Das Start-up Lucid Motors ist ein Neuling auf dem internationalen E-Auto-Markt. Nun feiern die Kalifornier einen ersten beachtlichen Sieg. Mit ihrer Elektro-Limousine Air (siehe Video unter diesem Absatz) in der Modellversion Grand Touring setzen sie mit 1,04 einen neuen Bestwert im Charging Index der P3 Group (P3CI). Die Beratungsgesellschaft aus Stuttgart hat dabei erstmals mit US-Fokus die wahre Ladegeschwindigkeit von E-Autos ermittelt und verglichen. Dabei standen neben bislang nur in Nordamerika erhältlichen Elektrikern wie den Pick-ups Ford F-150 Lightning und dem Rivian R1T auch Modelle auf dem Prüfstand, die in Europa ebenfalls erhältlich sind; der Lucid Air wird hierzulande ebenfalls angeboten.

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Die P3 Group erhebt den Index, damit Käuferinnen und Käufer sich nicht von der maximalen Ladeleistung eines E-Autos blenden lassen müssen. Mag sein, dass ein Porsche Taycan unter idealen Bedingungen und mit vorkonditionierter Batterie mit fast 300 kW laden kann. Doch wenn er diese Leistung schnell wieder herunterregelt, kann man die Fahrt möglicherweise auch nicht schneller fortsetzen als in einem Konkurrenzprodukt. Deshalb betrachtet P3 ausschließlich das Ladefenster zwischen zehn und 80 Prozent State of Charge (SoC). Für eine bessere Vergleichbarkeit werden alle Kontrahenten an Schnellladesäulen desselben Herstellers gemessen. Die Ausnahme bilden Tesla-Modelle, die nur an den firmeneigenen Superchargern ihre optimale Ladeleistung erreichen.

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Wie viele Extra-Kilometer in 20 Minuten?

Der Index wird errechnet, indem P3 den Quotienten aus der real in einem Zeitraum von 20 Minuten nachgeladenen Reichweite zu einem Zielwert von 300 Kilometern (in Europa; 200 Meilen beziehungsweise 322 Kilometer in den USA) ermittelt. Wer genau diese Bedingung erfüllt, erreicht einen P3CI von 1,0. Da der Lucid Air sogar bei 1,04 landet, kann er in 20 Minuten mehr als 322 Kilometer Reichweite nachladen; es sind 335 Kilometer, um genau zu sein. Damit ist er erst das zweite Auto nach dem Kia EV6, der in der Geschichte des P3 Charging Index über die 1,0-Marke springt.

Ins 13 Modelle umfassende US-Testfeld nahm die P3 Group nur E-Autos mit einem CCS-Schnellladeanschluss auf – plus Tesla mit dem markeneigenen Ladestandard. Interessant: Mit dem Porsche Taycan GTS, Kia EV6 LR RWD und Tesla Model S Plaid erreichen drei Modelle einen schlechteren P3CI als der Lucid, obwohl sie beim SoC zwischen zehn und 80 Prozent eine deutlich höhere durchschnittliche Ladeleistung erreichen. Dass der Kalifornier trotzdem vorn liegt, hat er seiner großen Batterie (112 Kilowattstunden; kWh) und seinem geringen Energieverbrauch von 26 kWh auf 100 Meilen (161 Kilometer) zu verdanken, der beim P3CI ins Verhältnis zu den Fähigkeiten beim Schnellladen gesetzt wird. Der Taycan gerät mit seinem 83,7-kWh-Akku und seinem Verbrauch von 41 kWh auf 100 Meilen in dieser Hinsicht zu stark ins Hintertreffen. Deshalb belegt er mit einem P3CI von 0,77 nur den Gesamtrang sechs – trotz höchster Spitzen- (270 kW, derselbe Wert wie beim Lucid) und Dauer-Ladeleistung (223 kW).

Rückblick auf 2022

Knapp hinter dem Tesla Model S Plaid (P3CI von 0,97) landet der Kia EV6 LR RWD mit 74-kWh-Akku und Heckantrieb auf dem dritten Platz. Dass sein US-P3CI mit 0,96 niedriger liegt als in der letztjährigen Europa-Auswertung (1,03), liegt an den nun strengeren Parametern: Die Kilometerzahl pro 20-Minuten-Ladung liegt höher und der Energieverbrauch geht auf Basis der Messungen der US-Umweltbehörde EPA statt des ADAC-Ecotests in die Berechnung ein. Die Einzelwerte – 308 beziehungsweise 309 nachgeladene Reichweiten-Kilometer in 20 Minuten – sind jedoch absolut vergleichbar.

Bei der 2021er-Ausgabe des P3 Charging Index lag noch der Mercedes EQS 580 vorne. 2022 (eine detaillierte Auswertung sehen Sie in der Fotoshow über dem Artikel) fiel der Schwabe auf den zweiten Platz zurück, was aber nicht daran lag, dass diesmal die Modellversion 450+ in die Wertung kam. Diese schaffte sogar einen besseren Wert: 2021 reichte ein P3CI von 0,88 beziehungsweise 266 Kilometern zum Sieg für den Elektriker mit Stern. Ein Jahr später schaffte der EQS 450+ sogar einen Charging Index von 0,92 respektive 275 Kilometern – und wurde doch nur Zweiter.

