Wie zuverlässig ist das Online-Lexikon Wikipedia wirklich? Wir zeigen die Schwachstellen auf – und worauf man achten sollte.

Von der japanischen Band "AAA" bis zur deutschen Punkkombo "ZZZHacker": Mehr als 30 Millionen Einträge in 280 Sprachen sind bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia zu finden. Für die meisten Internetnutzer ist das Lexikon eine Fundgrube des Wissens und erste Anlaufstelle, wenn sie etwas nachschlagen wollen. 884 Bücher mit jeweils 500 Seiten müsste man sich ins Regal stellen, wenn man allein die deutschsprachigen Einträge drucken lassen würde – und das ohne Bilder. Die Wikipedia-Nutzer vertrauen darauf, dass alles, was bei Wikipedia steht, wahr ist.

Russland ändert offenbar heimlich kritischen Artikel zu Flug MH17.

Aber stimmt das auch wirklich? In den 13 Jahren seit Gründung des Lexikons geriet Wikipedia mehrfach in die Schlagzeilen, weil falsche Informationen verbreitet wurden. Das Problem ist, dass jeder, der möchte, an der Enzyklopädie mitschreiben und Texte korrigieren kann. Mehr als 75.000 aktive Autoren verzeichnet die Webseite derzeit. Aber nicht alle wissen wirklich Bescheid, und manche haben ein Interesse daran, gefälschte Infos zu verbreiten.

Meist ist Wikipedia unglaublich schnell. Wenn etwa ein Prominenter stirbt, steht das oft schon nach Sekunden auf der entsprechenden Seite. Manchmal allerdings wird auch jemand zu früh für tot erklärt. Das passierte zuletzt bei der Fußball-WM in Brasilien. Der englische Physiotherapeut Gary Lewin hatte sich beim Jubel über ein Tor seiner Mannschaft ein Sprunggelenk ausgerenkt. Bei Wikipedia wurde der 50-Jährige flugs für tot erklärt. Allerdings nur vier Minuten lang, dann korrigierte ein anderer Autor den Beitrag. Er ist nicht der Einzige, den dieses Schicksal traf – diverse Prominente sind bei Wikipedia schon "gestorben".

Die Macht der Schwarmintelligenz

Der Fall zeigt eine Schwachstelle von Wikipedia – und eine Stärke. Denn das Lexikon setzt auf die Schwarmintelligenz. Das heißt, viele Menschen sind an der Wissenssammlung beteiligt. Sobald ein Fehler auf der Seite steht, wird ihn ein anderer Nutzer entdecken und verbessern. So ist es bei Lewin auch geschehen. Nur klappt das nicht immer umgehend.

In Wikipedia verstecken sich allerhand skurrile Geschichten.

Etwa bei den Vornamen des ehemaligen Wirtschaftsministers Karl-Theodor Guttenberg. Bei Wikipedia dichtete man ihm einen zusätzlichen zu seinen zehn Vornamen an. Korrekt heißt der Politiker Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Bei Wikipedia wurde aber ein zusätzlicher Wilhelm genannt. Zahlreiche Online-Medien übernahmen den falschen Wilhelm – und die Bild-Zeitung druckte alle elf Namen auf der Titelseite ab. Dabei hätte ein Blick auf die offizielle Webseite des Neuministers genügt.

Wie die Qualität gesichert werden soll

Dabei setzt Wikipedia auf ein ausgeklügeltes System zur Qualitätssicherung. So unterscheidet das Portal zwischen einfachen und regelmäßigen Autoren, den 26.000 Sichtern. Zwar kann jeder angemeldete Autor Artikel verändern, das wird aber erst nach Prüfung durch Sichter online zu sehen sein. Zusätzlich gibt es in Deutschland rund 250 Admins mit besonderen Rechten. Das sind erfahrene Nutzer, die gewählt werden. "Geschützte Seiten" können zum Beispiel nur von Admins bearbeitet werden. Seit Mai ist zum Beispiel die Seite des 1942 gestorbenen Rabbiners Joseph Carlebach geschützt. Der Grund: ein sogenannter "Edit War". Das heißt, zwei oder mehrere Wikipedia-Autoren liefern sich eine "Änderungs-Schlacht", jeder ist überzeugt, die richtigen Informationen zu besitzen.

Ein ständig auftretendes Problem bei Wikipedia ist auch der virtuelle Vandalismus, dem manche Artikel ausgesetzt sind. Die echten Texte werden jedoch meist in wenigen Minuten wiederhergestellt. Das können alle Nutzer nachvollziehen, denn jeder Artikel bei Wikipedia hat eine Diskussion und eine Versionsgeschichte.

Aber das kann nicht davor schützen, dass auch geschönte oder unliebsame Informationen verbreitet oder Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Der Comedian Atze Schröder wehrte sich dagegen, dass Wikipedia seinen echten Namen nannte. Er klagte 2007 gegen das Lexikon, zog die Klage aber zurück, nachdem sein Name gestrichen wurde. Doch noch heute ist die Frage der Namensnennung Gegenstand "erbitterter Diskussionen", wie es bei Wikipedia heißt.

Manche Einträge werden geschönt, zum Beispiel durch Umformulierungen oder Weglassen. Ein RWE-Mitarbeiter hatte beim Eintrag zum Kernkraftwerk Biblis das Wort "Störfall" gelöscht und daraus ein harmloses "meldepflichtiges Ereignis" gemacht. Wird so etwas bekannt, greift Wikipedia durch: Ende letzten Jahres wurden 250 Autoren gesperrt, weil sie im Verdacht standen, Artikel gegen Bezahlung geschönt zu haben. Verboten ist das Schreiben aus Eigeninteresse bei Wikipedia aber generell nicht.

PR-Experten manipulieren Beiträge

Nicht immer ist das leicht nachzuvollziehen: Manche PR-Agenturen sorgen dafür, dass die im Artikel genannten Quellen überhaupt erst vorhanden sind. Sie schreiben zum Beispiel positive Blog-Artikel, auf die dann bei Wikipedia verwiesen wird. Ohne eine Quelle wäre es schwierig, in einem Artikel einen extrem lobenden Satz unterzubringen. Wikipedia versteht sich als neutrale Seite, ein Sichter würde dies als Manipulation erkennen. Gibt es aber als Quelle für den lobenden Satz einen Blogeintrag, dann bleibt er wahrscheinlich stehen. Das hat das BR-Jugendmagazin "puls" in einem Selbstversuch nachgewiesen.

Grundsätzlich gilt also: Als erste Anlaufstelle ist Wikipedia meist eine zuverlässige Adresse. Eine 100-prozentige Sicherheit, dass alle Informationen richtig sind, gibt es nicht. Man sollte sich jedoch nicht nur auf das Lexikon verlassen, sondern auf anderen Seiten recherchieren und etwa prüfen, ob genannte Quellen wirklich existieren – und ob sie seriös sind.