TikTok hat es Menschen mit Behinderungen erschwert, mit ihren Videos große Reichweiten zu erzielen. Die Empörung darüber ist groß - und der Dienst beteuert, es gut gemeint zu haben.

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Recherchen des Onlineportals Netzpolitik.org zufolge hat die chinesische Videoplattform TikTok bis vor wenigen Wochen die Sichtbarkeit von Videos eingeschränkt, die Menschen mit Behinderungen zeigten.

Dadurch sollten diese Menschen, die nach interner Einschätzung von TikTok "hochgradig verwundbar für Cyberbullying" sind, vor Cyber-Mobbing geschützt werden, berichtet Netzpolitik.org unter Verweis auf "interne Moderationsregeln" und eine Quelle im Unternehmen. Es ist die mittlerweile dritte Enthüllung des Portals zu TikToks teils fragwürdigem Umgang mit Inhalten.

Dem neuen Bericht zufolge wies TikTok seine Moderatoren an, Videos von Menschen mit Behinderungen zu markieren und in ihrer Reichweite zu begrenzen. Die Rede ist von Nutzern, bei denen TikTok "auf Basis ihrer physischen oder mentalen Verfassung" davon ausging, dass sie zur Zielscheibe von Angriffen würden.

Weil Mobbing nachweislich schlimme Folgen für die Betroffenen habe, bekamen TikTok-Moderatoren die Anweisung, Videos solcher Nutzer grundsätzlich als Risiko zu betrachten, heißt es bei Netzpolitik.org. Auch LGBT und dicke Menschen seien auf einer Liste von "Besonderen Nutzer:innen" gelandet - offenbar unabhängig von ihren Inhalten.

30 Sekunden und 15-Sekunden-Clips für Ferndiagnosen

Die Regeln seien mindestens bis September gültig gewesen, schreibt Netzpolitik.org. Moderatoren hätten durchschnittlich innerhalb von 30 Sekunden entscheiden müssen, ob in einem Video beispielsweise ein "entstelltes Gesicht", "Autismus" oder "Downsyndrom" zu sehen sei.

"Die Regeln irritieren zunächst auf der ganz praktischen Ebene", kommentieren dies Chris Köver und Markus Reuter: "Wie soll etwa ein Moderator erkennen, ob jemand, der auf TikTok einen 15-sekündigen Videoschnipsel teilt, eine Störung aus dem autistischen Spektrum aufweist?"

Das Vorgehen sei "übergriffig und ausgrenzend", zitierte Netzpolitik.org die Organisation Ability Watch, die sich für die Belange von Menschen mit Behinderung einsetzt. Diese seien in den Medien ohnehin unterrepräsentiert, was "aus falsch verstandener und unnötiger Fürsorge" auch auf "neue digitale Plattformen" übertragen werde. Auch andere Organisationen äußerten sich kritisch.

"Dieser Ansatz war nie als langfristige Lösung gedacht und obwohl wir damit eine gute Absicht verfolgt haben, wurde uns klar, dass es sich dabei nicht um den richtigen Ansatz handelt", sagte derweil eine TikTok-Sprecherin Netzpolitik.org. Die Regelungen seien inzwischen durch neue, nuancierte Regeln ersetzt worden. Einzelheiten wollte sie laut dem Onlineportal zufolge nicht nennen.  © DER SPIEGEL

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