Enges Rennen auf den weiteren Plätzen

Dass es inzwischen einige sehr schnell ladende Elektroautos gibt, zeigt ein Blick auf das weitere Ranking der 2022er-Auswertung. Der BMW iX xDrive 50 (P3CI von 0,91 respektive 273 Kilometern), der Hyundai Ioniq 5 2WD (0,91 oder 272 km) und der Porsche Taycan GTS Sport Turismo (0,90 bzw. 271 km) folgten alle dicht hinter dem Mercedes und erreichten Werte, die im Jahr zuvor noch zum Sieg gereicht hätten.

Dass die beiden koreanischen Elektroautos kontinuierlich stark abschneiden, überrascht nicht: Sie nutzen sie eine 800-Volt-Bordnetz-Architektur und kommen dem 2023er-Champion Lucid Air (900 Volt) damit sehr nahe. Wie die Ladekurve des P3 Charging Index 2022 zeigt, sind sie damit in der Lage, beim Nachtanken von Strom ihren anfänglichen Mega-Energy-Boost so lange beizubehalten, bis die Batterie wieder gut 50 Prozent ihrer Kapazität erreicht hat. Vorteil des Kia gegenüber dem Hyundai: Er steigt in Sachen Ladeleistung etwas höher ein (etwa 235 Kilowatt) und erarbeitet sich damit einen Vorsprung, den keiner der Konkurrenten aufholt.

Paradoxon Porsche Taycan

Der Taycan und der weitgehend baugleiche Audi E-Tron GT Quattro, die ebenfalls mit einer 800-Volt-Architektur gesegnet sind, steigen zwar mit jeweils über 250 kW deutlich höher ein. Der Taycan erreicht mit 276 kW sogar die höchste maximale Ladeleistung aller getesteten Elektroautos. Aber beide Modelle knicken bereits bei 45 Prozent Kapazität ab – und das zudem klar stärker als die Wettbewerber. So gelingt dem Taycan das "Kunststück", mit 227 kW auch die größte durchschnittliche Ladeleistung zu bieten, aber im SoC-Bereich zwischen zehn und 80 Prozent trotzdem langsamer 300 Kilometer nachzuladen als vier andere E-Autos.

Der EQS schafft dagegen die Kunst, mit lediglich 400 Volt mitzuhalten. Er lädt anfangs nur mit etwa 210 kW und hält dieses Niveau auch nur, bis der Akku zu nicht einmal 30 Prozent gefüllt ist. Aber seine Kurve fällt dann deutlich flacher ab als jene der süddeutschen 800-Volt-Konkurrenz, weshalb er mit längerem Atem schließlich einen etwas höheren P3CI holt. Ganz ähnlich verläuft übrigens die Ladekurve des BMW iX, der ebenfalls auf ein 400-Volt-Akku vertraut.

VW ID.3 lädt deutlich langsamer als 2021

Erstmals ermittelte die P3 Group 2022 den P3CI in drei verschiedenen Klassen: Kompakt- (BAFA-Nettolistenpreis bis zu 35.000 Euro), Mittel- (35.000 bis 65.000 Euro) und Oberklasse (ab 65.000 Euro). Dass teurere Elektroautos offenbar die bessere Ladetechnik aufweisen, zeigt das im Vergleich eher maue Abschneiden der Kompaktklasse-Fahrzeuge. Das beste Unter-35.000-Euro-E-Auto, der VW ID.3 mit 58-Kilowattstunden-Batterie, schafft gerade einmal einen P3CI von 0,51 und lädt in 20 Minuten 153 Kilometer nach. Dass es das Modell grundsätzlich besser kann, zeigte die 2021er-Performance der Modellversion ID.3 Pro S mit 0,73 oder 220 Kilometern. Das reichte damals noch zum dritten Gesamtplatz.

Video: Der Kia EV6 im E-Auto Supertest

In ihrer Auswertung betrachtet die P3 Group zudem ein Phänomen, dass sich bereits bei Verbrenner-Fahrzeugen als Dauer-Ärgernis erwiesen hat: die Diskrepanz zwischen dem Normverbrauchswert und dem tatsächlichen Energieverbrauch. Für diese Auswertung zieht die Beratungsgesellschaft einerseits den WLTP-Wert und andererseits den tatsächlichen Stromverbrauch laut ADAC-Ecotest (in den USA: EPA-Verbrauchsmessung) heran. Indem er seine Normverbrauchsangabe von 20,0 Kilowattstunden auf 100 Kilometer in der Realität nur um zwei Prozent übertrifft, gewinnt der BMW iX xDrive50 diese Kategorie deutlich. Es folgen der Polestar 2 LR Single Motor (plus acht Prozent) und der Kia EV6 (plus elf Prozent) auf den weiteren Podiumsplätzen.

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Zwei Audis mit höchstem Stromverbrauch

Was den Energieverbrauch angeht, liegen zwei Audis am Ende des Feldes. Am schwächsten schneidet der Audi E-Tron GT Quattro ab: Er verbraucht im ADAC-Ecotest 26,3 Kilowattstunden auf 100 Kilometer und übertrifft seinen WLTP-Normwert um 22 Prozent. Kaum besser ist der Markenkollege E-Tron 55 Quattro mit 25,8 kWh/100 km respektive 13 Prozent. Die größte Diskrepanz zwischen Werksangabe und Realverbrauch zeigt sich beim VW ID.4 mit 77-Kilowattstunden-Akku: Er verbraucht laut ADAC 22,8 statt 16,4 kWh/100 km – eine Diskrepanz von satten 28 Prozent.  © auto motor und sport

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