Davon träumen viele: Die Arbeit direkt vom Strand aus erledigen, statt sich morgens ins Büro zu quälen, jederzeit komplett orts- und zeitunabhängig. Doch bei aller Euphorie in Anbetracht der neuen Möglichkeiten die sich daraus ergeben, sollte man auch die Risiken des digitalen Zeitalters nicht ausblenden. Sind Sie bereit für die Arbeitswelt 2.0?

In der Zukunft geht es um viel mehr als nur moderne Arbeitsplätze. Es geht darum, wie wir unser Leben mit dem technischen Fortschritt und der branchenübergreifenden Digitalisierung am besten organisieren. Neben der Selbstausbeutung im Job, die heute schon viele tagtäglich erleben, sind die mangelnden Jobaussichten der Generation-50-Plus eine der drängendsten Fragen.

In München kamen Experten aus Politik, Wissenschaft und der Startup-Wirtschaft zusammen, um über diese und weitere Themen zu diskutieren. Wir waren bei dem Round-Table "Moderne Arbeitswelten 2.0" vor Ort, um uns die verschiedenen Positionen der Podiumsteilnehmer anzuhören.

Diese futuristischen Städte könnten morgen Realität sein.

Unter anderem vertrat Markus Blume von der CSU die konservative Seite der Debatte. Politkollege Tim Lubecki von der Linken stellte die negativen Aspekte der Entwicklung zur "ständigen Erreichbarkeit" in den Vordergrund. Die Startup-Gründer Philip Benkler und Catharina van Delden brachten die Unternehmerseite in die Diskussion mit ein. Dr. Rahild Neuburger von der Ludwig-Maximilians-Universität und Alexander Scheltz vom Frauenhofer-Institut untermauerten die Debatte aus der Sicht der Wissenschaft. Ebenfalls zur wissenschaftliche Bewertung des Round Tables wurde Dr. Wolfang Menz vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung geladen. Vom IT-Branchenverband Bitkom war Tobias Arns als Podiums-Teilnehmer bei dem Event vertreten.

Arbeitswelt 2.0

Mit einem Studium hat man noch immer gute Gehaltsaussichten.

Schafft der digitale Wandel neue Jobs, oder verlieren dadurch mehr Menschen ihren Arbeitsplatz?

Der CSU-Politiker Markus Blume möchte der digitalen Ökonomie ausreichend Freiräume schaffen und nicht von vorneherein durch zu strenge Gesetze das Wachstum bremsen: "Eine sehr sichere Welt bringt nichts, wenn dadurch Jobs verloren gehen". Daher kann seiner Meinung nach eine 1:1 Übertragung der Gesetze von der analogen auf die digitale Welt nicht funktionieren. Auch die Automobilindustrie ist im Umbruch: Mehr als 50 Prozent der Entwicklungsarbeit eines Neuwagens besteht heutzutage aus Software. Dadurch würden sich laut Markus Blume ganz andere, neue Jobfelder ergeben. Dr. Rahild Neuburger von der LMU rät ihren Kindern daher: "Sucht euch Jobs, die nicht automatisierbar sind". Nach ihrem Dafürhalten ist ein Studium nicht unbedingt erforderlich, um gute Chancen in der Berufswelt der Zukunft zu haben.

Die Experten sind sich einig, dass auch etablierte Branchen jederzeit von der Digitalisierung erfasst werden können. So ist die "mytaxi"-App als branchenfremder Dienst in ein traditionelles Umfeld eingedrungen und hat rasch viele Kunden gewonnen. Ein Trend, der sich bei dem Online-Vermittlungsdienst "Uber" fortsetzt, bei dem jeder auch ohne Taxilizenz in die Rolle des Chauffeurs schlüpfen kann. Dass dadurch neben Auftragsrückgängen in der Taxi-Branche gewissermaßen auch neue "Mini"-Jobs entstehen, blenden die Kritiker dabei häufig aus.

Vertrauensarbeitszeit kann zu Selbstausbeutung führen

Philipp Benkler über den Umgang mit privaten Daten nach Snowden.

Gelingt es in der digitalen Lebenswelt, Beruf und Freizeit zu vereinbaren?

