Nach der Ermordung eines Neunjährigen in Herne sucht die Polizei nach dem mutmaßlichen Täter. Der flüchtige Tatverdächtige soll den kleinen Nachbarsjungen umgebracht und Bilder davon ins Darknet gestellt haben. Das Kommunikationsnetz, in dem User anonym surfen können, ist den Behörden schon länger ein Dorn im Auge. Was hat es genau damit auf sich?

Mord in Herne: Aktuelle News zur Fahndung nach Marcel H.

Mehr Anonymität im Internet stellt das sogenannte Darknet zur Verfügung - was dazu führt, dass es sowohl für ehrenwerte als auch kriminelle Aktivitäten genutzt wird. So funktioniert es.

Insbesondere in Zeiten der Abhörskandale und des gläsernen Nutzers sehnen sich nicht wenige Menschen nach mehr Anonymität. Hierzulande haben wir es noch relativ gut getroffen. In weitaus restriktiveren Staaten ist es mit der Meinungsfreiheit jedoch nicht weit her, und so flüchten sich Anwender in die undurchschaubaren Katakomben des Darknets.

Natürlich sorgt dies gleichzeitig dafür, dass auch Kriminelle das System verwenden, um ungestört "arbeiten" zu können. Ein ambivalenter Bereich für die Kommunikation über das Internet wurde somit geschaffen. Jegliche Software für den Ausflug ins Darknet ist übrigens kostenlos und legal zu bekommen. Niemand macht sich durch einen Gang ins Darknet strafbar.

Um auf das Darknet zuzugreifen, verwenden User Netzwerke wie TOR. Eine Abfrage seitens des Nutzers - also vielleicht das Ansurfen einer bestimmten Webseite - funktioniert dann wie folgt:

• Die TOR-Software leitet jedes Datenpaket über zahlreiche einzelne Server, die vom Netzwerk per Zufall ausgewählt werden. Es ist im Anschluss nicht mehr möglich, die genaue Route eines Datenpakets nachzuverfolgen.

• Über eine sogenannte Exit Node wird die Abfrage dann an das gewöhnliche Internet übertragen - beispielsweise geschieht also der Verbindungsaufbau mit einer Webseite.

• Die Daten, die sich auf dem Weg befinden, sind verschlüsselt. Jeder Server, über den das Datenpaket wandert, entschlüsselt einen kleinen Teil des Pakets. Zugriff auf das gesamte Paket bekommt am Ende jedoch nur der Nutzer.

Die Verschlüsselung macht es auch möglich, versteckte Webseiten zu erstellen, die vom "normalen" Internet aus nicht erreichbar sind. Diese Adressen kann ein gewöhnlicher Webbrowser nicht entschlüsseln und die Anfrage läuft ins Leere. Wird die Anfrage jedoch über einen der TOR-Browser gesendet, verstehen diese den Aufbau der URL.

Sie endet immer mit ".onion" und besteht in der Regel aus einer recht langen Buchstaben- und Ziffernfolge.

Durch die unzähligen Weiterleitungen über zahlreiche Server ist es am Ende nur schwer möglich, den Nutzer zu identifizieren, der beispielsweise auf eine bestimmte Webseite im Darknet zugreifen möchte. Zum Vergleich: Die IP-Adresse im gewöhnlichen Internet reicht bereits aus, um einen Anwender recht sicher zu identifizieren.

Darknet sorgt für mehr Anonymität

Im TOR-Darknet wäre dies nicht möglich, da die IP-Adresse zu keinem Zeitpunkt sichtbar wird.

Künstliche Intelligenz kann ihren eigenen Code weiterentwickeln.

Übrigens: Komplette Anonymität genießt der Anwender natürlich nur, wenn keine Eingabe persönlicher Daten erfolgt. Wer sich beispielsweise bei Facebook mit seinen Daten anmeldet, macht es anderen Nutzern natürlich einfach, die eigene Identität zu erkennen.

Auch wenn es wie überall schwarze Schafe gibt, ist die Nutzung des Darknets häufig durchaus positiv zu bewerten. In vielen repressiv geführten Ländern ist das Darknet eine der wenigen Möglichkeiten, sich auszutauschen, ohne Kopf und Kragen zu riskieren. Anonymität garantiert hier, dass Informationen veröffentlicht werden dürfen, die normalerweise zu Haftstrafen oder schlimmeren Folgen führen könnten.

Außerdem gilt: Das Darknet selbst ist keine illegale Institution. Sich dort aufzuhalten, hat aufgrund des zweifelhaften Rufs vielleicht den Anschein, etwas Verbotenes zu tun oder sich zumindest in einer Grauzone zu bewegen. Vergleiche aus dem echten Leben helfen jedoch auch hier: Niemand würde auf die Idee kommen, das Telefon zu verbieten, obwohl sich damit auch illegale Aktivitäten durchführen lassen.

Auch Küchenmesser dürfen wir weiterhin kaufen, obwohl man damit anderen Menschen Schaden zufügen könnte. Das Prinzip dürfte klar sein: Nicht die Nutzung des Darknets selbst ist illegal, sondern die Art und Weise der Nutzung.

Kriminelle missbrauchen es, um Drogen und Waffen zu beschaffen. Die Ermittlungen bei Straftaten sind deutlich erschwert. Das klingt natürlich sehr reißerisch, und tatsächlich darf man sich diese Aktivitäten nicht wie eine Shopping-Tour bei Amazon vorstellen, die Hürden sind deutlich höher als bei einem simplen Einkauf im Internet.

Geheime Version der App dürfen nur besonders attraktive Menschen nutzen.

Dennoch: Solange ein Markt für bestimmte illegale Aktivitäten existiert, stehen die Chancen nicht schlecht, dass das Darknet dafür auch eine Anlaufstelle bietet. Populäre Beispiele sind der Drogenumschlagsplatz Silk Road oder die Tatwaffe des Münchner Amokläufers vom Juli 2016, die ebenfalls über das Darknet bezogen wurde.

Das Darknet selbst bleibt trotz der genannten negativen Eigenschaften ein virtueller Raum, der sich nicht abschließend bewerten lässt. Es ist genauso wenig ausschließlich ein Ort der ehrenhaften Kämpfer für Meinungsfreiheit wie es lediglich eine Anlaufstelle für Gewalttäter und Terroristen ist. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.© IDG