschaftliche und berufliche Beziehungen zerbrechen.

"Wichtig ist es, das Verhalten einer Person mit Borderline-Störung nicht persönlich zu nehmen, sondern es als eine ernsthafte Krankheit zu begreifen", sagt Kampz. Für das Umfeld kann der Alltag allerdings eine große Herausforderung darstellen und viel Kraft kosten. "Angehörige und Partner leiden erheblich und haben ein erhöhtes Risiko, selbst psychisch zu erkranken."

In einer Therapie Strategien für mehr Stabilität erarbeiten

Beim Borderline-Syndrom handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, die Betroffene in den meisten Fällen als sehr belastend erleben. Auch das Risiko für Selbsttötungen ist bei der Störung erhöht. "Jedes Jahr nehmen sich mehrere hundert Kranke das Leben", sagt der Experte.

Auch deshalb ist es für Betroffene sinnvoll, Strategien einzuüben, um den Alltag besser zu bewältigen und sich selbst zu schützen. Unterstützen können dabei zum Beispiel Psychotherapeuten oder Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie. "Betroffene lernen in einer Therapie, ihre Emotionen zu kontrollieren und entwickeln dadurch eine positive Lebenseinstellung", sagt Kampz.

In manchen Fällen können auch Medikamente bei der Stabilisierung helfen. Zudem können Beratungsangebote und Selbsthilfevereine eine gute Anlaufstelle bieten.

Über den Experten:
Klaus-Dirk Kampz ist Geschäftsführer und Gründer der My Way Psychiatrischen Klinik in Eckenhagen. Er begann seine Karriere mit einem Studium der Betriebswirtschaft und ist seit 35 Jahren im Gesundheitswesen tätig, 33 Jahre davon leitend. 2012 gründete er die Klinik in Eckenhagen. Die Schwerpunkte liegen insbesondere auf Krankheiten wie Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen.

Verwendete Quellen:

  • Anfrage bei Klaus-Dirk Kampz, Geschäftsführer und Gründer der My Way Psychiatrischen Klinik in Eckenhagen.
  • Bundesinstitut für Medizinmittel und Arzneiprodukte, ICD-10-WHO Version 2019, Kapitel V, Psychische und Verhaltensstörungen (F00-F99)