Bei der Vertrauensarbeitszeit muss der Arbeiternehmer nicht mehr täglich die Arbeitszeit abstempeln, sondern kann sie sich frei einteilen. Doch wenn es nach Dr. Rahild Neuburger von der LMU München geht, ist diese moderne Organisationsform nicht auf jeden Job übertragbar: Das Prinzip der Vertrauensarbeitszeit funktioniert ihrer Meinung nach nur bei ergebnisorientierten Jobs. Anders als beispielsweise beim Friseur, der im direkten Kundenkontakt steht, zählt hier nur das Endergebnis - der Weg dahin ist egal. Das klassische "9 to 5"-Arbeitsmodell (von 9 Uhr morgens bis 17 Uhr abends) wird also weiterhin seinen festen Bestand in unserer Gesellschaft haben. So kann sich der Arbeitswissenschaftler Wolfgang Menz sogar vorstellten, dass bei "der Vertrauensarbeit die Arbeitnehmer die Stempeluhr oftmals als Rettungsanker sehen würden". Die Experten sind sich überdies einig, dass die Vertrauensarbeitszeit in den allermeisten Fällen zu längeren Arbeitszeiten als beim klassischen "Stempeluhr-Modell" führt. Tim Lubecki von der Linken steht der digitalen Berufswelt eher kritisch gegenüber und mahnt vor der ständigen Erreichbarkeit. Dadurch seien Arbeitnehmer immer stärker in ihrer berufliche Rolle gefangen. Dieser Trend könnte etwa durch die duale Nutzung von Smartphones, ohne eine Trennung zwischen Job- und Privatleben, weiter vorangetrieben werden.

Arbeiten im Alter

Werden die Älteren durch den Wandel in der Berufswelt abgehängt, oder ergeben sich neue Möglichkeiten?

Vielfach wird älteren Arbeitnehmern die Fähigkeit abgesprochen, Innovationen im Job hervorzubringen. Junge Absolventen scheinen der Quell der Ideen zu sein. Alexander Schletz vom Frauenhofer-Institut für Arbeit und Organisation sieht allerdings keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Alter des Beschäftigten und seiner Innovationskraft. Diese Erkenntnis stammt aus der Arbeitsgemeinschaft "Projekt 2022 - Demografischer Wandel im Service". Bei dem Projekt wurde ein Mitarbeiter-Team mit der Altersstruktur, wie sie für das Jahr 2022 erwartet wird, zusammengestellt: Junge Kollegen erklärten den Älteren den Umgang mit Smartphones und sozialen Netzwerken und nahmen ihnen Berührungsängste. Zudem wünschten sich die älteren Teilnehmer einen Rückzugsort, um sich etwa über neue Software-Schulungen zu beraten. Alexander Schletz hält ein "Living Lab" für deutlich besser geeignet, um das Thema offensiv anzugehen, als Hochglanz-Broschüren.

Deutschlands Digitale Perspektive

Wie gut ist Deutschland im internationalen Vergleich in Sachen "Job 2.0" aufgestellt?

Die LMU-Oberrätin Dr. Rahild Neuburger sieht in der EU eine gute Chance für Deutschlands Wachstum. Sie gibt allerdings zu bedenken, dass nur Internet-Unternehmen, die von Start an in englischer Sprache verfügbar waren, am Ende der internationale Durchbruch gelungen sei. Zudem habe sich laut Philipp Benkler, Gründer von "testbirds" immer wieder gezeigt, wie wichtig der starke Datenschutz in Deutschland sei.

Die Kritik aus dem Publikum, dass Deutschland in den letzten Jahren keine Hightech-Produkte hervorgebracht hätte, weist Philipp Benkler zurück. Es habe zwar keine "Big Bangs" in der Größe von "Google" oder "Facebook" aus Deutschland gegeben, allerdings gäbe es viele deutsche IT-Innovationen im Geschäftssektor. Markus Blume von der CSU möchte ein Ökosystem der Digitalisierung aus den Eckpfeilern Bildung, Forschung und Gründen aufbauen. Er sieht Deutschland dabei auf einem guten Weg, den Anschluss an die internationalen Mitbewerber auch im Digitalen Zeitalter nicht zu verlieren.