Unbegrenzt bezahlter Urlaub? Manche Firmen bauen darauf. Nach der neuen Unternehmensrichtlinie von General Electric dürfen Mitarbeiter solange von der Arbeit fernbleiben, wie sie wollen – Hauptsache, die Leistung stimmt. Aber funktioniert das Modell auch?

Ein starrer Acht-Stunden-Job gehört in den meisten Unternehmen schon lange der Vergangenheit an. Home Office, Jobsharing und Sabbatjahre sind keine Ausnahmen mehr und zeigen, dass die Unternehmen mit ihren flexiblen Arbeitszeitmodellen den individuellen Lebensumständen ihrer Mitarbeiter zunehmend entgegen kommen.

Dass nun aber ein Großkonzern wie General Electric unbegrenzt bezahlten Urlaub einführt, ist neu. Ist das eine Trendwende?

Urlaub gegen erbrachte Leistung

Wie CNN Online berichtet, dürfen sich bei General Electric Mitarbeiter in leitenden Positionen immer dann freie Tage nehmen, wenn sie Urlaub brauchen. Trotzdem müssen sie ihre Aufgaben erledigen – unabhängig davon, wie viel Zeit sie im Büro verbringen. Und genau dort könnte der Haken liegen. Denn diese Vorgabe könnte sogar den Druck erhöhen.

Michael Weidinger von der Herrmann-Kutscher-Weidinger-Arbeitszeitberatung unterstützt Firmen bei der flexiblen Gestaltung ihrer Arbeitszeitmodelle. Er sagt: "Dass Mitarbeiter beliebig viel Urlaub nehmen können, solange sie ihre Ergebnisse bringen, würde ich als Standardmodell keinem Unternehmen empfehlen."

Gemeinsam mit seinen Co-Geschäftsführern hat Weidinger in den vergangenen 30 Jahren in mehr als 6.000 Fällen beraten, er weiß: "In jeder Abteilung gibt es diejenigen, die sich bei der Arbeit eher zurückhalten und andere, die bereit sind, Dinge zusätzlich zu machen."

Das flexible Modell von General Electric sieht er kritisch. "Mitarbeiter könnten es durch geschicktes Verhalten schaffen, anderen ihre Arbeit aufzudrücken und selbst ein viertel Jahr in den Urlaub zu gehen – das passt doch nicht."

Unbegrenzter Urlaub: Firmen sparen Verwaltungskosten

General Electric sieht das anders, bewertet das leistungsgetriebene Arbeitszeitmodell positiv: Mit flexiblen Arbeitszeiten wolle das Unternehmen seinen Mitarbeitern signalisieren, dass es ihnen vertraue. Und darüber hinaus das Verantwortungsbewusstsein für die Unternehmensziele bei jedem Mitarbeiter stärken.

Neben den Mitarbeitern solle auch das Unternehmen selbst profitieren: So spart es künftig den nicht unerheblichen Aufwand für die Arbeitszeitverwaltung in der Personalabteilung. Möchte ein Mitarbeiter nämlich in den Urlaub gehen, dann muss er das lediglich mit seinem direkten Vorgesetzten abstimmen.

Aber wenn, so wie in dem Modell von General Electric möglich, die Leistung auch in halber Zeit erbracht werden könne, gelte es dann nicht viel eher zu prüfen, inwiefern das Verhältnis der Arbeitszeit und den Aufgabenvolumen verbessert werden kann?

Experte Michael Weidinger bestätigt das: "Die Arbeitszeit soll im Idealfall genau so lang sein, dass alle anfallenden Aufgaben gut erledigt werden können – nicht mehr und nicht weniger."

Weitere Alternativen zu den bisherigen Arbeitszeitmodellen

General Electric ist nicht das erste Unternehmen, das mit unkonventionellen Ideen zur Arbeitszeitgestaltung vorprescht. Microsoft beispielsweise hatte bereits 1998 feste Arbeitszeiten abgeschafft, im Herbst vergangenen Jahres kippte das Unternehmen auch die Anwesenheitspflicht seiner Mitarbeiter. Seither dürfen diese nicht nur arbeiten, wann, sondern auch von wo sie wollen. SAP, BMW und die Deutsche Bank experimentieren hierzulande ebenso mit der "Easy Economy", wie Telearbeit heute im Managementsprech heißt.

Doch nicht überall haben sich die Lockerungen bewährt. So holte Marissa Meyer, Vorstandsvorsitzende von Yahoo, im Juni 2013 alle Mitarbeiter aus ihrem Home Office zurück in die Firmenzentrale. Den Grund schrieb sie in einer internen E-Mail: "Um der absolut beste Arbeitsplatz zu werden, sind Kommunikation und Zusammenarbeit wichtig, also müssen wir Seite an Seite arbeiten."

Bei General Electric bleibt erst einmal abzuwarten, ob die Mitarbeiter das neue Arbeitszeitmodell überhaupt annehmen. Zahlreiche Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass Führungskräfte im Allgemeinen flexibles Arbeiten bisher ablehnen – aus Angst, damit auf lange Sicht in der Karrieresackgasse zu landen.