In den USA kam es am Dienstag zu einem Ausfall des Buchungssystems "Sabre". Flugzeuge konnten nicht pünktlich starten, doch ein großes Luftverkehrs-Chaos blieb aus. Ein relativ unbekanntes Programm steuert einen Großteil des globalen Reiseaufkommens? Das ist keine Hollywood-Idee, sondern Realität – und nicht nur in der Reise-Branche. "Sabre" ist nicht das einzige System, welches unser tägliches Leben bestimmt. Verschiedene Programme und andere technische Hilfsmittel haben fast jeden Aspekt auch Ihres Lebens im Griff.

Hat der klassische PC überhaupt noch eine Zukunft? Wir haben uns darüber mit dem IT-Experten Christoph Schmidt vom "CHIP Magazin" unterhalten.

Buchung nicht möglich

Im Buchungssystem "Sabre" werden rund 53.000 Reiseagenturen, 400 Fluggesellschaften, tausende Hotelbetten und Taxis und Kreuzfahrtschiffe verwaltet. Reisebüros sind an das System angeschlossen, die Daten der Reisenden werden direkt bei der Buchung an die einzelnen Unternehmen weitergeleitet. Kommt es hier zur Störung, verzögern sich Abfertigung von Flug-Passagieren oder Hotelbuchungen. Der Ausfall der Software habe laut dem Nachrichtensender "CNN" rund zweieinhalb Stunden gedauert, 50 Flüge seien mit Verspätung gestartet. Ob es noch zu Flugausfällen oder weiteren Verspätungen kommt, ist noch nicht abzusehen.

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Zum Glück für die Passagiere gibt es neben "Sabre" auch noch andere Systeme, wie beispielsweise das in Europa vorherrschende "Amadeus", auf das Reisebüros ausweichen können. Ein Totalausfall aller Systeme und Anbieter ist daher sehr unwahrscheinlich – doch im Fall der Fälle würde das Reisen, wie wir es heute kennen, wohl zum Erliegen kommen. Es bliebe nicht nur bei Verspätungen, sondern käme zu massenhaften Flugausfällen. Der Reiseverkehr würde zusammenbrechen, da das System nicht mehr auf händische Buchungen ausgelegt ist. Doch nicht nur das Reisen ist fest im Griff der Technik, auch die moderne Wirtschaft kommt ohne elektronische Helfer nicht mehr aus – mit teilweise kuriosen Auswirkungen.

Computerprogramme spielen mit Geld

Würden Sie Ihr Geld einem Computer anvertrauen? Vielleicht tun Sie es bereits, denn an den Börsen regieren sogenannte "Algobots". Diese kleinen Computerprogramme kämpfen im Millisekunden-Takt um kleinste Gewinne bei Kursschwankungen – und das vollautomatisiert. Das Problem: Oft traden die Bots auch untereinander und Kurse schlagen Kapriolen. Ein Beispiel: der sogenannte "Flash Crash" vom 6. Mai 2010. Der Dow Jones büßte erstmals mehr als 1.000 Punkte ein, über die Hälfte binnen fünf Minuten. Die Ursache? Vermutlich der Tippfehler eines Händlers, der automatisierte Handel verstärkte den Effekt.

Finanzblogger Felix Salmon sieht in dieser Entwicklung eine ernstzunehmende Gefahr, wie das "Manager Magazin" berichtet: "Das passiert, wenn Aktien von Algorithmen gehandelt werden statt von Menschen. Der Aktienmarkt ist heute ein Kriegsgebiet, in dem Algobots miteinander um Pennies kämpfen, millionenfach pro Sekunde. Hier gerät etwas ganz wörtlich außer Kontrolle." Und das hat Auswirkungen: Während des "Flash Crashs" wurden knapp 900 Milliarden US-Dollar am US-Aktienmarkt verbrannt. Und eine Wiederholung ist durchaus denkbar.

Orientierungslos ohne GPS

Fast jeder besitzt heutzutage ein GPS-fähiges Gerät, angefangen beim klassischen Navi über Kameras bis hin zum Smartphone. Die Satelliten-Navigation bestimmt unser Leben in vielen Bereichen und viele verlassen sich blind auf die Funktion des "Global Positioning Systems". Doch das GPS ist angreifbar, nicht unbedingt von der Erde aus, sondern aus dem Weltraum – durch die Sonne.

Mitte 2012 diskutierte Experte William Murtagh vom Vorhersagezentrum für Weltraumwetter der US-Behörde NOAA mit einigen Kollegen den Ausfall des Systems durch einen Sonnensturm. Wenige Wochen zuvor hatte ein heftiges Partikel-Bombardement unseres Zentralgestirns die Erde erreicht, zum Glück aber kaum Auswirkungen gehabt, wie die Online-Ausgabe der "Zeit" damals berichtete. Trotzdem warnte Murtagh davor, dass unser Planet binnen der nächsten sechs Jahre von einem gewaltigen Ausbruch getroffen würde – mit Auswirkungen auf das GPS.

GPS benötigt unsere moderne Gesellschaft nicht nur für die Navigation auf der Straße, sondern auch für die Ortung von Flugzeugen, für Mobilfunknetze und für Bankgeschäfte. Ein Komplett-Ausfall hätte unabsehbare Folgen, aber er ist sehr unwahrscheinlich. Doch selbst einen Teil-Ausfall würde die Menschheit zu spüren bekommen, wie Stephan Lechner vom Institut für Schutz und Sicherheit des Bürgers (IPSC) der Europäischen Kommission in der "Zeit" erläutert. Zwar würden keine Flugzeuge vom Himmel fallen, da immer technische Alternativen einspringen könnten, doch vor allem in der Telekommunikation könne es zu Problemen mit der zeitlichen Synchronisation der beiden Gesprächspartner kommen. "Überleben würden wir einen GPS-Ausfall für einen Tag ohne Probleme, nur unkomfortabler könnte es werden", sagt Lechner.

Moderne Gesellschaft ist technikabhängig

Nicht nur Reisen, Welthandel und Navigation werden durch Programme und Regelsysteme bestimmt, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen – durch die Versorgung mit Brennstoff und Strom, die Verkehrsleitung oder die Entsorgung von Abwasser. Unsere moderne Gesellschaft ist abhängig von ihren elektronischen Helfern, auch wenn der Mensch kaum mehr Einfluss auf die Funktionen nehmen kann. Doch ohne die Technik, die im Hintergrund arbeitet, wäre die uns bekannte Gesellschaft nicht mehr möglich – und so schließt sich der Kreis. Systeme kontrollieren Systeme, der Mensch wird zum Zuschauer degradiert, aber profitiert durch deren Arbeit. Bis die Technik streikt.